Als Johnny Cash die Gefängnis-Karte zog

Ein außergewöhnlicher Dokumentarfilm auf Arte

Der mit Joaquin Phoenix und Reese Witherspoon besetzte Kinofilm „Walk the Line“ aus dem Jahr 2005 brachte den Country-Musiker Johnny Cash vielen Menschen  nahe, die zuvor mit dem rebellischen Barden aus Arkansas wenig anzufangen wussten und wohl nie im Leben eine seiner Platten erworben hätten. Ihnen wie auch eingefleischten Fans eröffnet der abendfüllende Dokumentarfilm „Johnny Cash at Folsom Prison“ nun weitere und auch vertiefende Einblicke in das Leben dieses widersprüchlichen Künstlers.

Die Autoren Bestor Cram und Michael Streissguth brachten ein besonderes Kunststück fertig: Sie stellten ein Konzert ins Zentrum ihrer Arbeit, von dem gar keine Film-, sondern nur Tonaufnahmen existieren. Am 13. Januar 1968 traten Johnny Cash, seine Ehefrau June Carter und ihre Band im kalifornischen Folsom-Gefängnis auf, einem mit Schwerverbrechern belegten zitadellenartigen Zuchthaus, dem Cash Jahre zuvor den „Folsom Prison Blues“ gewidmet hatte. Cash, nach einem Drogenentzug in einer persönlichen und künstlerischen Krise, hatte entschieden, das Konzert mitschneiden zu lassen, um es später als Platte zu veröffentlichen. Anhand von exzellenten Fotos aus der Kamera des legendären Lichtbildners Jim Marshall kann das Ereignis optisch nachvollzogen werden. Mittels Computern wurde den Standbildern Leben eingehaucht; Animationen ergänzen das Material.

Damit nicht genug. Das Folsom-Konzert diente den Autoren als Aufhänger, Cashs Werdegang zu rekapitulieren und seine Persönlichkeit zu erkunden. Zeitweilig ist Cash selbst als Erzähler zu hören, zum Glück nicht synchronisiert oder übersprochen. In Nebenlinien wird von den Schicksalen früherer Gefängnisinsassen berichtet, darunter die Country-Musiker Merle Haggard und Glen Sherley, die nach ihrer Entlassung dank der Unterstützung durch Johnny Cash eine musikalische Laufbahn beginnen konnten – der eine sehr erfolgreich, der andere mit tragischem Ausgang.

Dieser erstaunliche Film ist damit weit mehr als ein Künstlerporträt – aus ihm spricht die Allgemeingültigkeit und Zeitlosigkeit eines gelungenen Kunstwerks.

„Johnny Cash at Folsom Prison“, 17.12.2009, Arte, 22.30 Uhr

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