Alleinunterhalter und andere Köche

Zwar steht Großbritanniens Küche in unverdient schlechtem Ruf, aber die dort produzierten Kochsendungen machen Schule. Das hat Tradition: Der Franzose Xavier Marcel Boulestin zeigte schon im britischen Vorkriegsfernsehen sein Können als Spitzenkoch. Ab 1946 gab Philip Harben wertvolle Tipps, wie man trotz kriegsbedingter Mangelwirtschaft ein schmackhaftes Essen auf den Tisch bringen konnte. Deutsche Programmschaffende folgten dem Beispiel. Berliner TV-Pioniere bauten eine Küchenkulisse in ihr ohnehin überhitztes Studio und ließen einen Fernsehkoch die wegen der vielen Scheinwerfer ohnehin schweißtreibenden Temperaturen weiter anheizen. Der Name dieses Küchenmeisters ist leider nicht überliefert.

Anders verhält es sich mit Clemens Wilmenrod (Geburtsname Carl Clemens Hahn). Er war weder der erste noch einzige, aber der bekannteste Fernsehkoch der 1950er-Jahre. Seine 1953 eingeführte Reihe „Bitte in zehn Minuten zu Tisch. Kochkunst für eilige Feinschmecker“ blieb elf Jahre im Programm. Das unbestreitbare Showtalent des gelernten Schauspielers und unverfrorenen Fabulierers prädestinierte ihn für das damals noch neue Medium. In den frühen Jahren kochte Wilmenrod zur besten Sendezeit, machte das Beste aus dem, was der Markt hergab und empfahl den Wirtschaftswunderkindern zum Beispiel verlorene Eier auf Toast mit einer gefüllten Erdbeere als pfiffigem Nachtisch. Exotisch waren allein der gelegentlich angewandte Spritzer aus der damals noch ungebräuchlichen Ketchup-Flasche oder der französelnde Phantasiename für einen schlichten angemachten Salat.

Doch die filouhafte Methode, in einer noch immer unter den Kriegsnachwirkungen leidenden Republik aus bescheidenen Zutaten wohlklingende Gerichte zu zaubern, kam an. Die „Wiesbadener Zeitung“ nannte Wilmenrod einen „modernen Physiologen des guten Geschmacks“.  Ein Autor der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hieß Wilmenrod den „Star der Stars“ und schrieb weiter: „Ich verdanke ihm unvergeßliche Rezepte. Der ganze Vorgang ist so heilig wie abenteuerlich.“ Hintersinnig auch die Aussage der „Hör zu“: „Das NWDR Fernsehen hat einen guten Griff getan, als es sich den Mann und sein hobby sicherte.“

Wilmenrods Begabung lag vor allem in der telegenen Präsentation. Seines bemerkenswerten Aplombs wegen war er auch ein gefragter Gast früher Unterhaltungssendungen wie „Das grosse ABC. Ein fröhlicher Anfang in drei neuen Studios des NWDR-Fernsehens“ am 22. Oktober 1953. 1955 stand er in der Sendung „Achtung! Hochspannung! Kleinkunstspezialitäten, zubereitet von Clemens Wilmenrod, serviert von Peter Frankenfeld“ mit einem der ganz Großen des Metiers vor der Kamera. Daneben gilt Wilmenrod als der ungekrönte Maitre des Merchandisings. Seine Kochbücher verkauften sich bestens, desgleichen die Kochschürze mit Wilmenrods Konterfei, die der eitle Schnellkoch in seiner Fernsehküche zu tragen pflegte. Weitere Einkünfte verdankte er im Stillen tätigen Sponsoren, deren Produkte in seiner Fernsehküche Verwendung fanden. Wilmenrod wusste seinen TV-Ruhm gut zu vermarkten, weshalb sein Name im kollektiven Gedächtnis geblieben ist, während sein bayerischer Freund und Kollege Hans-Karl Adam in Vergessenheit geriet.

Im Vergleich zu Wilmenrods Auftritten ging es in den Kochsendungen am Nachmittag nüchtern und pragmatisch zu, wenn Irene Krause beispielsweise „weniger bekannte Gemüsegerichte“ (12. und 20. Oktober 1955) vorstellte oder „Schmalzgebackenes für die Silvesterfeier“ (29. Dezember 1955) empfahl. Amüsanter agierte der selbsterklärte Hobbykoch Holger Hofmann, wenn er, umgeben von einer fröhlichen Kinderschar, im Rahmen des Jugendprogramms briet, sott und schmorte.

Das ab 1963 sendende Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) integrierte seine Küchenhilfen Ulrich Klever und den hemdsärmeligen Max Inzinger in das 1964 eingerichtete Vorabendmagazin „Drehscheibe“. Auch Klever kam nicht aus dem Metier, sondern war von Beruf Journalist und Sachbuchautor. Als Idealbesetzung erwies sich Vico Torriani, ein gelernter Koch und Konditor und erfolgreicher Schlagerstar, der in „Hotel Victoria“ (ab 1959, ARD) seine Rezepte in gesungener Form zum Besten gab. Beim Südwestfunk (SWF) führte Chefredakteur Horst Scharfenberg persönlich durch unterhaltsame Kochsendungen.

Die seinerzeit von Wilmenrod begründete Tradition der Werbung fürs eigene Kochbuch ist bei Fernsehköchen mittlerweile fast schon obligat. Eine andere Möglichkeit, Kapital aus der Fernsehprominenz zu schlagen, fand 1985 der „Drehscheiben“-Koch Max Inzinger – er verfasste sein Buch „Traumküche“ gleich für einen Tiefkühlheimservice, der das mit einem „empfohlenen Verkaufspreis“ von 14,80 Mark ausgezeichnete Büchlein großzügig als Werbegeschenk verteilte.

 

Die ARD zeigt am Mittwoch, 25.11., um 20.15 Uhr die Filmbiografie „Es liegt mir auf der Zunge“. Der Titel ist zugleich der eines Buches von Wilmenrod aus dem Jahr 1954.

 

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