Da kann ich Feuer vom Himmel regnen lassen

1979 hatte eine Heftromanreihe Premiere, die eine Abkehr von der bisherigen seriellen Science Fiction bedeutete. In „Die Terranauten“ wurden keine futuristischen Sternenkriege ausgefochten. „Science“, also Wissenschaft, bedeutete hier unter anderem Soziologie, Ökologie, Religionswissenschaft. Der Kölner Mohlberg Verlag macht diesen Klassiker nun in Form einer Buchreihe wieder zugänglich. Thomas R. P. Mielke, der gemeinsam mit Rolf W. Liersch das Konzept entwarf, erzählt im Interview, warum er die von Fans lang ersehnte Wiederveröffentlichung mit gemischten Gefühlen betrachtet.

Band 1 der Neuauflage (© Mohlberg Verlag)

Freuen Sie sich über die Neuauflage der „Terranauten“?

Mielke: Weiß ich nicht. Ich habe nie einen gelesen. Übrigens auch keinen „Perry Rhodan“.

Aber der Entwurf stammt doch von Ihnen?

Mielke: Ich habe das gesamte Konzept geschrieben, zusammen mit Rolf  W. Liersch. Also inklusive Lexikon, soziologischen Strukturen, Personen, Waffen, Welträumen usw. Plus hundert Plots oder auch Exposees. Die einzelnen Autoren haben das dann unter dem strengen Controlling eines Verlags-Lektors weiterentwickelt.

Dann dürfte man Sie doch mit Fug als Vater der Serie bezeichnen.

Mielke: Korrekt. Rolf  W. Liersch und Thomas R. P. Mielke sind die Väter der Serie. Doch dann gab es einen großen Knackpunkt: Wir wollten das Gegenteil von „Perry Rhodan“. Also nicht den Imperator, und am Schluss siegt die arisch-terranische Rasse. Es war eine Abnabelung von dieser ganzen Ami-Machart: schneller, höher, weiter. Der Grundgedanke war: Perry Rhodan hat alles erobert, das gesamte Universum unterjocht. Es gibt aber eine Art Archipel Gulag irgendwo am Rand des Universums. Da sitzen die Verbannten, Verstoßenen und Kranken: Die durchs System Gefallenen. Und die ganze Story dreht sich um den Traum dieser verzweifelten Gruppe von Idealisten: zurück zur Erde – „back to the roots“. Daher auch der Name „Die Terranauten“ – sie suchen die Erde und die ursprünglichen menschlichen Werte. Aber dann hat Bastei gesagt, nein, wir brauchen einen Einzelhelden. Also doch wieder „Jerry Cotton im Weltall“. Da haben wir gesagt: Nicht mit uns. Und das wars dann.

Dieses esoterische Moment, mit dem Urbaum Yggdrasil, war das bei Ihnen schon angelegt?

Mielke: Selbstverständlich. Das war die Grundlage der ganzen Geschichte. Ich bin selbst Pastorensohn, muss ich dazu sagen. Wir wollten fragen, wie kann man Religion heute mal anders und nicht wie Scientology verkaufen? Das fanden wir viel interessanter als diese ganze Raumschiffballerei. In dem Moment, als der erste Sputnik oben war, hatte ich eigentlich schon das Interesse an der Science Fiction verloren. Dann war es ja nur noch Technik und Ausführung. Deswegen sind sehr viele von den Science-Fiction-Autoren in der Folgezeit zu den historischen Romanen abgewandert. Zu den Quellen, den Mythen, zu Legenden, Archetypen. Das ist aber auch schon wieder abgenudelt. Inzwischen haben alle großen Helden der Geschichte ihren Romanschinken auf den Grabbeltischen der Buchhandlungen und jede Hausfrau hat ihre Version der „Wanderhure“ geschrieben. Also muss es wieder etwas anderes geben. Aber klassische Science Fiction ist es nicht, weil wir dafür nicht genug Leser haben.

