Fragen eines lesenden Zuschauers

In der Branche munkelt man, dass die „Süddeutsche Zeitung“ aus Sparsamkeit kaum noch freie Journalisten beschäftigt, dass sogar jeder Auftrag an einen freien Mitarbeiter höheren Ortes genehmigt werden muss. Dabei kann es sich nur um niederträchtige Gerüchte handeln. Denn welcher verantwortungsvolle Redakteur hätte wohl einen Beitrag wie den von Philipp Weinges in der Ausgabe vom 19. November mit dem angenehm unaufdringlichen Titel „Wer Sex hat, stirbt“ abgezeichnet?

Weinges, der als „Produzent, Drehbuchautor und Mitglied des Verwaltungsrates der Filmförderanstalt“ vorgestellt wird und dem wir Perlen der Filmkunst wie „Apokalypso – Bombenstimmung in Berlin“, „Erkan & Stefan“, „Crazy Race“ und „Crazy Race 2 – Warum die Mauer wirklich fiel“ verdanken, hatte die eine oder andere Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehrundfunk verfolgt und aus dem Gesehenen messerscharfe Schlüsse gezogen, die er für die „Süddeutsche Zeitung“ in Worte fasste. Drei TV-Filme beispielsweise waren ihm aufgefallen, in jedem gab es einen gewaltsamen Tod, der in entferntem Zusammenhang mit sexuellen Handlungen stand. Weinges’ rasante Schlussfolgerung: „Öffentlich-rechtliche Fernsehdramaturgie folgt also den Gesetzen des Teenie-Horrorfilms: Wer Sex hat, stirbt!“

Mittels dieser überwältigenden Methodik  ließe sich ebenso überzeugend nachweisen, dass, je nach Aufgabenstellung, das öffentlich-rechtliche Fernsehen der Prüderie huldigt und jegliche Darstellung sexueller Themen verschämt vermeidet oder aber, dass das öffentlich-rechtlichen Fernsehen von sexbesessenen Lustmolchen unterwandert wurde. Man findet nämlich Beispiele für dieses wie für jenes und sogar noch für ganz Anderes, und das ist ja das Schöne an einem pluralen System.

Zur Einstimmung ins Thema übrigens führt Weinges seine Fernseherinnerungen ins Feld, die ihn aber sichtlich trügen. Denn eine Serie mit dem Titel „Raumschiff Orion“ hat es nie gegeben. Der Titel der gemeinten Serie lautete korrekt – und so viel Zeilenschinderei muss manchmal eben sein -: „Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion“.

Zurück in die Niederflurperspektive. Da ja mittlerweile Verleger und Chefredakteure fast schon im Wochenturnus auf irgendwelchen Kongressen und Tagungen zusammenkommen – nebenbei: wo bleibt dabei eigentlich der vielbeschworene Sparzwang? – und das Rätsel der schrumpfenden Auflagenzahlen zu lösen versuchen, sei eine Spur ausgelegt, die eventuell zur Lösung führen könnte: Warum werden Artikel gedruckt, deren Inhalte jeder leidlich Programminteressierte aus eigener Anschauung im Nu zu widerlegen vermag? Warum, und das gilt durchaus in größerem Maßstab, vergrault man mutwillig das einfache fernsehende Volk und damit eine enorme Zahl potenzieller Leser?

P.S. Mehr zu „Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffs Orion“ entnehmen Sie bitte dem unten abgebildeten Büchlein und dort den Seiten 362 bis 366, zwischen den Einträgen „Rauchende Colts“ und „Raumschiff Enterprise“. Die Ortsangabe erfolgt deshalb so ausführlich, weil seinerzeit in der von der dpa verbreiteten Rezension das Fehlen der Serie „Ein Herz und eine Seele“ benörgelt wurde, welche aber auf den Seiten 213 bis 215 durchaus hinlängliche Würdigung findet. Kleiner Tipp, dpa, so von Pfuscher zu Pfuscher: Wenn man schon die Bücher nicht liest, die man rezensiert, könnte man ja zumindest mal ins Inhaltsverzeichnis oder ins Register schauen.

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