Docutainment – Entwicklungen und Tendenzen im Unterhaltungsprogramm

I. Voraussetzungen

1. Rollenwechsel

Infotainment, Servicetainment, Docu Soap, Reality Show – rund um den Jahrtausendwechsel musste sich der deutsche Fernsehzuschauer an eine Vielzahl neuer Begriffe gewöhnen. Fast schien es, als werde das Fernsehen gerade von Grund auf neu erfunden. In Wahrheit blieben absolut neue Formate die Ausnahme, aber es gab bemerkenswerte Entwicklungen. So verwischten sich zusehends die Grenzen zwischen den Gattungen Information und Unterhaltung: Dokumentaristen gestalteten Realität statt sie passiv abzubilden, Alltagsbewältigung wurde zum Gegenstand abendlicher Unterhaltungsshows, Wortunterhaltung paarte sich mit Laienspiel, Ratgebersendungen schlossen Comedy-Elemente nicht aus. Vor allem wurde das Fernsehen sehr privat – indem es immer häufiger Zuschauer zu Hauptdarstellern machte.

2. Unterhaltungsbegriff

Bei den einleitend aufgezählten Sendeformaten handelt es sich um Kreuzungen bekannter Genres. In Teilen der programmbegleitenden Publizistik wurden diese Mischformen anfangs, ganz im Sinne der Sender, als Novitäten beschrieben. Der Irrtum entstand aus der Beibehaltung der aus der Frühzeit des Fernsehens stammenden, in der Ressortaufteilung öffentlich-rechtlicher Sender teils noch auszumachenden ideellen Trennung zwischen „unterhaltenden“ und „ernsten“, also informierenden, dokumentierenden und bildenden Sparten. Diese Wahrnehmung widerspricht jedoch der Auffassung des Publikums. Bereits 1977 ergab eine im Auftrag des ZDF durchgeführte Erhebung, dass die befragten Fernsehnutzer

–         das Stichwort Unterhaltung als generellen Begriff stark positiv bewerten

–         mit Unterhaltung emotionale Gratifikation verbinden

–         sie als Informationsquelle auffassen und als solche nutzen möchten

–         Unterhaltung als Hilfe zur Lebensbewältigung begreifen

(Ursula Dehm, „Fernseh-Unterhaltung“, Mainz 1984, S. passim, vgl. vor allem S. 234)

»Während Angehörige der höheren Bildungsgruppe fast nur „typische“ Unterhaltungssendungen nennen, sind die Sendungsarten, die von Angehörigen der niedrigeren Bildungsgruppe genannt werden von unterschiedlicher Art, streuen stark und sind teilweise auch gegensätzlich zu Angaben der höheren Bildungsgruppe. Populärwissenschaftliche Sendungen (4 Nennungen) stehen hier im Vordergrund, gefolgt von Komik, Satire, Musiksendungen und Spielfilmen (jeweils 3 Nennungen) und Show-, Quiz-, Sport und politischen Sendungen (jeweils 2 Nennungen). Ein eindeutiger Trend nur „typische“ Unterhaltungssendungen zu nennen ist nicht erkennbar.« (Ursula Dehm 1984, S. 113)

Dagegen war das Wort Unterhaltung für Interviewpartner aus der höheren Bildungsschicht deutlich negativ besetzt. Hier wurde scharf unterschieden zwischen unterhaltenden und nicht-unterhaltenden Sendungen. „Kriterium ist die intellektuelle Inanspruchnahme“ (Matthias Woisin, „Das Fernsehen unterhält sich“, Frankfurt/M. 1989, S. 25). Angehörige der so genannten „niedrigen Bildungs- und Berufsgruppen“ unterschieden weniger nach Gattung und konkreten Angebotsformen, sondern bewerteten das Gesehene nach den „erbrachten emotionalen Gratifikationen“ (Matthias Woisin 1989, S. 25). Ursula Dehm spricht sich nach eingehender Auswertung ihrer Untersuchung dafür aus, nicht länger kategorisch zwischen Unterhaltung und Information zu trennen und plädiert für einen erweiterten Unterhaltungsbegriff (vgl. Ursula Dehm 1984, S. 229ff.).

Für manche Befragte sind der Unterhaltung zuzurechnende Fernsehangebote eine Möglichkeit, am gesellschaftlichen Leben, sei es auch nur illusioniert bzw. über eine Inszenierung vermittelt, teilzuhaben. Matthias Woisin nennt dies ein „Kommunikationsvergnügen“ (a.a.O., S. 32ff.), andere Autoren sprechen von „parasozialer Interaktion“ (Donald Horton/Richard Wohl bereits 1956 in ihrem Aufsatz „Mass Communication and Para-Social Interaction: Observation on Intimacy at a Distance“ in „Psychiatry“, 19; dt. in: R. Adelmann u. a.: Grundlagentexte zur Fernsehwissenschaft, Konstanz 2001, S. 74ff.).

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