Beim Hessischen Rundfunk wird gelogen

Das kollektive Gedächtnis neigt dazu, die Vergangenheit zu verklären. Das gilt auch und ganz besonders für die frühen Fernseherfahrungen. In diesem je nach Jahrgang monochromen oder aber Pop-Art-bunt melierten Nebel der Erinnerung zeigen sich gelegentlich die markanten Physiognomien eines Kulenkampff, Frankenfeld, Robert Lembke, Karl-Heinz Köpcke. Gleich wie Bilder von der Mondlandung, aus verstörenden Vietnam-Reportagen, von nächtlichen Boxkämpfen unter Beteiligung Muhammad Alis. Bestimmte Szenen, auch einzelne Titel kommen einem wieder in den Sinn: „Das aktuelle Sportstudio“, „Die ZDF-Hitparade“, „Je später der Abend“, „Ein Herz und eine Seele“. Die ersten US-amerikanischen und britischen Import-Serien …

Aber obgleich damals der Sendeschluss in der Regel weit vor 0.00 Uhr lag und am Nachmittag noch eine mehrstündige Sendelücke klaffte, gab es selbstredend weit mehr als das. Vieles hat bislang keinen Eingang ins allgemeine Memorial gefunden, und selbst die Wissenschaft ließ etliche bemerkenswerte Programmerscheinungen unbeachtet.

Letzteres liegt unter anderem daran, dass die Sender Schindluder trieben mit ihren Archivbeständen und – Fluch der Sparsamkeit – Magnetbänder überspielten, die wertvolle Originalaufzeichnungen enthielten. Nicht alles aber ist verloren, jedoch wird der Rest der Forschung selten zugänglich gemacht. Dabei sollte es, ohne die kommerziellen Sender von dieser Pflicht entbinden zu wollen, namentlich Anliegen der Öffentlich-rechtlichen sein, ihre kulturhistorisch wertvollen Bestände zu pflegen und zu erschließen. Wer sich aber heutigentags mit der Bitte um Archivmaterialien an einen öffentlich-rechtlichen Sender wendet, wird schnöde abgewimmelt. Vor geraumer Zeit erkundigte sich Ihr Gewährsmann beim Hessischen Rundfunk nach einer Ausgabe der frühen Talkshow „Frankfurter Stammtisch“, in der im Jahre 1966 unter anderem Alfred Hitchcock und der namhafte, mit einem Oscar prämierte Szenenbildner Hein Heckroth zu Gast waren. Die freundliche Antwort lautete, man habe schon öfter Anfragen in dieser Sache erhalten, leider aber sei das Band beschädigt, nicht mehr sendefähig und es könne auch nicht mehr kopiert werden.

Eine plausible Erklärung, dergleichen ist leider schon viel zu häufig vorgekommen. Allerdings erwies sich die Aussage bald als rotzfreche Lüge, denn nur wenige Monate später erschien eine Kauf-DVD des Hitchcock-Films „Riff-Piraten“. Bonus: die erbetene Ausgabe der Talkshow „Frankfurter Stammtisch“ mit den Gästen Alfred Hitchcock und Hein Heckroth.

Ein Hinweis auf diese DVD-Veröffentlichung wäre ja schon ausreichend gewesen. Die gegebene Auskunft aber ist in ihrer Verlogenheit eine pure Unverschämtheit.

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