Für und Wider

Mit dem Fernsehen verhält es sich wie mit dem Wetter. Egal wie es sich zeigt, es gibt immer Grund zum Nörgeln. Jens Jessen von der „Zeit“ hat scheint’s auch gerade kein bedeutsameres Thema gefunden. Anbei einige seiner funkelndsten Sätze und was dem einfachen fernsehenden Volk bei ihrer Lektüre durch den Kopf schoss.

Die Parteien und Politiker wollen den öffentlich-rechtlichen Sendern einen Konkurrenzvorteil gegenüber den Privaten verschaffen, weil sie damit über ein Instrument zur Beeinflussung der Wähler verfügen, das sie ihrerseits beeinflussen können.

Wir Seniorenheimbewohner mussten bei diesen Worten unwillkürlich daran denken, dass der CDU-Kanzler Konrad Adenauer und später sein Parteifreund Ernst Albrecht die Einführung des privaten Rundfunks nicht zuletzt deshalb so vehement betrieben, weil ihnen die mangelnde Willfährigkeit der öffentlich-rechtlichen Sender ein großes Ärgernis war. Bei diesen Bestrebungen waren übrigens die Verlegerverbände meist mit im Boot.

Warum also duldet der Staat die Gebührenfinanzierung eines Systems, das sich diese Qualität nur am Rande und nur in Ausnahmen leistet?

Problematisch an dieser sehr verbreiteten Art der Argumentationsführung ist ein ums andere Mal, dass die Verfasser „Qualität“ gemeinhin mit dem eigenen Geschmack gleichsetzen. Strickte man ein reales TV-Angebot aus sämtlichen vorfindbaren Qualitätsforderungen, erhielte man einen ziemlich bunten Programmteppich. Ungefähr der Art, wie wir ihn – Kabel- oder Satellitennutzung vorausgesetzt – lustigerweise bereits haben.

Das Fernsehen, weit davon entfernt, die Zuschauer auf die Höhen der bürgerlichen Bildung zu heben (wie eine berühmte Formulierung der deutschen Arbeiterbewegung lautete) oder ihnen auch nur die Chance auf Teilhabe zu eröffnen, konkurriert mit den billigsten Boulevardmedien um die niedrigsten Instinkte der dümmsten Bevölkerungsteile.

Und es verschlägt einem den Atem, mit welch perfiden Mitteln es das tut. Dass die ARD am kommenden Samstagabend mit einer Live-Übertragung von der Leichtathletik-EM pures Affektfernsehen veranstaltet, wird wohl kein Programmverantwortlicher ernsthaft abstreiten wollen. Das Bayerische Fernsehen unterbietet gleichzeitig alles Dagewesene mit einem Themenabend „Neues argentinisches Kino“ (die gezeigten vier Filme hätte man gern im lokalen Arthouse-Kino gesehen, aber das bevorzugt „Twilight …“, „Toy Story 3“ und „Knight and Day“). 3sat geht ebenfalls um 20.15 Uhr tief unter die Gürtellinie mit einer Wiederholung (!) von Verdis „Rigoletto“ (darin reihen sich Ehebrüche, Entführung, Mord!). Ganz schmuddelig wird es im ZDF, wo „Bella Block“ unter verbrecherischen Hebammen ermittelt. Da werden sich die dümmsten Bevölkerungsteile wieder einmal freuen!

Der Verweis auf Arte oder 3sat ist gerade kein Gegenargument – denn die Entfernung der Kultur aus der Mitte der Gesellschaft ist ja das Problem.

Man müsste also eigentlich nur die Programmplätze tauschen – einmal Arte auf die Frequenz des Ersten verlegt, und schon lassen die Menschen freudig ab von niedrigen Volksmusiksendungen und gedankenlosen Rateshows und die Kulturnation wäre gerettet. So einfach können Lösungen sein. Nämlich:

Wenn das öffentlich-rechtliche System seine Legitimationskrise lösen will, dann muss es sich zwischen Quote und Gebühr entscheiden.

Und wer das neue, kulturell hochwertige Programm im Geiste Jessens dann nicht gucken will, kriegt’s mit dem Rohrstock.

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