III. Das Leistungsprinzip: Talent Shows

1. Star auf Zeit

Die Rahmenbedingungen von „Big Brother“ waren von Anbeginn auf die optimale kommerzielle Verwertung hin ausgerichtet. Noch während ihres Aufenthaltes im Haus nahmen die Bewohner gemeinsam eine Platte auf. Später konnten einzelne von ihnen die gewonnene Popularität auf unterschiedliche Weise gewinnbringend umsetzen. Ähnlich in Deutschland. Hier setzte die an sämtlichen Einnahmen beteiligte Produktionsfirma vor allem auf den Musikmarkt. Mehrere Teilnehmer brachten Platten auf den Markt, einige verbuchten erkleckliche Umsätze. Stimme und Notenkenntnisse waren dazu nicht vonnöten; die moderne Studiotechnik macht es möglich, selbst schlimmste Misstöne ansprechend aufzupolieren. Allerdings waren die Gesangskarrieren der „Big Brother“-Absolventen durchweg von kurzer Dauer.

2. Leistungsproben

Nur die populärsten „Big Brother“-Teilnehmer hatten Erfolg als Interpreten, und dies gerade mal in der bestenfalls einige Monate währenden Phase des Nachruhms. Diese erwartungsgemäß enge Zeitspanne, – erkennbar auch an aktualitätsgebundene Bezüge in den Songtexten -, wurde von den verantwortlichen Plattenfirmen durch eine schnelle Abfolge von Single-Veröffentlichungen bestmöglich genutzt.

Größeren Gewinn als aus kurzfristigen Verkaufserfolgen zieht die Phonoindustrie indes aus publikumswirksamen Stars, die über einen längeren Zeitraum hinweg verlässliche Umsätze garantieren. Darum wird in Erfolgsformaten wie „Popstars“ (Premiere 14.11.2000 bei RTL II, ab 11.08.2003 ProSieben), „Deutschland sucht den Superstar“ (Lizenzversion von „Pop Idol“, RTL, seit 2002) und „Star Search“ (Sat.1, 2003-2004), an deren Herstellung Plattenfirmen direkt beteiligt sind, überprüfbares Können zur Voraussetzung innerhalb eines Wettbewerbs mit Ausscheidungsmodus. Die Teilnehmer müssen mehrere harte Qualifikationen überstehen oder sich, wie in „Popstars“ und der ZDF-Variante „Die deutsche Stimme 2003“, sogar in „Trainingscamps“ über Wochen hinweg für den gewünschten Beruf regelrecht drillen lassen.

Das ursprünglich aus Neuseeland und Australien stammende Erfolgsformat „Popstars“, machte, wie seine Nachfolger „Making the Band“ (MTV USA, als Importformat auch in Deutschland) und „Pop Idol“ (Großbritannien, ITV), in Docu Soap-Manier sichtbar, was zuvor tunlichst verborgen gehalten wurde – das Fernsehpublikum sah in geradezu desillusionierender Deutlichkeit, wie eine Popgruppe nach Marktgesetzen zusammengestellt, trainiert und zum Erfolg getrieben wird. Für alle derartigen Sendungen gilt: Wer in die engere Wahl kommen will, bedarf stimmlicher Qualitäten und einer überzeugenden Bühnenpräsenz, muss aber auch über ein großes Durchsetzungsvermögen verfügen. Zusätzlich urteilen die Zuschauer, die ähnlich wie bei „Big Brother“ über den Sieger entscheiden, nach Charakter und sozialem Verhalten.

Der Schritt ins Rampenlicht bedeutet für die Mitwirkenden in jedem Fall, dass ihr Privatleben zur Verfügungsmasse für den ausstrahlenden Sender und für die stets stark beteiligte und teils bewusst eingebundene (Boulevard-)Presse wird. Diese Ausschlachtung der Biografie provoziert berechtigte Kritik, nimmt aber bei realistischer Betrachtung vorweg, was im öffentlichen Dasein junger Pop-Künstler heute förmlich zum Alltag gehört: Die rigorose und konfrontative Belagerung durch Paparazzi und Boulevardjournaille, die im angelsächsischen Bereich noch weit extremere Ausmaße annimmt als hierzulande.

Nachdem das Publikum den Mühen der Star-Werdung beiwohnen durfte, gönnt es dem von der Mehrheit gekürten Interpreten den Erfolg und ‚belohnt‘ ihn meist mit einem oder mehreren Hits. Hinlänglich begabte Musikstars können im Vergleich mit den „Big Brother“-Absolventen mit einer größeren Treue des Publikums rechnen – Britney Spears, Christina Aguilera, Alanis Morissette beispielsweise verdankten der US-Reihe „Star Search“ den Eintritt ins Showgeschäft, der in eine dauerhafte Karriere münden kann – vor allem, wenn es gelingt, sich vom Talentshow-Format ‚abzunabeln’. Die spätere Oscar- und Grammy-Gewinnerin ,  trat erstmals bei „American Idol“ hervor. Auch Kelly Clarkson bestand den Ausscheidungswettbewerb und konnte bis 2009 immer wieder erste Plätze der Alben- und Single-Charts belegen. In Großbritannien verdankte Leona Lewis ihre Karriere der Talentshow „The X Factor“. Die häufig kolportierte Annahme, die Gewinner von Talentshows würden von der Musikindustrie kurzfristig zum Erfolg geführt, aber ebenso schnell wieder fallengelassen, gilt allenfalls für Deutschland und lässt sich auch hier nicht uneingeschränkt aufrecht erhalten.

Was wiederum bei vielen jungen Menschen den Traum befördert, es den selbstgewählten Idolen – der in Deutschland titelgebende „Superstar“ führt semantisch erkennbar in die Irre – über die Teilnahme an einer Nachwuchs-Show gleichtun zu können. (Vgl. Harald Keller: Herdstellen der Moderne. Frankfurter Rundschau, 9./10.5.2009, S. 38.)

Doch nicht jeder Auftritt und auch nicht jedes Sendekonzept wird automatisch mit Erfolg belohnt. Die im Jahr 2000 im Nachmittagsprogramm von RTL gezeigte Talentshow „Deine Band“ blieb ohne den erforderlichen emotionalen Gehalt und damit ohne nennenswerte Resonanz, zum Nachteil der musikalisch durchaus versierten Gewinnerband Public Animals.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s