Ein Juwel des seriellen Erzählens

Der „Tagesspiegel“ gab kürzlich kund und zu wissen, „die TV-Serie als solche, vor allem die US-Serie“ sei „ja aufgrund ausgezeichneter Autoren und Produktionsbedingungen hoffähig geworden“.

Je nach Gemüt runzelt man da die Stirn oder schmunzelt leis in sich hinein. Denn wir hier im Seniorenheim erinnern uns noch an ausgezeichnete Serien wie „Polizeirevier Hill Street“ („Hill Street Blues“), „Chefarzt Dr. Westphall“ („St. Elsewhere“) oder „L.A. Law“, die all das schon hatten, was das junge Skribentenvolk heutigentags ganz aufgeregt als unerhörte Neuerungen feiert: überlappende Erzählstränge, semidokumentarische Kameraführung, ein Ensemble gleichberechtigter Charaktere anstelle solitär ragender Protagonisten. Wenn die Herrschaften mal vom Internet ließen und stattdessen zum Buch griffen, würden bei der Lektüre von Robert J. Thompsons „Television’s Second Golden Age. From Hill Street Blues to ER“ die Groschen nur so purzeln. Und wer kein Englisch versteht, behilft sich mit „Kultserien und ihre Stars“ (gab es dreibändig im Bertz Verlag und komplett bei RORORO. Die Internet-Antiquare helfen gerne weiter.).

Doch auch Großbritannien blickt auf eine langjährige Tradition in der Herstellung herausragender Serien zurück. Eine der erstaunlichsten und bis zum heutigen Tag einflussreichsten Produktionen – ein britisch-amerikanisches Remake lief im letzten Jahr im US-Sender AMC – war „Nummer sechs“ („The Prisoner“), ein lupenreines Autorenstück des Schauspielers, Produzenten, Szenaristen und Regisseurs Patrick McGoohan (R.I.P.), das nebenbei einmal mehr die übliche Ausrede deutscher Serienproduzenten widerlegt, ausländische Produktionen seien besser, weil dort so viel mehr Geld investiert werde. Rubbish! Investiert werden vor allem Ideen und Esprit und diese sodann mit dem Mut zu Innovationen gepaart.

Nun können wir ausgemusterten greisen Zausel natürlich endlos von guten alten Zeiten fabulieren und sonstwas behaupten, aber glücklicherweise sickerte eben durch, dass Arte – räumt die Festplatten frei, besorgt euch Videokassetten! – im Sommerprogramm „Nummer sechs“ einmal von vorne bis hinten zeigen wird. Bei der seinerzeitigen Erstausstrahlung unterschlug das ZDF einige Folgen, aber die übrigen waren mit ihren paranoisch-psychedelisch-politischen Inhalten für das Publikum des Jahres 1969 verstörend genug.

Die Termine nach jetziger Planung: 24. Juli bis zum 17. August, samstags (zwei Folgen) und dienstags (zwei Folgen) jeweils gegen 22.15 Uhr (in Frankreich um 22.35 Uhr). Wiederholung am Nachmittag vom 2. bis zum 24. August, montags bis freitags je eine Folge um 18.05 Uhr.

Mit einem herzlichen Dank an den Gewährsmann. Be seeing you! Und um allen Unwissenden das Credo der Serie vorweg zuteil werden zu lassen: „I am not a number. I am a free man!“ – Das kann man frohen Mutes unterschreiben.

Hier beginnt die Geschichte: Betäubendes Gas strömt durch die Tür, Nummer sechs verliert das Bewusstsein und erwacht unbestimmte Zeit später in fremder Umgebung. Ein Erholungsort, so scheint es, doch die Bewohner werden streng überwacht und können die Stadtmauern nicht verlassen. © Harald Keller

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