II. Die Ware Leben: Reality Shows

1. Hilfe zur Lebensbewältigung

Das Fernsehen erwies sich bald nach seiner Einführung als das im Vergleich zum Kino privatere – mit anderen Worten: kundennähere – Bildmedium. Schon im Jahr 1953 wurden Menschen fernsehöffentlich zusammengeführt: „Schreiben Sie uns, wen Sie kennenlernen wollen – wir werden uns bemühen, die Bekanntschaft zu vermitteln“, lautete das Angebot der Sendereihe „Treffpunkt Fernsehen“. Im Folgejahr stellte sich die ARD in den Dienst der in den Kriegs- und Nachkriegswirren getrennten Familien und fahndete in einer werktäglich ausgestrahlten Sendereihe nach vermissten und verschollenen Personen – ein Vorgang, der vier Jahrzehnte später ein wirkungsvolles Showformat mit dem Titel „Bitte melde dich“  abgab (Sat.1, 1992-1998; zwei Jahre zuvor war in den Niederlanden die gleichartige Reihe „Spoorloos“ gestartet).

Mit zunehmenden Zuschauerzahlen verschwanden diese sehr persönlichen Dienstleistungen aus dem – vorerst noch einzigen – Programm. Ersetzt wurden sie durch Showveranstaltungen, die dem Publikum vom Kabarett über Varietee bis zur Theateraufführung Bühnenattraktionen frei Haus lieferten. Hinzu traten fernseheigene Unterhaltungsformen wie Themen- und Personality-Shows, die mit der rasch voranschreitenden Entwicklung der Aufnahmetechnik auch – siehe beispielsweise die von Harald Vocks inszenierte Show-Reihe „Hallo Paulchen“ mit Paul Kuhn (ab 1961) und insbesondere die nach damaligem Gusto verstörend experimentellen Sendungen von Michael Pfleghar wie „Zu jung, um blond zu sein“ (1961) – neue visuelle Attraktionen boten. Die bis dahin vorherrschende Ausgehkultur wurde durch eine Fernsehkultur ersetzt.

2. Emotionale Gratifikation

In den 80er-, vor allem aber in den 90er-Jahren änderte sich das Unterhaltungsangebot. Es entstanden Konzepte, die die Belange und Bedürfnisse der Zuschauer zum Ausgang nahmen. Richtungweisend und bald auch marktbeherrschend war die niederländische Produktionsfirma Endemol. Für die Gewinnerpaare der Endemol-Produktion „Traumhochzeit“ (RTL, 1992-2000) verwirklichten sich traditionelle Vorstellungen von einer pompösen Vermählung, in „Verzeih mir“ (ab Ende 1992 bei RTL, ab 1998 bei Sat.) wurden tränenreiche fernsehöffentliche Aussöhnungen arrangiert, in „Nur die Liebe zählt“ Paare zusammengeführt und Ehen gestiftet (Premiere im September 1993 bei RTL, ab Juni 1995 Fortführung bei Sat.1. Das Ziel: Anteilnahme, Rührung, Empathie. Kurzum: Emotionen pur.

3. Lebensgemeinschaft

1999 sorgte Endemol erneut für Furore, als in den Niederlanden die erste Staffel der Unterhaltungsreihe „Big Brother“ Premiere hatte, die wenige Monate später auch in Deutschland Schlagzeilen machen sollte. Paul Römer, in den Niederlanden Produzent der Sendung, bezeichnete das Format vorab als „Reality Soap“ (vgl. z. B. „TeleVizier“, Nr. 37, 11.09.1999, S. 12 ff.).

Das Konzept: Neun einander fremde junge Menschen beziehen eine spartanisch eingerichtete Behausung. Sämtliche Räume sind mit Kameras und Mikrophonen ausgestattet, das Zusammenleben der Bewohner wird rund um die Uhr aufgezeichnet. Alle 14 Tage nominieren die Bewohner zwei Personen; in den folgenden sieben Tagen entscheidet das Publikum per gebührenpflichtiger Telefon- oder Internetwahl, wer von den beiden das Haus verlassen muss. Nach 100 Tagen ist das Spiel entschieden, aus der letzten Wahl geht ein Sieger hervor, der 250.000 Gulden (ca. 113.000 Euro) gewinnt. Die Teilnehmer leben isoliert von der Außenwelt und müssen sorgfältig haushalten – ihre Budgets sind beschränkt, können aber durch erfolgreich bestandene Tagesaufgaben aufgebessert werden. Für die Versorgung steht ferner ein Gemüsegarten zur Verfügung, dessen Nutzung in der Verantwortung der Bewohner liegt.

