ZDFneo gleich Vox minus Werbung?

Berührungspunkte und Unterschiede – ein Vergleich aus Zuschauersicht

Vor einigen Wochen erhob der Verband Privater Rundfunk und Telemedien e. V. (VPRT) bittere Klage. Zürnend reagierte man auf die Einrichtung des jugendorientierten digitalen Ablegers ZDFneo durch das ZDF. In einer Pressemitteilung des VPRT war von „zahlreichen Programmüberschneidungen“ und einer „kommerziellen Ausrichtung“ die Rede. Der VPRT-Präsident Jürgen Doetz fand eine pointierte Formulierung für seine Kritik: Er bezeichnete das neue Angebot als „Vox light“. Ein in seiner Eingängigkeit vortrefflicher Slogan, der prompt die Runde machte.

Hier hat ein Interessensverband Stellung bezogen, was sein gutes Recht ist. Doch die Aussage durchdrang die öffentliche Meinung, ohne gebührend hinterfragt zu werden. Dabei läge es doch nahe, die beiden Programme einmal schlicht aus der Warte des einfachen fernsehenden Volkes zu betrachten und auf Kongruenzen hin zu untersuchen. Werfen wir einen Blick auf das wohl populärste Programmsegment, die Importserie. Vox hatte in dieser Hinsicht einmal einen guten Namen, der sich verbindet mit Titeln wie „Für alle Fälle Amy“, „Gilmore Girls“, „Ally McBeal“, „Boston Public“. Ein Einwurf für Leser aus den bildschirmfernen Schichten: Einige dieser Serien blieben dem Nachmittagspublikum vorbehalten. Welches ja auch mal etwas Gutes sehen möchte. Bei Vox hatte aber auch „CSI: Miami“ Premiere, ein aufgeblasener Blödsinn mit stilisierter Optik, karikaturesken Figuren und einer zweifelhaften Ideologie.

Im Vox-Abendprogramm dominieren mittlerweile, das war mal anders, US-amerikanische Kriminalserien und zwar insbesondere jene aus der „Law & Order“-Gruppe des Produzenten Dick Wolf, die sich bei weitgehend identischem Schnittmuster nur in Nuancen unterscheiden. Vox besetzt gleich drei Wochentage mit „Law & Order“-Ablegern. Die einzelnen Folgen werden in der Regel im Nachtprogramm wiederholt. So verfährt auch RTL II, wo sonntags und donnerstags  „Law & Order: New York“ gezeigt wird. Der Muttersender RTL füllt die dienstägliche Lücke mit der Stammserie „Law & Order“.

Überhaupt setzt Vox derzeit auf US-amerikanische Polizeiserien. Zwei Mal pro Woche steht „CSI: New York“ auf dem Programm. „Life“ und „The Closer“ runden das Angebot ab. Man kann dem TV-Publikum Schlimmeres vorsetzen, unter programmgestalterischen Gesichtspunkten aber erscheint das gleichförmig und ziemlich mutlos. Einzig die Montagsserien „Burn Notice“, eine köstliche Agentenfarce, und vor allem David E. Kelleys geistreiche Juristen- und Gesellschaftssatire „Boston Legal“ liefern erkennbare Abwechslung.

Demgegenüber offerierte ZDFneo in den ersten Wochen nach dem Start gerade mal zwei US-amerikanische Serien, und nur eine davon ist dem Krimigenre zuzuschlagen. Die übrigen Serien stammen aus Großbritannien; „GSI – Spezialeinheit Göteborg“ ist eine Koproduktion des ZDF mit schwedischen Partnern. Serien britischer und schwedischer Herkunft aber sieht man nicht nur bei Vox, sondern generell bei allen kommerziellen Sendern nur sehr selten, Koproduktionen mit Sendern außerhalb des deutschen Sprachraums schon gar nicht.

Zweiter US-Import neben der – vom Schema der bei Vox gezeigten Produktionen erheblich abweichenden – Krimiserie „In Plain Sight – In der Schusslinie“ bei ZDFneo ist „30 Rock“. Die vielfach preisgekrönte Satire spielt in den Kulissen einer US-Fernsehshow und ist gespickt mit Anspielungen auf die amerikanische Showbranche, auf dortige Fernseh- und gesellschaftliche Prominenz. Es braucht entsprechende Vorkenntnisse, um den ganzen Witz der brillanten Drehbücher auskosten zu können. Dieser Umstand macht „30 Rock“ – und ähnlich auch die zutiefst schwarzhumorige britische Kriegsreportersatire „Taking the Flag – Reporter auf Kriegsfuß“ – zu einem Minderheitenprogramm. Weshalb „30 Rock“ von den frei zugänglichen, auf Massenkompatibilität verpflichteten Kommerzsendern auch verschmäht wurde. Vor einiger Zeit befragte der Verfasser dieser Zeilen mehrere Serienredakteure privater Sender, die sich allesamt einig waren, dass US-Serien mit allzu spezieller Thematik für den deutschen Markt ungeeignet seien. Neben „30 Rock“ wurde „The West Wing“ genannt, eine exzellente, zum Klassiker gewordene Serie über das politische und private Leben im Weißen Haus. Auch deutsche TV-Redakteure wissen sie zu schätzen, zeigen wollen sie sie nicht.

Wie aber nicht zuletzt die einschlägigen DVD-Verkaufszahlen signalisieren, gibt es sehr wohl ein Publikum für solche hochwertigen Produktionen. Wenn ZDFneo diese Nachfrage bedient, damit eine von den Kommerzsendern gelassene Lücke füllt und – zumindest bislang – weniger als ein Prozent Marktanteil erzielt, kann von einer „kommerziellen Ausrichtung“ und „Programmüberschneidungen“ wohl kaum die Rede sein.

Ein zweites Programmgenre, das im Zuge der Kritik an ZDFneo häufig Erwähnung fand, ist die Doku-Soap. Schon allein programmhistorisch fehlt die Legitimation, diese Programmform per se den kommerziellen Anbietern zuzuordnen. Die Doku-Soap ist eine Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, nämlich der britischen BBC, deren Dokumentarfilmabteilung ihren Produktionen vermittels populärer Präsentationsformen neue Zuschauerschichten zuführen wollte. Kommerzielle Sender hingegen haben dieses Genre nachhaltig diskreditiert, weil sie zwar die Genrebezeichnung kaperten, aber der ursprünglichen Idee weder in Form noch Inhalt nahekamen. Wenn sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen darum verdient machen würde, der Doku-Soap wieder zu Gehalt und Ehre zu verhelfen, dann ist das als gesunde Herausforderung nur zu begrüßen, weil man hoffen darf, dass zwischen den Systemen mit der Zeit ein segensreicher Wettbewerb um mehr Qualität auf diesem Gebiet entsteht.

Und Wettbewerb ist doch das, was gerade die Wirtschaftsverbände ständig lautstark auf der Zunge tragen.

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