Aus Freude am Medium Film

Das ZDF zeigt den Debütfilm „wie Matrosen“

Zwei junge Menschen treffen zufällig aufeinander, in einer Art Transitsituation, natürlich in Berlin. Sie sind beide von Menschen umgeben und wirken doch verloren. Als sich ihre Wege kreuzen, spüren sie auf Anhieb so etwas wie geistige Verwandtschaft und finden für einige Stunden zusammen.

Er habe von zwischenmenschlichen Begegnungen erzählen wollen, erklärt der 1979 geborene Jesper Petzke, „von sehnsuchtsvollen Figuren, die vielleicht gar nicht so richtig wissen, was mit ihnen los ist. Es ging darum, diese befristete Begegnung zu sezieren und zu beobachten, um dadurch hoffentlich dem Zuschauer die Schönheit dieser Begegnung vermitteln zu können.“ Dabei gelingt es Petzke, eine permanente Spannung zu wahren, die teils aus der Ungewissheit entsteht: Was wollen die beiden voneinander, hegen sie aufrichtige Gefühle oder benutzen sie sich nur?

Mit André Szymanski und Alice Dwyer hatte Petzke zwei Schauspieler zur Verfügung, die diesen Figuren glaubwürdig Leben einhauchen. Zu deren Eigenarten gehören sympathische Anachronismen, die so schlüssig ins Geschehen integriert sind, dass sie kaum auffallen. So zieht die Kanadierin Eve ihren deutschen Bekannten Mark in einen jener Fotoautomaten, die fast schon ausgestorben und zu Sammlerobjekten geworden waren, in Berlin aber, wie Petzke berichtet, eine unerwartete Renaissance erlebten.

Eve selbst fotografiert mit einer längst vom Markt verschwundenen analogen Agfa-Pocketkamera und begeistert sich auf dem Flohmarkt für schwarzweiße Kontaktabzüge, während Mark, der als DJ steril-synthetische Techno-Stücke mischt, andächtig Bob Dylans „Bringing It All Back Home“ aus einer Kiste mit Vinylplatten zieht. Ein Hinweis des Regisseurs auf eigene Leidenschaften – Jesper Petzke zählt die LP zu seinen Lieblingsalben.

„Wie Matrosen“ ist Petzkes Abschlussfilm an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen. Erfahrungen sammelte er als Regieassistent und Second-Unit-Regisseur, häufig im Team mit der Erfolgsregisseurin Vivian Naefe, unter anderem beim Kinohit „Die wilden Hühner“. Petzkes Weg ins Filmgeschäft war beinahe vorgezeichnet, die „Freude am Medium Film“, wie er sagt, wurde früh geweckt. Schon als Kind durfte er mit einer Videokamera spielen. Sein Vater Ingo drehte selbst Filme, ist ein Pionier der Avantgarde- und Experimentalfilmforschung, war Dozent und führte einen Filmverleih. Derzeit ist er Direktor des Steinbeis Forschungszentrums Experimenteller Film in Würzburg.

„Das sind die Filme, mit denen ich sozialisiert worden bin“, lacht Jesper Petzke. Ob der Einfluss des Experimentalfilms bei seinen eigenen Regiearbeiten sichtbar wird, mag er nicht beurteilen. „Aber er ist auf jeden Fall vorhanden.“ Sein Debütfilm, der als 30-Minüter konzipiert war, bis Petzke feststellte, dass seine Geschichte 45 Minuten beansprucht, wurde mit Godards „Außer Atem“ und Linklaters „Before Sunrise“ verglichen. Was beides nicht so recht zutrifft – „wie Matrosen“ ist längst nicht so ermüdend geschwätzig wie „Before Sunrise“, und Godards Angebereien, die wichtigtuerischen Spiele mit Zitaten und Posen, gehen Petzke zum Glück vollkommen ab. Er konzentriert sich auf die Schauspieler und ausstatterische Details, inszeniert sowohl mit Blick auf die einzelne Einstellung als auch auf die Gesamtlänge mit traumwandlerisch sicherem Timing und erinnert darin sehr an den frühen Wim Wenders.

Momentan arbeitet Petzke als Regieassistent an der ZDF-Produktion „Mein eigen Fleisch und Blut“ mit Veronica Ferres in der Hauptrolle. Danach geht es an den Schreibtisch, denn er will schnellstmöglich sein quasi zweites Debüt in Angriff nehmen und seinen ersten abendfüllenden Film abliefern.

„Wie Matrosen“ läuft am Montag, 26.7., im Rahmen des „Kleinen Fernsehspiels“ um 0.25 Uhr im ZDF

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