No sleep in Wacken 2

Am Dienstag drang aus dem Radiolautsprecher der gen Wacken rollenden Bratröhre die Stimme einer jungen N-Joy-Moderatorin, die anlässlich des bevorstehenden Festivalbeginns zum Besten gab: „Ich würde die Krise kriegen, wenn ich in Wacken wohnen würde.“ Im selben Atemzug gruselte sich die Dame über die „Gestalten“, die Wacken derzeit heimsuchen. Wie eigentlich kann man derart ressentimentgeladene Jungschwätzerinnen an offene Mikrophone lassen?

Zwischen Autobahn und Festivalgelände haben sich Zoll und Polizei positioniert und winken ausgesuchte Verkehrsteilnehmer zum Kennenlernen auf einen Parkplatz. Ihr Chronist blieb unbehelligt, und das macht stutzen. Verströmt man mittlerweile das Air von Bürgerlichkeit? Denn egal ob die Polizei patrouillierte oder der Zoll kontrollierte, Ihr Gewährsmann wurde seit je immer herausgewunken. Nur beim Transit durch die DDR ging regelmäßig alles glatt.

Ein einziger Nachmittag auf dem Festivalgelände reicht aus, um zu begreifen, warum manche Besucher jedes Jahr kommen und warum deren Zahl ständig größer wird. Überall herrscht gute Laune, niemand pöbelt, man kommt auf die angemehmste Weise mit jedem ins Gespräch. Noch hat der innere Bereich mit den Hauptbühnen nicht geöffnet, aber es gbt schon viel zu sehen und zu erleben. Allein die Marktstände sind einen Bummel wert, das Angebot reicht von „Fake-Piercings“ über Lederwaren und Reizwäsche bis zu Schmiedearbeiten, und auf dem Mittelaltermarkt präsentieren unter anderem Steinmetze und andere Handwerker ihre Künste. Auch Feuerspucker und Gaukler sind unterwegs, Folklore- (jawohl) und Mittelalter-Bands liefern den Soundtrack. Reliquiae beispielsweise geben ein umjubeltes Konzert vor gut gefülltem Terrain. Metal-Fans sind tolerant. Das begreift man spätestens, wenn man einen Besucher, der sich zwecks Versorgungssicherheit gleich zwei Bierbehälter auf den Rücken geschnallt hat, verzückt zu einem irischen Traditional aus dem 19. Jahrhundert tanzen sieht. Und er ist damit nicht allein.

Blutjunge N-Joy-Tussen wären sicherlich überrascht, hätten sie den Auftritt der Bierblos’n verfolgen können. Die Herrschaften sind altgediente Haudegen, die in bayerischer Nationaltracht auftreten und zur Gaudi des Publikums sowohl AC/DCs „Shook me all night long“ als auch „Musikantenstadl“-Stimmungskracher wie „Viva Colonia“ – in diesem Falle umgetext zu „Viva Bavaria“ – durch den Metal-Kanal jagen und zwischendurch noch eine sehr alberne Freddie-Mercury-Parodie abliefern. Prompt formen hartgesottene Metaller in karierten Röcken, mit Ganzkörpertätowierung, den Kopf mit einem Stahlhelm geschützt, eine Polonaise. Oder tanzen Schuhplattler. Und betreiben zünftiges Stagediving. Dabei machen die hochmotivierten Musiker eifrig mit, nur in umgekehrter Richtung und mit der vorgeschalteten Ansage, sie bitte beim Weißbierstand abzuswetzen. Echter Südstaatenrock, nur wird statt der rot-weiß-blauen Flagge die blau-weiße mit den Rauten geschwenkt.

Natürlich ist man rundum von Verrückten umgeben. Aber die sind allesamt sehr sympathisch, tun keinem was zuleide, und alle gemeinsam haben einen Heidenspaß.

Momentan wartet alles auf Ozzy. Dem Vernehmen nach bekommt er im an sich schon separierten und abgeriegelten V.I.P.-Bereich noch einmal eine ganz eigene Sektion eingerichtet, wo ihn niemand stören darf. Wir sind jetzt alle ganz leise, damit sich Ozzy in Ruhe auf seinen Auftritt vorbereiten kann. Außer Blind Guardian. Die machen mächtig Lärm.

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