„Back to basics“ stand als Motto über diesem Versuch, Angehörige der jüngeren Generation mit einer Lebensweise ohne den gewohnten Komfort bekannt zu machen. Der Privatsender Veronica zeigte an jedem Werktag eine halbstündige Zusammenfassung der Ereignisse im Haus. Zusätzlich gab es eine Wochenzusammenfassung, Talkshows und Sondersendungen.

Die kreativen Köpfe hinter „Big Brother“ verwoben mit Sinn für soziale Realitäten typische Erfahrungen des Zielpublikums – speziell die besonderen Herausforderungen gemeinschaftlichen Lebens auf engem Raum – mit einer interaktiven Spielform, sodass die Sendereihe eine Vielzahl unterschiedlicher Publikumsanreize bereithielt. Unter den planvoll zusammengestellten Bewohnern fanden sich unterschiedliche
Identifikationsfiguren und zugleich die für eine dynamische Erzählung nötigen Antagonisten; die Rollenverteilung war durchaus der einer Soap Opera vergleichbar.

Das Format wurde zum Exportschlager. Die deutsche Version war ab 1. März 2000 bei RTL II zu sehen. Der hiesige Produzent Rainer Laux versprach im Vorfeld „gutes Fernsehen“ gemäß seiner Definition: „Gutes Fernsehen heißt Emotionen.“ (Interview mit dem Verfasser, 23.02.2000)

(Vgl. Harald Keller: „Im Dunkeln mit Infrarot“. In: „die tageszeitung“, 6.10.1999, S. 16.)

4. Langzeitbeobachtungen

„Big Brother“ war letztlich eine Weiterentwicklung der Programmform „serielle Langzeitbeobachtung“. Der öffentlich-rechtliche US-Sender PBS hatte dieses genuine Fernsehgenre erstmals 1973 in Form der zwölfteiligen Serie „An American Family“ erprobt – wohl das früheste Beispiel dessen, was heute als Docu Soap bzw. medienwissenschaftlich als „performatives Realitätsfernsehen“ geführt wird. Für „An American Family“ wurden 300 Stunden Dokumentarmaterial nach dramaturgischen Prinzipien arrangiert. Die Protagonisten, die Familie Loud aus Santa Barbara, übten nachträglich heftige Kritik an der Sendefassung und nahmen vorweg, was später beinahe regelmäßig in Zusammenhang mit Docu Soaps und Reality Shows bemängelt werden sollte: die einseitige Szenenauswahl und die damit verbundene Typisierung, die die beteiligten Personen auf wenige Charaktermerkmale reduziert.

1983 zeigte HBO die Fortsetzung „American Family Revisited“; 1992 schuf der Musiksender MTV die jugendorientierte Variante „The Real World“, die mehrfach neu aufgelegt wurde und noch zehn Jahre später im Programm zu finden war. Anders als bei „An American Family“ wurden bei diesem Format die Teilnehmer vorweg nach gewissen Kriterien ausgesucht – „gecastet“ – mit dem Ziel, eine heterogene Wohngemeinschaft zu bilden, deren mitunter turbulentes Zusammenleben von Kameras aufgezeichnet wurde. Die Mitwirkenden mussten die alltäglichen Pflichten organisieren und bekamen in späteren Staffeln zudem von den Produzenten bestimmte Aufgaben auferlegt.

In Deutschland adaptierte der Abonnementkanal Premiere das Konzept 1994 unter dem Titel „Das wahre Leben“. Wie beim US-Vorbild wurde eigens eine Wohngemeinschaft gebildet; durch die Auswahl war für Konfliktpotenzial gesorgt. Die extremsten Gegensätze: ein Ostdeutscher mit offen rassistischer Einstellung und ein Rapper türkischer Herkunft.

