„Ich habe mir den Namen gemerkt, weil ich den so gut fand“

Synchronsprecher Bernd Rumpf über seine Arbeit an der Kultserie „Nummer sechs“

In „Star Wars“ spricht Liam Neeson mit seiner Stimme. Er lieh sie George Clooney in „From Dusk Til Dawn“ und Alan Rickman in den „Harry Potter“-Filmen. Bernd Rumpf ist Synchronautor, –regisseur und –sprecher, als Schauspieler sieht man ihn auf renommierten Bühnen in Deutschland und der Schweiz, er gibt aber auch Stippvisiten beim Fernsehen und gastiert in Serien wie „Balko“ oder „Küstenwache“. Rumpfs jüngste Synchronarbeit waren vier Folgen der britischen Kultserie „Nummer sechs“, die bei der Erstausstrahlung im Jahr 1969 ausgelassen worden waren. Der Kultursender Arte nahm die Serie im Rahmen des Themenschwerpunkts „Summer of the 60s“ ins Programm, wobei außer Frage stand, erstmals den kompletten Zyklus zu zeigen. Bei der Bearbeitung galt es die Herausforderung zu meistern, die Unterschiede zwischen den neu zu synchronisierenden Episoden und den vorliegenden möglichst gering ausfallen zu lassen. Den wichtigsten Part, den der von Patrick McGoohan gespielten Titelfigur „Nummer sechs“, übernahm Bernd Rumpf, der seinem Vorgänger Horst Naumann stimmlich erstaunlich nahekommt. „Ein Glücksfall“, wie die Beteiligten übereinstimmend äußerten.

Wie mir erzählt wurde, kannten Sie die Serie „Nummer sechs“ schon, bevor Sie als Sprecher für die Bearbeitung von vier bislang nicht synchronisierten Folgen engagiert wurden.

Rumpf: Ich habe „Nummer sechs“ 1972 gesehen. Meine Frau und ich waren frisch verheiratet und beide in Augsburg am Theater engagiert. Während der Olympischen Spiele wurde „Nummer sechs“ gezeigt. Ich nehme an, im ZDF war das. Und was mich jetzt überrascht hat – ich habe mir einige der Folgen ganz oder zumindest teilweise anschauen können, die nachsynchronisiert werden mussten – war, dass ich es immer noch sehr aktuell fand. Also die Darstellung einer, sagen wir mal, scheindemokratischen Gesellschaft, in der sich nichts bewegt, wechselnde Mehrheiten da sind, nach wie vor aber anonyme Führer, gegen die man nicht ankommt. Und sehr aktuell das Verlangen nach „Information“, das ja kaschiert ist dadurch, dass „Nummer sechs“ irgendein Geheimnis haben soll. Wobei es aber nur darum geht, dass man gar keine Geheimnisse haben darf. Ich fand es sehr toll. (lacht) Und ich habe den McGoohan immer sehr gemocht als Schauspieler.

Aber Sie haben ihn vorher nicht gesprochen?

Rumpf: Nein. Ich habe ja erst 1987, 88 angefangen zu synchronisieren.

Er hat ja auch Kinofilme und US-Fernsehproduktionen gemacht. Deshalb hätte es sein können …

Rumpf: Neulich wurden abends alte Folgen wiederholt von „Columbo“. Und da war vor ein paar Wochen eine Folge, wo er Regie geführt hat. Ich habe natürlich nicht alles sehen können, aber ich weiß noch, dass ich gedacht habe, ach Gott ja, der gute McGoohan. (lacht) Wie bei Liam Neeson, den ich ja nun regelmäßig spreche, habe ich mir den Namen gemerkt, weil ich den so gut fand.

Ist es nicht drollig, dass Sie bei dieser Vorgeschichte zu McGoohans Stimme wurden? Denn der Tipp ging ja offenbar auf die Fans der Serie zurück …

Rumpf: Das habe ich gar nicht mitbekommen. Es war sehr eilig, es war von meiner Zeit her äußerst knapp, und ich war froh, dass das unterzubringen war, weil ich das natürlich wahnsinnig gerne machen wollte. Wobei ich übrigens sagen muss, dass ich eine große Hochachtung habe vor dem Kollegen Horst Naumann, der ihn damals synchronisiert hat. Das möchte ich doch auch bitten zu vermerken.

