Die Fakten und die Quoten

Es zählt nicht gerade zu den peinlichst asservierten Geheimnissen dieser Republik, dass der größte Showmaster aller Zeiten des öfteren als arger Prahlhans und eminenter Quatschkopf in Erscheinung tritt. So unterrichtete Thomas Gottschalk vor Jahresfrist das Publikum seiner „Ich liebe Kino“ überschriebenen Fünf-Minuten-Terrine bei Tele 5: „Es gibt einen jungen deutschen Regisseur, der allerdings in Österreich groß geworden ist: Michael Haneke.“ Man muss die Leserschaft dieser Seiten sicher nicht darüber belehren, dass der „junge deutsche Regisseur“ Michael Haneke dem Jahrgang 1942 angehört. So aber faselt Gottschalk häufiger drauflos, in seiner gehaltfreien „Kinokolumne“ und auch anderswo.

Vor der jüngsten „Wetten, dass …?“-Ausgabe veranstaltete das ZDF in Bremen eine Pressekonferenz, in deren Verlauf sich Gottschalk, glaubt man einer Pressemitteilung des Senders vom 4.12., erneut auf prekäre Weise wichtig tat. „Kuli konnte sich erschießen, wenn er unter 20 Millionen hatte, obwohl er es gar nicht wusste“, soll Gottschalk dort von sich gegeben haben. Sehen wir mal über die pietätlose Wortwahl hinweg und widmen uns den Fakten. Die besagen, dass Kulenkampff sich seiner Quoten sehr wohl bewusst war. In der ab 1968 gezeigten zweiten Staffel des Quiz-Klassikers „Einer wird gewinnen“ lagen diese auch bereits unter 20 Millionen Zuschauern, nämlich bei 15 Millionen, ohne dass sich Kulenkampffs Naturell plötzlich zum Suizidalen verändert hätte.

In seiner unverbrüchlichen Vermessenheit war Gottschalk wohl auf eine Gleichstellung mit Kulenkampff aus. Ihrem Korrespondenten, er hat so manche Kulenkampff-Sendung gesehen, ist jedoch nicht erinnerlich, dass der von Gottschalk frech vereinnahmte Fernsehpionier je vergleichbaren Unfug von sich gegeben hätte. Darin liegt schon mal ein bedeutsamer Unterschied: Nicht nur hapert es bei Gottschalk in vielen Belangen an der Sachkenntnis, er zeigt zudem wenig Neigung, diese Defizite zu beheben.

Nun muss man einräumen, dass auch viele Gazetten immer wieder mal den Unsinn verbreiten, vor Einführung des Privatfernsehens habe es in Deutschland keine Quotenmessung gegeben. Tatsächlich wird die Zuschauerresonanz erforscht, seit das Nachkriegsfernsehen auf Sendung ging. Anfangs noch mit einfachem Instrumentarium, bald aber schon mit verfeinerten Methoden, da die Kunden des 1956 eingeführten Werbefernsehens natürlich wissen wollten, welche Reichweiten sie mit ihren Schaltungen erzielten. Eine endgültige Systematisierung erfuhr die Zuschauermessung, als die bis dahin alleinherrschende ARD 1963 mit dem ZDF auch auf dem Gebiet der Werbezeitenvermarktung einen Mitbewerber erhielt.

Der Blick auf die damaligen Statistiken muss jene Fraktion der Kulturbeflissenen bitter enttäuschen, die dem Glauben anhängt, weiland habe das deutsche Volk im Fernsehen vorrangig Opernaufführungen, hochwertige Theaterinszenierungen und abendfüllende Kultursendungen verfolgt. Bühne ja, aber wenn, dann pralles Volkstheater à la „Komödienstadel“ und „Ohnsorg-Theater“ (47 Prozent). So jedenfalls die Auswertung der Jahre 1963 und ’64. Kultur- und Dokumentationssendungen (14 Prozent) rangieren dort auf Platz 8, hinter den Kinofilmen (39 Prozent), Unterhaltungssendungen (28 Prozent) und heiteren Schauspielen (24 Prozent).

Wieder ein paar Illusionen weniger.

Wo wir übrigens gerade bei der Legendenzernichtung sind: Die Behauptung, der frühere RTL-Chef Helmut Thoma habe die „werberelevante Zielgruppe“ der 14- bis 49-Jährigen erfunden, ist gleichfalls ausgemachter Humbug – in den USA war diese Gruppeneinteilung längst gängige Praxis, als Thoma in seinem Luxemburger RTL-Schuppen erste Versuche in Sachen Fernsehen unternahm.

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