Als Produzent fungierte Markus Peichl, der rückblickend eine Grenze zog zu dem nicht unverwandten Nachfolger „Big Brother“: „Die gesamte Produktionsweise sowohl von ‚The Real World’ als auch vom ‚Wahren Leben’ ist darauf ausgerichtet, zwar zu jeder Zeit zu wissen, was die Leute machen, um es dann auch abfilmen zu können, aber das Geschehen selber nie zu beeinflussen, durch nichts. Weder indem man mit den Leuten redet noch indem man den Leuten irgendwas vorschreibt.“ (Markus Peichl, Interview mit dem Verfasser, 2000.)

Einer der Mitbewohner, Adriano Sack, schrieb später in der „Woche“ über seine Erfahrungen:

„Natürlich waren wir enttäuscht, als wir uns im Fernsehen sahen: Unsere Charaktere wurden vereinfacht, unsere glücklichsten Momente in ein paar Schnitten verbraten, die Ereignisse des WG-Lebens dramaturgisch aufgepeppt. Doch im Nachhinein würde ich sagen: Wir wurden zur Kenntlichkeit überzeichnet.“

(Adriano Sack: „Die wahren Brüder“. „Die Woche“, 25.02.2000, S. 49).

5. Die Nachfolger

Mit der WDR-Serie „Die Fussbroichs“ gab es in Deutschland ab 1990 eine Entsprechung zu „An American Family“. Deren Entstehungs- und Produktionsgeschichte spiegelt die hiesige Entwicklung von der puristischen, das heißt neutral beobachtenden, zur inszenierten Dokumentation. Der Unterschied zur Reality Show: Dort fungieren die Fernsehschaffenden als Auslöser des Geschehens. Die Drehbedingungen sind, von der Auswahl der Teilnehmer bis hin zu den Kulissen, planvoll arrangiert.

Die Regisseure der ursprünglichen Docu Soaps hingegen verfolgten immer noch den Anspruch, die Realität in fly-on-the-wall-Manier einzufangen, zu dokumentieren. Behutsame Eingriffe dienten hier ebenso wie die Montage dazu, die gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen filmisch aufzubereiten, zuzuspitzen oder zu verdeutlichen. Auch hier wurden die Protagonisten ‚gecastet‘, aber in der eigenen Umgebung belassen und dort mit der Kamera begleitet.

Wenngleich sich in Deutschland eine ähnliche Entwicklung also schon abzeichnete, blieb die Entwicklung der Docu Soap – zumindest unter diesem Begriff – den Briten vorbehalten. In der Dokumentarabteilung der BBC sann man in den 1990er-Jahren auf Mittel und Wege, dem dokumentarischen Fernsehen neue Zuschauerschichten zu erschließen.

Dies gelang mit der so genannten Docu Soap, bei der dokumentarisches Material in der Art der fiktionalen Seifenoper arrangiert wird. Es gibt drei oder mehr Parallelhandlungen, die in einer Zopfdramaturgie und offenen Einzelepisoden, also mit Fortsetzungscharakter erzählt werden, zudem kreisen die Docu Soaps in der Regel um besonders hervortretende Protagonisten. Die ersten Produktionen dieser Art waren „Hotel“ (1997), „Children’s Hospital“ (1997) und „The Cruise“ (1998), in Deutschland unter dem Titel „Die Kreuzfahrt“ bei dctp/Vox ausgestrahlt und von RTL unter dem Titel „Das Clubschiff“ eilig und entsprechend dürftig kopiert.

Eine arrangierte Ausgangssituation fand sich in Form einer WG-Beobachtung auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Für die Reihe „WG Europa“ wurden über ein Jahr hinweg sechs junge Europäer mit der Kamera begleitet. Die Dreharbeiten begannen bereits vier Monate vor dem niederländischen „Big Brother“-Projekt. Die Ausstrahlung im Regionalprogramm des WDR aber ließ ein gutes Jahr auf sich warten und wurde angesichts des Medienwirbels um „Big Brother“ kaum mehr wahrgenommen. Im Sommer 2003 zeigte Arte mit „7 auf Tour“ eine inhaltlich verwandte Reihe: Der französisch-deutsche Kulturkanal schickte sieben junge Journalisten unterschiedlicher Herkunft auf eine Busreise durch ganz Europa und ließ sie in vorher festgelegten Städten Filmberichte erstellen, während gleichzeitig Leben und Arbeit der Gruppe von Kamerateams dokumentiert wurden.