Wie ich von den Beteiligten gehört habe, hat sich Horst Naumanns Stimme doch so verändert, dass es aufgefallen wäre …

Rumpf: Ich habe sowas vor ein paar Jahren mal gemacht. Es gibt, wenn Sie sich erinnern, noch so eine ganz urtümliche Fernsehserie, „Mondbasis Alpha 1“. Da sind auch einige Folgen nicht synchronisiert gewesen. Da wurde ich auch vorgeschlagen und habe dann die restlichen Folgen gesprochen. Lustigerweise wurden aus jeder Folge – ich glaube, das ist bei dieser Serie auch der Fall gewesen – aufgrund der unterschiedlichen Sendegefäße der USA und des ZDF aus diesen Folgen einige Minuten herausgeschnitten, weil die zu lang waren. Man hat sich natürlich bemüht, Stellen zu schneiden, wo kein Dialog war, aber ich weiß noch, dass wir damals in etlichen Folgen Dialoge sehr sorgsam angleichen mussten, damit man möglichst nicht merkt, dass jetzt eine andere Stimme kommt.

Da ist damals viel Schindluder getrieben worden …

Rumpf: Wenn man überlegt, dass ja Jahre, wenn nicht Jahrzehnte lang eine Fassung von „Casablanca“ durch deutsche Kinos gegeistert ist, bei der man sich fragte, um was es da eigentlich geht, weil jeder Hinweis aufs Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg sorgfältig getilgt war.

Schauen Sie sich den Rest von „Nummer sechs“ noch an?

Rumpf: Das werde ich tun. Ja! Ich werde mich bemühen herauszufinden, welche Folgen das nun sind, die ich neu synchronisiert habe … (lacht) Ich werde wahrscheinlich nicht alle sehen können, werde mich aber bemühen, die meisten aufzuzeichnen. Vielleicht ist Arte auch so freundlich und schickt mir ein Päckchen. Es war kurz vor meinen Ferien sehr aufreibend, das noch zu machen, und ich habe mich darum gar nicht mehr kümmern können.

Es ist schon interessant, gerade unter Aktualitätsgesichtspunkten, die Serie einmal von vorne bis hinten zu schauen. Auch unter dem Stichwort Freizeitgesellschaft. Weil die sind ja alle guter Dinge in dem Ort …

Rumpf: Ich habe natürlich nicht mehr alles vor Augen, ich habe nur ein bissel reinschauen können, aber ich erinnere mich noch an einen interessanten Topos, der sehr viel in amerikanischen Krimis auch stattfindet: Die Hauptfigur hat ja immer wieder zarte Annäherungen an das andere Geschlecht. Und jedes Mal stellt sich heraus, das war ein Irrtum, und es wird jedes Mal eigentlich unterschwellig erklärt: sich menschlich zu öffnen, birgt große existenzielle Gefahren in sich.

Wobei das auch schon als Misogynie ausgelegt worden ist …

Rumpf: Glaube ich gar nicht mal. Ich habe jetzt sieben Jahre lang die Synchronbücher der Serie „Cold Case“ geschrieben und Regie gemacht. Und da wird zum Beispiel immer bei den Verhören am Schluss – es endet ja in der Regel, in 99 Prozent aller Fälle, mit einem Geständnis – dem Schuldigen so menschlich eine Hand gereicht. Also immer dann, wenn an die Menschlichkeit appelliert wird, dann zieht sich die Schlinge zu. Finde ich eine hochinteressante und natürlich etwas fragwürdige Geschichte. Ich glaube nicht, dass es dem McGoohan so ungeheuer bewusst gewesen ist. Und es passt ja auch in die allgemeine Story, weil es letzten Endes um eine diktatorische Gesellschaft geht, was natürlich Erinnerungen an alle möglichen Spitzeleien in allen uns bekannten Diktaturen zur Folge hat. Aber ich finde das ganz interessant. Immer dann, wenn es um Sich-öffnen, um Liebe, um Verständnis, um Solidarität geht – da wird es ganz gefährlich.

Interessant ist ja auch vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, dass er diese Fronten aufbricht. Die eigenen Leute, der britische Geheimdienst, sind nicht besser als „die anderen“, hinter denen wir den Ostblock vermuten dürfen.

Rumpf: Wobei ich vor allen Dingen auch interessant finde, dass damals diese eine Folge ausgespart worden ist, die an sich vom Verständnis die komplizierteste ist, wenn er als sein eigener Doppelgänger auftritt, um sich selbst zu verunsichern.

Das passte in die Zeit. Das hielt man sicherlich für zu komplex.

Rumpf: Es vermittelt dieses „bitte nicht vor den Kindern“ … (lacht)

Man muss diese ausgesparten Folgen eigentlich gesehen haben, auch weil sie noch so einiges über die Hauptfigur vermitteln.

Rumpf: Das finde ich auch. Ich kann mir vorstellen, dass die jetzigen Wiederholungen ziemlichen Anklang finden.

„Nummer sechs“, ab 24.7. samstags gegen 22.00 Uhr auf Arte; Wiederholungen ab August im Vorabendprogramm

(Das Interview wurde für die Veröffentlichung gekürzt und leicht bearbeitet.)

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