Der Politiker des Herzens

Zu Ehren von Rainer Langhans, der sich am heutigen Samstagabend seiner ersten Dschungelprüfung ausgesetzt sieht, wurde der folgende Textauszug aus dem Archiv gekramt. Der Beitrag in voller Länge erschien vor zehn Jahren auf der Medienseite der „Frankfurter Rundschau“, zu einer Zeit also, als man dort noch in dichtem Turnus substanzielle Mitteilungen finden konnte.

(…)

Das Rebellionsjahr 1968 war fernsehgeschichtlich kein Scheidepunkt. Mode, Popmusik, neue Darstellungsformen rückten peu á peu ins Abendprogramm vor, aber das Gedankengut der 68er-Bewegung wurde erst im Verlauf der 70er kenntlich, unter anderem in den ab der Jahrzehntmitte prosperierenden Talkshows. Bei Radio Bremens „III nach 9“ beispielsweise ließ die Sitzordnung geänderte Verhältnisse erkennen. Moderatoren und Gäste saßen inmitten des Saalpublikums, das sich spontan an den Diskussionen beteiligen konnte. Sehr viel Privates wurde hier verhandelt, anfangs mit Erkenntnis-, später immer häufiger mit merkantilem Interesse. Erinnern wir uns an Sina Aline Geißler, die Muse aller heutigen Bekenntnis-Talkshows, die sich in Büchern wie „Immer, wenn ich mich verführe. Weibliche Selbstbefriedigung – ein Tabu wird gebrochen“ ein Tabu nach dem anderen vornahm und es mitleidlos zwischen ihren masturbationsgestählten Fingern zerrieb, um mit den gewonnenen Erkenntnissen recht einträglich von einer Talkshow zur anderen zu ziehen.

Vom gleichen Schlage ist der unverändert als Talkshow-Nomade umherschweifende und lebenslänglich mit 1968 assoziierte Rainer Langhans, inzwischen laut eigener Definition ein „Politiker des Herzens“, was wortgetreu auch von Zlatko Trpkovski stammen könnte, der zwar nicht als Sieger, aber als Gewinner aus der ersten „Big Brother“-Staffel hervorging. In mancherlei Hinsicht scheint zwischen 68ern und 99ern ein seltsames Einverständnis zu herrschen. Wenn Rainer Langhans dem ‚Focus‘ diktiert: „Die Love Parade will genau das, was die Kommune 1 propagierte: ein gutes Leben, alle lieben können – aber vor allem sich selbst“, dann ist die Haltung der Zlatko-Generation markig, aber bündig beschrieben und der Bogen zu ’68 geschlagen.

Und die Verbindung steht: Vorbehaltslos und vollends ungeniert hat sich das derzeitige Unterhaltungsfernsehen Entwürfe und Errungenschaften einverleibt, die im Jahr des Aufbruchs bestenfalls als ideologische Splitter, farbliche Sprenkel und in Form kleinerer Befreiungen auf den Bildschirm gelangten. Wer die Jahre nach ’68 wenngleich im pubertären Taumel und gelegentlichen Drogennebel, insgesamt jedoch halbwegs bewusst erlebte, erinnerte angesichts von „Big Brother“ unwillkürlich die vielfältigen Versuche alternativen Lebens in Großstadt-WGs und Landkommunen. Vereinzelt wurden freie Formen der Sexualität erprobt, wenn auch selten so radikal wie im „Girlscamp“ (Sat.1), wo sich zehn Frauen einen Mann teilen sollten. Selbst Rainer Langhans muss sich in seinem Harem mit weniger begnügen.

Alltäglicher als Sexkommunen waren Arbeitskollektive – Kneipen, Tischlereien, Druckereien, deren Produktionsmittel im Besitz der Belegschaft blieben. RTL II machte aus diesem Modell „to club“ und begleitete eine Gruppe Jugendlicher bei ihren Bemühungen, gemeinschaftlich einen Club – kleine Übersetzunghilfe: Beatschuppen bzw. Diskothek – zu eröffnen und zu betreiben. Wie manch eine der alternativen Firmen ging auch diese Sendereihe schmählich unter. Deshalb spricht man von Reality TV.

Die gleichfalls im Zuge der 68er-Bewegung unternommenen Bestrebungen, Strukturen und Strategien der Unterhaltungskonzerne transparent zu machen, erfüllen sich endlich in einer Reihe wie „Popstars“, die in desillusionierender Deutlichkeit zeigt, wie eine Popgruppe gemacht und zum Erfolg getrieben wird. Und mag auch Thomas Gottschalk im Schutze einer kunstvoll zerschlissenen Lederjacke beklagen, dass früher alles besser war: Schon Gruppen wie die Monkees, Archies oder Wombles entstanden in der Retorte, und selbst die Beatles wurden der besseren Vermarktbarkeit wegen in einheitliche Anzüge gepresst.

In der zeitweilig für den Import vorgesehenen niederländischen Reihe „De Bus“ bildete sich das hippieske Nomadentum ab, die Idee eines freien Lebens im Stammesverbund, aber „on the road“ nach Maßgabe Jack Kerouacs, Ken Keseys und der Merry Pranksters. Weniger Privilegierte sparten damals auf einen gebrauchten VW-Bulli und kreuzten in den Ferien durch die Niederlande, durch Italien, Irland. Oder notfalls auch einfach nur durch Schleswig-Holstein.

Das Wirken der Gammler und Spaßguerilleros von ’68 und der behämten Fernseh-WGs scheint in einem aufs Selbe hinauszulaufen: „Moralische Panik entsteht als Reaktion auf eine ständige Bedrohung der dominanten Moral. Sie ist ein Zeichen dafür, dass die gesellschaftlichen Normen und Werte grundlegend vom Objekt der moralischen Panik herausgefordert werden.“ Diese Passage gilt mitnichten dem ungehörigen Betragen der jugendlichen Außenseiter von ’68, sondern stammt aus dem Resümee des Buches „Im Auge der Kamera. Das Fernsehereignis Big Brother“ (Vistas Verlag, Berlin 2000). Wer heute gegen die Vorgängergeneration löcken will, geht nicht mehr auf die Straße, sondern zieht in den „Big Brother“-Laufstall oder lässt sich für „Gestrandet“ (RTL II) auf einer unbewohnten Insel aussetzen. Prompt regt sich aus Sorge um die öffentliche Moral kräftiger und freudvoll aufgenommener Widerspruch. Den einen oder anderen Gegner der fernsehöffentlichen Entprivatisierung treibt womöglich der Ärger darüber, an diesem provokatorischen Spaß aus Altersgründen nicht mehr teilhaben zu können.

 

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