Ich dachte, das ist ein Genre, das sich kontinuierlich hält. Oder hat sich das auf Film und Fernsehen verlagert, auf Mythologien wie „Star Trek“, „Star Wars“, „Heroes“ …

Mielke: Nein. Die Frauen und die Träumer sind abgewandert in die Fantasy und zu Gothic. Ich habe vor 20 Jahren gesagt, wir haben nur dann eine Chance, wenn wir das Label weglassen. Es darf nicht mehr Science Fiction draufstehen. Trotzdem hat meine bereits 1985 erschienene Polit-Vision vom friedlichen Fall der Berliner Mauer den Preis als bester deutscher Science Fiction-Roman gewonnen. Vier Jahre später war es so weit: Realität schlägt Utopie. Eigentlich eine herrliche Satire. Aber genau das meine ich. Oder nehmen Sie mal „Die Rättin“ von Günter Grass. Nur als Beispiel. Mit dem Label Science Fiction würde jeder sagen: Da kommt ja gar kein Raumschiff vor. Für mich war Science Fiction immer der gesamte Bereich der fantastischen, utopischen Literatur mit einem logischen Ansatz. Das fängt an mit dem Raumschiff von Hesekiel im Alten Testament geht über Thomas Morus’ „Utopia“ und „Faust II“ bis zu „1984“ von Orwell – das gehört alles viel eher dazu, als irgendwelche herumballernden Weltraumidioten oder „Waterworld“-Conans.

Also Science Fiction als Teilbereich der Fantastischen Literatur …

Mielke: Ja. Fantastische Literatur wird auch weiter existieren, weil Literatur immer fantastisch ist. Das ist ja das Schöne daran. Es verstehen auch jene Leute die historischen Romane falsch, die immer nur die Daten nachprüfen. Es geht nicht darum, welcher König wann welche Schlacht geschlagen hat. Es geht um die Menschen und ihre Vorstellungen: Da kann ich Feuer vom Himmel regnen lassen oder der Frosch liebt die Prinzessin. Ich würde gern mal wieder einen klassischen Science Fiction-Roman schreiben. Aber dafür gibt es nicht mehr genug Leser.

Steht am Ende Ratlosigkeit oder haben Sie schon eine Antwort?

Mielke: Natürlich gibt es immer eine Antwort. Ich bin schon längst dabei. Sie haben sie ja selbst gesagt: Fantastische Literatur. Das große Abenteuer Gedankenfreiheit ohne Grenzen. Ohne jedes Label.

Interview: Harald Keller

Zur Person Thomas R. P. Mielke:

Thomas R. P. Mielke wurde 1940 in Detmold geboren. Er war Fluglotse, später wechselte er in die Werbung. Nebenbei schrieb er Science-Fiction-Romane und Beiträge für Heftreihen wie „Rex Corda“ und „Ad Astra“, teils in Kooperation mit Rolf W. Liersch: „Ich war Kreativdirektor in dieser Agentur und der gute Rolf Liersch war der Cheftexter. Nachts, wenn alle anderen weg waren, saßen wir noch weiterhin im Europa Center und haben dann gegenübersitzend auf zwei Schreibmaschinen unsere Schmöker geschrieben.“ Auch das Konzept für „Die Terranauten“ war ein Gemeinschaftsprodukt. Die Romanreihe war auf 99 Hefte angelegt. Für den 100. Band hatten sich die Urheber einen besonderen Clou ausgedacht: Sie wollten in ihrer Fiktion den Welteneroberer Perry Rhodan vor Gericht stellen. Soweit kam es nicht – der Bastei-Verlag forderte Änderungen, die die beiden Erfinder nicht mittragen wollten. Sie zogen sich aus dem Projekt zurück. Neben Science Fiction schreibt Mielke fantastische und historische Romane wie „Die Varus-Legende“. Zu seinen erfolgreichsten Bücher zählt „Colonia. Der Roman einer Stadt“. In dem Epos beschreibt er 2000 Jahre Stadtgeschichte aus der Ich-Perspektive.

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