Eine Begegnung mit uns selbst

Jedem Filmschaffenden ist das Thema Staub sehr nahe. Vor Beginn der Dreharbeiten muss die Kamera gereinigt werden. Staubkörner können die Mechanik behindern, den Lichteinfall verändern und, bei Verwendung herkömmlichen Aufnahmematerials, die Beschichtung beschädigen. Auch Filmvorführer kennen dieses Problem – wenn sich dem Kinozuschauer dünne weiße Längsstreifen zeigen, dann hat ein garstiges Staubkorn seine Spur hinterlassen.

Hartmut Bitomsky ist wohl der erste Dokumentarist, der dem Staub einen Filmessay gewidmet hat. Dazu trug er eine Fülle an Material zusammen, erwartbares darunter ebenso wie ungemein überraschendes. Die Montage erfolgte assoziativ und elliptisch, doch auch in übertragenem Sinne wirkt der Staub als Bindemittel – Bitomskys Methode funktioniert.

Am Anfang steht der Begriff. Vom Staub gelangt Bitomsky zum Staubkorn und findet eine Verbindung zum klassischen Filmmaterial, denn auch hier spricht man vom Korn. Fotografen des vordigitalen Zeitalters wissen: Je höher die Filmempfindlichkeit, desto gröber das Korn. Bitomsky sieht eine Übereinstimmung: „Film – das ist Staub, der in der Dunkelheit des Kinos aufleuchtet.“

Schon erfolgt der Gedankensprung zum Berufsstand der Putzfrau. Immer wieder aufs Neue ziehen die Reinigungskräfte gegen den Staub zu Felde. Das tun sie abseits der üblichen Arbeitszeiten. Nüchtern konstatiert die sonore Erzählerstimme: „Deshalb kriegt man sie selten zu sehen.“

Die Künstlerin Jennifer Michel sammelt Hausstaub, sortiert die Flusen systematisch nach Form und Farbe und spießt sie auf wie der Schmetterlingssammler seine bunte Beute oder gießt sie in transparentes Material und stellt sie zur Schau. Der Fabrikant eines patentierten Luftreinigungsgerätes dagegen will kategorisch weg vom Staub, ebenso die Hausfrau, die sogar das Innere ihres Fernsehers putzt. Andere tragen ihren Staub zu Markte – dieser so genannte „Normstaub“ wird für Versuchsanlagen benötigt.

Bitomskys Assoziationskette führt in die Geschichte und in die Astronomie, in die Medizin, Kunst und Biologie. Asbeststaub wirkt tödlich, Blütenstaub kann Leben schaffen. Wir erfahren, dass Hausstaub Hautpartikel und feine Härchen enthält. Bitomskys Schlussfolgerung: Die Begegnung mit dem Staub ist eine Begegnung mit uns selbst.

So weit Bitomsky in seiner Dokumentation, einer Koproduktion mit WDR und Arte, den Bogen auch spannt, seine Darstellungen bleiben stets nachvollziehbar und verständlich und sind dank der ruhigen, dabei keineswegs statischen Kameraführung Kolja Raschkes und Theo Bromins sachtem Schnittrhythmus obendrein ein bildlicher Genuss.

„Staub“, D 2007, 90 Min., Real Fiction, auf DVD

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