Kampftaucher im Wörtersee

Jan Freitag – ein unentdeckter Meister

 

Süß und ehrenvoll ist es, in der „Frankfurter Rundschau“ (FR) zitiert zu werden. Andererseits tendiert die Angelegenheit ins Leidige, sofern die ursprüngliche Äußerung grob verfälscht wird. So widerfuhr es Ihrem Berichterstatter vor Monaten von Seiten des FR-Mitarbeiters Jan Freitag. Die Einzelheiten sind unerheblich, relevant nur die Nachwirkungen. Selbstredend ärgert man sich erst einmal und meldet Einspruch an. Nach neuerlichem Durchdenken des Vorgangs aber verwandelte sich der Verdruss in ungeschmälerte Begeisterung. Denn siehe, bedarf es nicht außerordentlichen Wagemuts, einem langjährigen FR-Mitarbeiter ausgerechnet in der FR derart zu nahe zu treten? Braucht die agonierende Presse im Allgemeinen und der Medienjournalismus im Speziellen nicht mehr von dieser Kühnheit, die Jan Freitag fortwährend und bald wöchentlich mit bewundernswerter Konsequenz an den Tag legt?

Einmal aufmerksam geworden, wurde Ihr Gewährsmann alsbald zum glühenden Anhänger und betreibt seither das „Jan-Watching“ als regelmäßiges Hobby. Und was Hunter S. Thompson einst über Richard M. Nixon schrieb, gilt auch für Jan Freitag: Er hat mich nie enttäuscht.

Wie ein moderner Eulenspiegel nämlich führt Jan Freitag allen vorlauten Apologeten des Qualitätsjournalismus, den Tagungs-, Kongress- und sonstigen Festrednern, ihr klägliches Versagen im Alltag vor Augen und entlarvt ihre hehren Selbstverständnis- und Absichtserklärungen als Lippenbekenntnisse und schieres Wunschdenken. Auf den ersten Blick scheinen Freitags Texte, die in namhaften überregionalen Blättern erscheinen, bei aller kultur- und speziell fernsehkritischen Emphase Hand und Fuß zu haben. Dann, im zweiten oder dritten Hinsehen, zeigen sich die geschickt platzierten Fußangeln, die bei entsprechender Prädisposition gar zu Tretminen werden können. Ein Beispiel aus einer Besprechung der US-Serie „The Nine“: „‚The Nine’ mag in vielen Szenen oszillieren wie ein epileptischer Anfall; dahinter steckt – so viel verheißt die Auftaktfolge – eine Charakterzeichnung von immerhin neun grundverschiedenen Protagonisten, die feiner, vielschichtiger, variabler ist als ganze Staffeln zeitlupenbeschleunigter Familienserien deutscher Herkunft.“

Ein epileptischer Anfall, der oszilliert, eine zeitlupenbeschleunigte Familienserie – das ist Nonsens in elegantester Verkleidung und belegt trefflich Freitags Methode, feuilletonistische Sprachwindungen und –spiralen gleichwie akademischen Jargon durch radikalen Sinnentzug und simulierte Sachkenntnis zu parodieren und damit die vermeintliche Gewichtigkeit wortreicher Verklausulierungen subversiv zu unterlaufen. Das erfordert eine Chuzpe, die rar ist unter deutschsprachigen Skribenten.

Groß ist die Versuchung, endlos zu zitieren aus dem Reservoir sprachlicher Gemmen. Über die Schauspielerin Hannah Herzsprung schrieb Freitag, sie sei „die wohl schönste Frau, die je gelebt hat, ohne attraktiv zu sein“. Über Erhard Eppler wusste er zu berichten: „Wenn man Erhard Eppler trifft, weht ein Hauch von Frieden durch den Raum.“ Auch drollig: „Zurück zur Natur geht es zunächst mal in den Keller.“ Der schiere Irrwitz: „Wenn Fernsehkomiker Kunstfiguren schaffen, steckt dahinter oft die Furcht vor der Pointe als Quintessenz des Humors, vor Enttarnung inhaltlicher Reduktion, mithin: vor der eigenen Courage.“

Manchmal wagt der Schelm gar die Parodie in der Parodie. Einmal legte er seinen Lesern dar, wie man sich eine Programmbesprechung beim selbstverständlich verdammenswerten Kommerzsender Sat.1 vorzustellen habe: „(…) bei Anglizismen, Fingerfood und Bionade sitzen die Verantwortlichen in Designerstühlen und lauschen erstmal dem Senderchef. ‚Ich will on top’, proklamiert Matthias Alberti dann, ‚der Audience-Flow in der Access Prime ist zu hoch, um die Romantic-Movies im Anschluss zu pushen. Wir brauchen was Freshes’, er bäumt sich auf: ‚Wir brauchen mehr Content!’“ – Für Laien: ein „Audience Flow“ kann nie hoch genug sein, und der hier gemeinte Content wäre bei einem 24-Stunden-Programm allenfalls durch ein Wunder noch steigerbar.

Des Verfassers persönlicher Favorit unter Freitags forsch fabulierten und famos formulierten Aphorismen war dem filmischen Remake gewidmet: „Sie gelten gern als Masterpiece ehrgeiziger Regisseure und sind zugleich Ergebnis kühlen Kosten-Nutzen-Rechnens multinationaler Konzerne. Kurzum: Das Remake ist eine Art Muräne, die in ihrem Loch hockt, bis frisches Fleisch vorbeischwimmt.“ Gleiches ließe sich auch von Freitag selbst sagen, der im Moment des Vorbeischwimmens klandestin und konspirativ die blamable Nichtigkeit deutscher Medienpublizistik mit vorzüglicher Eleganz exerziert. Exemplifiziert. Exorziert. Jedenfalls irgendwas mit ex…

Es hat in Freitags OEuvre wahrlich keinen Mangel an Beispielen ausgepichter, partisanenhaft lancierter Hochkomik, die bei flüchtiger Lektüre wie leichthin aus dem Ärmel geschüttelt erscheint und die doch tiefschürfendes Denken und filigrane Satzbaukunst voraussetzt. Noch ist es ein flüchtiges Vergnügen, allein den Lesern renommierter Tages- und Wochenzeitungen vorbehalten. Lese- und Hörbuchverlegern aber bietet sich hier eine Gelegenheit, sich hervorzutun und sich verdient zu machen um die deutsche Gegenwartsliteratur. Eine solche Begabung darf nicht mit dem täglichen Altpapier in die Tonne getreten werden!

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