Proleten? Nein danke!

In der taz macht sich Jan Feddersen über Stefan Raabs „Unser Star für Oslo“ her. Wir erfahren: „Die absoluten Zahlen geben ihm Recht. Mehr als zwei Millionen Menschen, vor allem jüngere, schauten vorigen Dienstag bei der fünften Vorrunde für ‚Unser Star für Oslo‘ zu.“

So hat halt jeder seine Sichtweise. Tatsache ist aber, dass Sat.1 mit der Wiederholung des selbstproduzierten Immen-Thrillers „Bienen – Tödliche Bedrohung“ über eine Million Zuschauer mehr erreichte. Von Abräumern wie „Um Himmels willen“ (7,69 Mio.) und „CSI: Miami“ (4,67 Mio.) mal ganz zu schweigen.

Aber Quoten sollten ja ohnehin nicht Maßstab rezensierenden Schreibens sein. Wie man auch nicht willkürlich irgendwie gut klingende Fremd- und andere Worte in seine Sätze einbauen sollte: „Belohnt wurden bislang nicht Performances, die den überkandidelnden [sic!] Ansprüchen eines Dieter Bohlen, Präzeptor bei Deutschland-sucht-den-Superstar, genügen, sondern dem ästhetischen, vor allem musikhandwerklichen Niveau, das ein Stefan Raab souffliert [sic!].“

Doch sollen uns grammatische Patzer die Freude an Feddersens lehrreichen Ausführungen nicht verleiden: „Was den Unterschied ausmacht zum DSDS-Format, ist freilich nicht allein das vollkommene Fehlen von proletarischem Prekariatsflair. Bei USFO sind es astrein freundlich funktionierende Mittelschichtskinder mit Abiturappeal, die um Erfolg buhlen.“

Wir hier in der Arbeitsloseninitiative sind nun ein wenig betrübt, denn eigentlich hat uns das proletarische Prekariatsflair immer gut gefallen, ob es, wie bei den Rolling Stones, nur geschäftstüchtig vorgegaukelt wurde, oder tatsächlich der sozialen Herkunft entsprach, wie bei so vielen Interpreten des Blues, des Beat, des Punk, auch des Soul und natürlich erst recht des HipHop.

Nichts gegen Rock-Musik, so entnehmen wir Feddersens Lektion, aber gepflegt muss sie sein. Darin liegt dann auch wohl die Rettung der ARD-Fernsehunterhaltung: „Was Raab der ARD nahebringen kann, ist vor allem dies: Die Renaissance des Schmunzelnd-Witzigen, also auch die Kritik am Dumpfbackig-Volksmusikhaften, ist moderner Bürgerlichkeit nachgerade zwingend und allzeit eingeschrieben. Bürger lächeln über die Prekären allenfalls, aber sie setzen immer auf Leistung, nichts als Leistung. Raab ist ihr bester Beweis.“

Mit dieser kruden Mischung aus eingebildeter intellektueller Überlegenheit und verzerrtem Leistungsbegriff im Geiste Guido Westerwelles nähert sich der von Logik und Fakten unberührte Autor Feddersen – und damit die gesamte taz – dem Kultursnobismus des Großfeuilletons, das Gratissolidarität und Mitgefühl auf den Markt schmeißt, wenn Vertreter der Modernisierungsverlierer, des Prekariats, der Unterschicht als Kunstfiguren in Literatur, Film und Theater in Erscheinung treten, aber Geringschätzung, wenn nicht gar Verachtung erkennen lässt, sobald sich Angehörige dieser Gruppen mutwillig ins Blickfeld der Bessergestellten drängen. Diese Doppelzüngigkeit verbindet sich insbesondere mit bestimmten Fernsehsendungen und reicht zurück bis zur ersten Staffel von „Big Brother“. Damals denunzierte der „Stern“ die Mitwirkenden als „bescheuert“, schmähte den kurzzeitig zum Star aufgestiegenen Zlatko Trpkovski als, was immer das sein mag, „Kreuzung aus Fladenbrot, Freischärler und Schaf“, während die „Süddeutsche Zeitung“ in ihm ein „tätowiertes, muskelbepacktes Tier“ erkannte. Die taz stempelte die füllige Sabrina zum „Lachsack“, die „Süddeutsche Zeitung“ freute sich speicheltriefend über „Brüste wie entsicherte Handgranaten“.

Wer so schreibt, möchte sich über andere erheben. Daran stört nicht nur die ungeheure Heuchelei, sondern auch die ausgemachte Dummheit. Denn man beleidigt letztlich Teile der eigenen Leserschaft. Und darf sich dann nicht wundern, wenn die potenziellen Käufer Zeitungen und Magazine links liegen lassen und sich lieber zur rechten Seite wenden.

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