Der Schöngeist und das Biest

Die jüngste Neuinterpretation von Jack Londons „Der Seewolf“ im ZDF

Manche „Fernsehkinder“ reagieren verschnupft, wenn man sich an ihren Abgöttern vergreift. Als „Fernsehkinder“ beschrieb der Autor Willi Wüllenweber 1994 die Angehörigen jener Generation, die es dem neuen Medium verdankte, „einfach in die Vergangenheit abzutauchen, per Fernbedienung die Zeit beliebig weit zurückdrehen zu können.“

In der Adventszeit 1971 führte die Zeitreise in das San Francisco des Jahres 1906, zu den pazifischen Robbengründen, in die Tundra: Das ZDF zeigte die vierteilige Verfilmung des Abenteuerromans „Der Seewolf“. Nachdem der erste Teil noch von der ARD mit einer Übertragung aus dem Ohnsorg-Theater ausgestochen worden war, verdoppelten sich die Einschaltquoten in der Woche darauf – „Der Seewolf“ wurde zum TV-Ereignis des Jahres.

Dieser ungeheure Erfolg muss im programmlichen Zusammenhang bewertet werden. Bei gerade mal drei Kanälen stellte die Ausstrahlung von Kinofilmen und großen TV-Eigenproduktionen eher die Ausnahme dar. Fiktionale Unterhaltung wurde oft genug als Theateraufführung dargeboten. Auch deshalb war „Der Seewolf“, unter teils abenteuerlichen Bedingungen in Rumänien und Schweden gedreht, eine Sensation.

Die damals bestimmenden Umstände sind nachgeborenen Zuschauern völlig fremd. Jack Londons Abenteuerstoff aber scheint an Faszination nicht verloren zu haben. Vor Jahresfrist zeigte ProSieben die von der Produktionsfirma Hofmann & Voges – die Namensgeber sind ebenfalls erklärte „Fernsehkinder“ – realisierte Neuverfilmung mit Thomas Kretschmann. Parallel entstand als internationale Koproduktion die Adaption der Firma Tele München, die schon den ZDF-Vierteiler hergestellt hatte.

Anders als in den 70ern stammen wesentliche Beiträge aus britischer Hand. Mike Barker führte Regie, der Dramatiker und Drehbuchautor Nigel Williams schrieb das Skript. Der 61-Jährige bewies größere Werktreue als seinerzeit sein deutscher Kollege Walter Ulbrich, der weitere Erzählungen Jack Londons einbezog und so über Rückblenden eine gemeinsame Vorgeschichte des Robbenjägers Larsen und seines unfreiwilligen Passagiers Humphrey Van Weyden konstruierte.

Williams betont das erst psychologische, später auch körperliche Duell zwischen dem markigen Robbenfänger Wolf Larsen und dem aufgefischten und in die Fron gezwungenen Intellektuellen Humphrey Van Weyden. Dieses ideelle Kräftemessen geht unter anderem auf Jack Londons Nietzsche-Lektüre zurück: Der belesene Larsen vertritt einen rabiaten Sozialdarwinismus, Humphrey Van Weyden humanistische Werte.

Larsen setzt seinen Glauben an das Recht des Stärkeren im Alltag an Bord handfest um und quält die Mannschaft bis aufs Blut. Deutlicher als seinerzeit der vor allem physisch auftrumpfende Raimund Harmstorf – wie er eine scheinbar rohe Kartoffel in der Hand zerquetschte, zählt zur kollektiven Folklore – kehrt Hauptdarsteller Sebastian Koch Larsens intellektuelle Seite hervor. Stephen Campbell Moore spielt den Feingeist Van Weyden, der unter Larsens rauem Regime zum versierten Schiffsführer reift. Tim Roth verkörpert Wolfs verhassten Bruder „Death“ Larsen. Neve Campbell bewegt sich als Schriftstellerin Maud Brewster zwischen diesen Männern. Und trägt dazu bei, dass eine lange bezähmte Feindschaft offen ausbricht.

Regisseur Mike Barker steht inzwischen erneut auf den Planken, die die Welt bedeuten. Derzeit dreht der selbe Produktionsverbund für 18,4 Millionen Dollar eine prominent besetzte Neuverfilmung des „Moby Dick“. Der auftraggebende Sender allerdings hat gewechselt: Der von William Hurt gespielte Kapitän Ahab wütet demnächst bei RTL.

„Der Seewolf“, Sonntag, 1.11.09, und Mittwoch, 4.11.09. ZDF, 20.15 Uhr

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