Der Vierteiler „Schwarzwaldhaus 1902 – Leben wie vor 100 Jahren“ schließlich, der im Dezember 2002 im Abendprogramm der ARD zu sehen war, folgte britischen Vorbildern wie „The 1900 House“ (1999), mit denen versucht worden war, neue Formen zur Vermittlung kulturgeschichtlichen Wissens zu erproben. Zu diesem Zweck ließ man Menschen für begrenzte Zeit unter den Bedingungen vergangener Epochen leben und ihre Begegnung mit einem ungewohnten Alltag von Kamerateams dokumentieren.

In Deutschland übertraf der Publikumszuspruch für das Schwarzwaldabenteuer der Berliner Familie Boro die Erwartungen des Senders, auch die Kritik zeigte sich gewogen, ebenso die Juroren des Grimme Preises, die Autor, Regisseur und Kameramann mit Auszeichnungen bedachten. Auch „Die Fussbroichs“ hatten zuvor – 1992 – den begehrten Preis erhalten, so wie auch 2000 die Docu Soap „Abnehmen in Essen“.

6. Privatsphären

„Big Brother“ war fraglos die spektakulärste Ausprägung des neu erwachten Interesses am privaten beziehungsweise am alltäglichen Leben. Docu Soaps und manche Reality Shows bieten dem zuschauenden Individuum die Möglichkeit eines Abgleichs mit den eigenen Lebensbedingungen. Sie wecken und befriedigen die Neugier darauf, wie andere ihre Alltagsprobleme bewältigen. Solche Darstellungen können sich als förderlich erweisen, aber auch als belustigend und damit für den Zuschauer erhebend, sobald die Fernsehprotagonisten unsouverän agieren. Andere Situationen führen zu empathischer Anteilnahme, wenn die Bezugsperson Leid oder Ungerechtigkeit erfährt. Docu Soaps bieten ergo eine Fülle von emotionalen Gratifikationen.

Nicht zuletzt deshalb entstand bereits vor und vermehrt nach „Big Brother“ eine Vielzahl von dramatisch aufgemachten, auf starke emotionale Anteilnahme hin gearbeiteten Docu Soaps, die vornehmlich Privatleben (Hochzeit, Schwangerschaft, Urlaub) und Freizeit (Tanzschule, Hausbau etc.) ihrer Protagonisten ins Bild setzten. In ihnen schlugen sich häufig aktuelle Zeiterscheinungen nieder – gleich mehrere Einzelsendungen und Mehrteiler widmeten sich beispielsweise dem gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise florierenden Heimwerkerwesen. Aber auch der Arbeitsalltag ausgesuchter Berufsgruppen wurde seriell dargeboten; das Aufgebot umfasste Streifenpolizisten ebenso wie Friseure und Schönheitschirurgen, Fahrlehrer oder Tierpfleger.

Der Anspruch auf dokumentarische Abbildung wurde im Laufe der Entwicklung immer schwächer, teils ging er ganz verloren. Am 11. Januar 2010 startet die ARD die nachmittägliche Docu Soap „Verrückt nach Meer“, die, wie schon die Erfolgsserie „Die Kreuzfahrt“, das Leben auf einem Luxuskreuzer zum Thema hat. Anders jedoch als seinerzeit bei der BBC wurden bei dieser Produktion einige Teilnehmer bereits im Vorfeld ausgewählt. Die Ausschreibung wurde unter anderem im „Wiesbadener Tageblatt“ veröffentlicht: „Junge Brautpaare, die noch auf der Suche nach der perfekten Flitterreise sind und Lust haben, mit ihrer Geschichte Teil der neuen ARD-Serie zu werden, sind aufgerufen, sich zu bewerben. Auch Paare, die ihr Jawort romantisch erneuern möchten, können sich melden. (…) Das überzeugendste, romantischste Paar wird zu einer 17-tägigen Kreuzfahrt vom 20. April bis zum 7. Mai eingeladen und während der Reise mit der Kamera begleitet.“ (Red.: Flitterwochen zu verschenken, Ausgabe 7.3.2009.)

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