Der Ostfriesen-Report

Von Küsten und Kosten – Eine Erkundung zwischen Deichen und Mauern des Schweigens

Unsereinem, der zwischen krumiger Scholle und bleichen Sandgruben aufwuchs, mangelt es nicht nur am Verständnis für eine großstädtische Kultur der hohen Brauen und Nasen, wir kennen auch Gewässer allein in der Form eines Löschteichs oder Stichkanals. Insofern zieht es uns immer mal wieder zum Meer, weil dieses zu den Dingen gehört, die uns in unserer Jugend vorenthalten wurden. Wir behalfen uns darob mit wilden Seeräubergeschichten, und wer den Geist dieser Bücher aufleben lassen möchte, wird an der ostfriesischen Küste bestens bedient.

Denn die Küstenfriesen sind scheint’s von der Strandpiraterie direkt zur Wegelagerei übergegangen. Die Touristen strömen dennoch in Scharen und halten es offenbar für normal, dass Neuharlingersiel pauschal 3,50 Euro fürs Parken verlangt, auch wenn man nur kurz auf einen Sprung in die Poststelle möchte. In Harlesiel locken Hinweisschilder zu einem ominösen „Strand“. Folgt man ihnen, gerät man an die Zufahrt zu einem Abstellplatz für Wohnmobile. Deren Anblick gilt offenbar als großartige Attraktion, denn dem Fußgänger wird an der Pforte ein Eintrittsgeld abverlangt. Irgendwo jenseits der trostlosen Wagenreihen sollen sich ein paar Quadratmeter Strand befinden. Aber der Besucher ist gewarnt, er hat schon den – immerhin frei zugänglichen – „Strand“ in Neuharlingersiel kennengelernt: ein paar Quadratmeter künstlich aufgeschütteten Sands, vollgestellt mit selbstredend kostenpflichtigen Strandkörben, in unmittelbarer Nähe eines Aufspülbereichs („sieh zu, dass du Land gewinnst“ ist hier oben keine leere Floskel), dessen Betreten bei Lebensgefahr verboten ist und dessen fäkaliene Farbgebung nicht jedermanns ästhetischem Empfinden entspricht.

In der Erinnerung trägt der Harlesieler Kassenwart eine schwarze Augenklappe und einen Krummsäbel, aber dabei handelt es sich wohl um einen schnurrigen Streich der Fantasie. Der Mann kann ja nichts dafür. Die Notabeln und Honorationen sind es, die schon viel zu lange keinem Störtebeker mehr begegnet sind.

Keinen Heller Wegezoll also für den Mann am Eingang zum Sperrgebiet, stattdessen der Rückmarsch zum alten Hafen. Dort reiht sich Gastwirtschaft an Gastwirtschaft. Aus geheimen Öffnungen strömen Fischbratdünste, die die Sinne der Wanderer verwirren und suchterzeugend wirken. Anders ist nicht zu erklären, dass diese Etablissements vor touristischen Besuchern nur so bersten und noch aus der letzten Fischbude die Tageseinnahmen in dunkler Nacht in schweren Geldsäcken heimwärts gekarrt werden.

Wo diese Heime aber stehen, bleibt ein ungelöstes ethnologisches Rätsel. Denn bis weit ins Binnenland werden alle gerade noch bewohnbaren Gebäude zimmerweise an Reisende vermietet, als Wirtshäuser genutzt oder für den Souvenirhandel missbraucht. Unter Forschern kursiert die Theorie, derzufolge sich die Küstenfriesen des Nachts in luxuriös ausgebaute Erdlöcher in den ausgedienten Hinterlanddeichen zurückziehen. Bislang aber konnte diese Annahme nicht verifiziert werden. Denn bis auf ein gelegentliches „Moin“ und die meist erkleckliche Summe unterm Strich der Bewirtungsrechnung sind den Einheimischen keine Auskünfte zu entlocken. Der neugierige Frager stößt auf eine fest verfugte Mauer des Schweigens.

Und mit undurchdringlichen Mauern kennt man sich im Lande einer jahrhundertealten Deichbautradition bekanntlich bestens aus.

Nördlich von Friesland. © Harald Keller

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