Rückkehr an den Ort des Schreckens

Traumabewältigung per Kamera: Britischer Regisseur drehte Dokumentation über die eigene Entführung

Im Jahr 2003 wurde der britische Filmproduzent Mark Henderson gemeinsam mit anderen Rucksackreisenden, darunter fünf Israelis und eine Deutsche, beim Besuch der Ruinen der „Verlorenen Stadt“ in Kolumbiens Sierra Nevada von Guerilleros in den Dschungel verschleppt. Über drei Monate lang lebten die Geiseln in Angst und Ungewissheit und unter erbärmlichen Umständen, weil ihre Entführer aus Angst vor Entdeckung rastlos durch die Berge zogen. Diese Gruppe hatte mehr Glück als andere Kidnappingopfer: Nach gut drei Monaten kam sie auf Vermittlung eines katholischen Bischofs frei.

Zu seiner grenzenlosen Überraschung erhielt Henderson einige Zeit später – die sozialen Netzwerke des Internets machen es möglich – eine E-Mail von einem seiner Entführer, der sich Antonio nennt. Mit den Jahren entwickelte sich eine rege Korrespondenz.

2009 kehrte Henderson zusammen mit einigen Leidensgenossen und einem Kamerateam unter Geleitschutz der kolumbianischen Armee an den Ort seines Martyriums zurück. Henderson fungierte zugleich als Protagonist, Regisseur und Produzent. Im Film wird offensichtlich, dass er den Besuch mit der Hoffnung verbindet, sein anhaltendes Trauma bewältigen zu können. Auch die Dreharbeiten sind dabei ein Mittel zum Zweck.

Hendersons Film ist ein Dokument einer Erkundung. Die Entführungsopfer suchen sich zu vergegenwärtigen, was vor sieben Jahren geschah, sprechen über ihre Empfindungen und die Nachwirkungen. „Ein Teil von mir ist hier gestorben“, sagt die Deutsche Reini, „und den bekomme ich wohl auch nie wieder zurück.“ In Rückblenden wird mit Hilfe von damaligen Nachrichtenbildern das Geschehen des Jahres 2003 rekapituliert. Auch Hendersons Eltern sind zu sehen, wie sie um ihren Sohn bangen und wie sie die Nachricht von der Freilassung erreicht. Im Gespräch mit Mark berichten sie später, dass ihnen in dieser Zeit nicht nur Verwandte und Freunde, sondern sogar völlig Fremde Anteilnahme spendeten. Zwischendurch lösen sich Henderson und seine Koregisseurin Kate Horne vom rein dokumentarischen Duktus, lassen Raum für Emotionen und Reflexionen und gestatten sich essayistische Passagen, die mit kontemplativen Bildern vom Regenwald illustriert werden.

Aber Henderson beschränkt sich keineswegs auf die Betroffenenperspektive. Er bezieht die Kolumbianer mit ein, spricht mit Dorfbewohnern, die unter den Guerilleros wie den Paramilitärs gleichermaßen leiden. Höhepunkt des Films ist die konspirative Begegnung mit Antonio und seiner Frau, die dem Untergrundkampf längst entsagt haben, aber versteckt leben müssen, die sich einerseits an Erklärungen versuchen, andererseits Mitgefühl für die Opfer und auch Reue zeigen.

„Kidnapped“ ist in jedem Fall ein besonderer Film, der angesichts der  einzigartigen Voraussetzungen kaum je seinesgleichen finden wird. Die in internationaler Koproduktion entstandene Dokumentation ist heute, 20.6., um 22.15 Uhr auf Arte und danach noch sieben Tage lang auf http://www.arte.tv zu sehen.

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