ÜberSehen

Wenig freundliche Worte fand die Kritikerin der „Süddeutschen Zeitung“ für den Arte-Spielfilm „Ellas Geheimnis“. Denn sie wusste ohne Hinzugucken, was ihr bevorstand: „Wenn eine erfolgreiche Hamburger Neuro-Psychiaterin nach vielen Jahren widerwillig in ihre afrikanische Heimat zurückkehrt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie versonnen an einer Handvoll roter Erde schnuppert.“

Nun schnupperte Hannelore Hoger in der Rolle der Ella mitnichten an einer Handvoll roter Erde, sondern prüfte den zum Trocknen ausgelegten Rooibos-Tee. Aber warum sich eingehend mit einem Film befassen, wenn man die Meinung doch bereits parat hat? Dieser Maxime folgt auch ein anderer Star-Kritiker des Blattes, der schon mal dabei beobachtet wurde, wie er während der Sichtung eines Films Zeitung las. Was ihn nicht hinderte, später vehement Stellung zu beziehen – geradeso profund wie seine oben zitierte Kollegin.

Ein Pedant, wer Böses dabei denkt? Vielleicht. Oder aber jemand, der noch gelegentlich Kontakt zu zahlenden Zeitungslesern hat. Die sind nicht erfreut, wenn sie mit einer Kombination aus drastischer Meinungsäußerung und offensichtlicher Unkenntnis behelligt werden, umso mehr, als derartige Epistel häufig offen oder verkappt Verachtung für die Nutzer populärer Fernsehangebote erkennen lassen. Nicht nur Gelegenheitsleser bekommen auf diese Weise ohne Not einen weiteren Grund geliefert, künftig das Geld für das Tageblatt zu sparen – warum soll man sich herabsetzen lassen und noch Geld dafür ausgeben? Man wäre ja tatsächlich so bescheuert, wie manche Redakteure zu glauben scheinen.

Nicht viel besser auch die „Frankfurter Rundschau“, die uns zu lesen und zu rätseln aufgab: „Wie viel Mehrwertsteuer zahlt ein Hotelgast, der im Bett frühstückt und dabei einen Softporno guckt, in dem es ein Haus- mit einem Maulesel treibt? Oliver Welke, Moderator der ‚heute-show’, hat diese Frage neulich seiner Kollegin Bettina Hausten (Martina Hill) gestellt. Ihre Stimme knarrte wie ein Grabdeckel, als sie ihm attestierte: ‚Sie sind ein sehr kranker Mann, Oliver.’ Es war eine Sternstunde der Satire. Ein Moment, wie man ihn bei Harald Schmidt schon lange nicht mehr erlebt hat.“

Schön geschrieben und mit dem Mantel in den Wind gehängt. Zugleich von ausnehmender Wahrhaftigkeit: Wenn man Harald Schmidt nicht guckt, kann man die großen Momente formvollendeter Satire natürlich nicht erleben. Mal ganz abgesehen von dem Umstand, dass es sich bei den von Oliver Welke eher ungelenk servierten Pointen der „heute-show“ vielleicht um Stirn-, nicht aber um Sternstunden handelt.

Dies nur, um mal das Niveau dieser Sendung auf andere Weise zu zitieren.

Und gleich noch im selben Aufwasch für all die Leser, denen von ihrem Stammblatt weisgemacht wurde, die ProSieben-Serie „Vampire Diaries“ bewege sich plagiatorisch im Windschatten Stephenie Meyers: Die Romanvorlagen zu den „Vampire Diaries“ (mittwochs, 21.15 Uhr) sind lange vor den mormonischen Bis(s)tialitäten erschienen.

Apropos Stephenie Meyer: Ein weiblicher Teenager und ein männlicher Vampir, die sich lieben, aber nicht gemeinsam unters Plumeau schlüpfen dürfen – gab es da nicht mal eine Serie mit dem Titel „Buffy – Im Bann der Dämonen“? Und eine Figur namens Angel? Die die erzwungene Enthaltsamkeit aufs Schönste kompensierte?

Der DVD-Markt hält für die Komparatisten unter uns alles Nötige bereit.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s