Kaufmännisch meint nicht käuflich

Das NDR-Medienmagazin „Zapp“ widmete sich in der Ausgabe vom 6.12.2009 und weiterführend hier der Krise der Zeitungsbranche. Neben anderen Akteuren wurde der Unternehmensberater Michael Rzesnitzek befragt, der den Verlegern mit kaufmännischen Binsenweisheiten kam: „Sie müssen etwas anbieten, was zwei Aspekte erfüllt. A – Es muss jemand haben wollen und es muss jemand bereit sein, dafür zu bezahlen. Und B – Ich darf es nirgendwo anders bekommen. Und genau in diese Art von (…) Journalismus muss ich eben investieren.“

Es ist zugegebenermaßen eine zweischneidige Angelegenheit, journalistische Leistungen auf einen Warencharakter zu reduzieren, kann aber durchaus zu fruchtbaren Anstößen führen. Befassen wir uns in unserer heutigen Lesesitzung mit Punkt B. Rzesnitzeks Hinweis gilt zum einen im Großen: Man kann vom Leser nicht erwarten, dass er für einen Text bezahlt, den er vielleicht schon anderswo bekommen hat. Frei im Internet, in seiner Zweitzeitung oder in der kostenlosen Werbepostille, die sich ebenfalls bei den üblichen Nachrichtenagenturen bedient.

Rzesnitzeks Merksatz, den Auszubildende des kaufmännischen Bereichs bereits in der Berufsschule vermittelt bekommen, betrifft aber ebenso das Handwerk des Einzelnen. Wenn ein Text auf Basis einer Agenturmeldung oder auch einer Pressemitteilung entsteht, dann kann man davon ausgehen, dass zumindest engagierte Leser – „Gesamtleser“, wie es früher in der „Titanic“ hieß – die nackten Fakten bereits kennen. Zur verkäuflichen Ware wird ein solcher Text erst durch die eigene Zutat, das Surplus. Sei es inhaltlicher, stilistischer oder sonstiger Natur. Denn viele Pressemitteilungen stehen im originalen Wortlaut frei im Internet oder werden dort weiterverbreitet – siehe die vielen Kinoportale, die anstelle eigener Filmbesprechungen die jeweiligen Verleihtexte übernehmen. Natürlich ohne diese Herkunft transparent zu machen.

Alles eigentlich so banal, dass es kaum erwähnenswert erscheint. Und doch finden sich immer häufiger Übernahmen aus Pressemitteilungen sogar in Texten bedeutender Nachrichtenagenturen, gestandener Redakteure und erst recht bei freien (Jung-)Journalisten. Und zwar ohne Nachrecherche, ohne dass die Quelle kenntlich gemacht wird.

Wo die Alten schon sündigen, können die Jungen kein Unrechtsbewusstsein entwickeln. Versucht man dem Nachwuchs ein paar Grundprinzipien des Journalismus nahezubringen – von Ethik wollen wir gar nicht erst anfangen -, blickt man in verständnislose Gesichter. Ein zartes Glimmen der Erkenntnis scheint auf, wenn man der Jungschar erläutert, dass man sich beim Kauf eines Autos doch auch nicht auf den Prospekt des Herstellers verlässt, sondern lieber einen neutral erstellten, objektiven Testbericht heranzieht. Dieser neutrale Testbericht – das ist die journalistische Leistung.

Genug abstrahiert, werden wir handfest. Ein schlagendes Argument gegen die unreflektierte Verwendung von Pressematerial liegt nämlich auch darin, dass Presseveröfffentlichungen keine Gewähr für Richtigkeit bieten. Ein noch frisches Beispiel aus dem Metier der Bildschirmbeobachtung: Am Sonntag versandte das ZDF wie üblich eine Digitaldepesche, um die Quoten der „Wetten, dass …?“-Sendung vom vergangenen Samstag unters Volk zu streuen und säumige Zuschauer mit den „besten Sprüchen des Abends“ zu versorgen. In der Eile aber waren den Protokollanten ein paar Fehler unterlaufen. Zwei Beispiele:

Pressemitteilung: „Ein Bär und Hugh Grant buhlen um die Zuneigung von Jennifer Aniston.“

Originalwortlaut Gottschalk: „Ein Bär und ein Hugh Grant buhlen um die Zuneigung von Jessica Parker.“ (Anmerkung: Jennifer Aniston spielt im angesprochenen Film gar nicht mit; und die gemeinte Schauspielerin heißt korrekt Sarah Jessica Parker.)

Pressemitteilung: „So sieht die Lakritzschnecke von Günther Jauch auch aus. Der ist sehr sparsam. Die Kinder dürfen jeden Tag ein bisschen abbeißen.“

Originalwortlaut Gottschalk: „So sieht der Adventskalender von Günther Jauch aus. Der ist ja sehr sparsam mit seinen Kindern. Die dürfen jeden Tag ein bisschen abbeißen. Und Weihnachten gibt’s den Rest.“

Petitessen!, wird manch eine/r einwerfen. Und erweist sich eben damit bereits als Teil des Problems.

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