Eine kurze Geschichte der epischen Fernseherzählung

Deutsche Rezensenten sind schwer auf „Wire“, aber nicht auf Draht

In der“ taz“ beginnt eine Besprechung der neuen ZDF-Serie „Die letzte Spur“ mit der folgenden Passage:

„Fernsehen ist das neue Kino, amerikanische TV-Serien haben das horizontale, längerfristige Erzählen neu definiert, die großen Romane der Gegenwart heißen „The Sopranos“ und „The Wire“. Das wird derzeit ständig geschrieben. Es stimmt ja auch.

Aber es sind nicht allein die Amerikaner – die Deutschen waren im horizontalen Krimi-Gewerbe zwischenzeitlich auf Augenhöhe, annähernd, nicht ganz. Mit Dominik Grafs und Rolf Basedows „Im Angesicht des Verbrechens“ (ARD) und Orkun Erteners „KDD – Kriminaldauerdienst“ (ZDF). Was in New Jersey und Baltimore geht, geht auch in Berlin.“

Da wurde mit praller Stilblüte, aber recht bündig zusammengeführt, was dem einfachen fernsehenden Volk in den letzten Monaten an schierem Unfug aufgetischt wurde, vom großsprecherischen, aber rotzjungendummen Bescheidwissertonfall – „Fernsehen ist das neue Kino“ – bis hin zu der verblasenen Thesenstellung. Da ist plötzlich alles neu und es scheint eine Revolution im Gange; die „F.A.Z.„, die es eigentlich besser wissen sollte, glaubte entdeckt zu haben, mit den besagten neueren US-Serien seien die Gesellschaftsromane des 19. Jahrhunderts ins Fernsehen eingegangen. Auch bei den klugen Köpfen aus Frankfurt wurden die Backen mächtig geplustert: „Der Roman der Gegenwart ist eine DVD-Box“. Heiliger Charles Wilp, was für ein Satz. (Zur Ehrenrettung: Hier immerhin gab der Schriftsteller Martin Kluger, nomen es omen, ein paar kluge Worte zu Protokoll. Bitte insbesondere zu beachten: „Doch damals hat das Feuilleton geschwiegen, das war pfui.“ Dieses „Damals“ ist noch nicht gar so lange her. Kein Wunder also, dass die Herrschaften sich nicht auskennen; atemraubend, fast schon niederschmetternd aber der mit schierer Unverschämtheit gepaarte Furor und die Emphase, mit denen sie diese Defizite wettzumachen versuchen.)

Wenn der ganz dicke Quast geschwungen wird, haben „The Sopranos“, „The Wire“, bisweilen fällt auch der Titel „Breaking Bad“, den zeitkritischen Roman sogar in die Ecke gedrängt oder gleich völlig ins Aus geschossen. Dies nur ein kleiner Auszug aus dem wohlfeilen Behauptungsfundus, der dem geneigten Leser nur eines verrät: Da schreibt jemand völlig kenntnisfrei und wohl auch bar jeden Willens, sich mal gehörig zu informieren, wild drauflos und schamlos vor sich hin.

Allein anhand des obigen Zitates aus der „taz“ lässt sich aufzeigen, wie unsinnig in dieser Sache konstatiert und argumentiert wird. Demnach brachte sich das deutsche Fernsehen und namentlich das ZDF mit der Krimiserie „KDD – Kriminaldauerdienst“ auf Augenhöhe mit jenen aus dem angelsächsischen Bereich herübergereichten modernen Erzählformen. Nun war „KDD“ aber erzähltechnisch, dramaturgisch und teils auch inhaltlich eng angelehnt an die US-Serie „Homicide: Life on the Streets“, die ihre Premiere im Jahr 1993 feierte. Heißt also: „KDD“ brachte das deutsche Programm auf den Stand, den die US-Amerikaner schon 1993 erreicht hatten. Oder eigentlich noch früher. „Neu“ ist an all dem relativ wenig, denn das erstklassig geschriebene und (unter anderem mit der inzwischen Oscar-prämierten Melissa Leo) hervorragend besetzte „Homicide“ brachte zwar Innovationen in Sachen Schnitt- und damit zugleich der Erzähltechnik. Die Erzählhaltung aber und die Dramaturgie wurden auch dort nicht neu erfunden. „Homicide“ basierte auf einem Buch des Polizeireporters David Simon. Der stieß als beratender Dramaturg zum „Homicide“-Team – Schöpfer der Serie war Paul Attanasio (heute bei „Dr. House“), die Produzenten hießen Barry Levinson und Tom Fontana („Borgia“). Fontana ist unter anderem auch Creator der ehrfurchtgebietend brillanten Gefängnisserie „Oz“. David Simon lernte bei „Homicide“ das Fernsehhandwerk und schuf danach „The Wire“.

Das epische Erzählen über lange Zeiträume, mit großem Ensemble und mehreren verteilten, episodenübergreifenden Handlungssträngen ist Jahrzehnte alt und findet sich schon bei frühen Kino- sowie Hörfunkserials, jenen Endlosmelodramen, die wir heute, oft fälschlicherweise abwertend, als ‚Soaps‘ rubrizieren. Schon in den Sechzigern gab es auch hochwertige Abend-Soaps wie „Peyton Place“ (1964-1969) und nachmittags mit „Dark Shadows“ (1966-1971), gerade von Tim Burton fürs Kino wiederbelebt, eine Gothic-Soap. Unnötig zu sagen, dass epische Romane und TV-Serials schon lange in enger Verbindung stehen, ob Irwin Shaws „Rich Man, Poor Man“ (1976-1977) mit dem jungen Nick Nolte, Peter Strauss und Ray Milland oder, aus England kommend, John Galsworthys „Forsyte Saga“, erstmals fürs Fernsehen als Serie adaptiert im Jahr 1967.

Ein wahrer Fortschritt verbindet sich mit der US-Polizeiserie „Polizeirevier Hill Street“ (1981-1987). Innovativ war die Verknüpfung von Mustern des Polizeigenres mit der Erzählstruktur und der Personalfülle der Seifenoper in Kombination mit einer scheinbar dokumentarischen Kameraästhetik, schwarzem Humor und zeitkritischen Inhalten. Die Neuerung verbindet sich vor allem mit dem Produzenten Steven Bochco, und sie machte Schule, indem sie auf das Krankenhausgenre („Chefarzt Dr. Westphall“), die Anwaltsserie (L.A. Law“), das Thema ‚Fernsehen im Fernsehen‘ („Fernsehfieber“), Stadtgeschichten („Picket Fences“) übertragen wurde und obendrein die schönsten Mischformen wie „Ausgerechnet Alaska“ (1990-1995; Executive Producer war mit David Chase der geistige Vater der „Sopranos“), „Tropical Doctors“ (1992-1993) oder „Vier für Hawaii“ (1994, mit Jennifer Love Hewitt) hervorbrachte.

Und wer „The Wire“ als breit angelegten Zeitspiegel preist, sollte sich unbedingt mal eine DVD der von Michael Mann produzierten „Crime Story“ (1986-1988) besorgen. Diese erzählt, angelehnt an die tatsächlichen Ereignisse zu Beginn der 1960er-Jahre, vom Kampf gegen die Mafia. Stilvoll, spannend, mit ganz großem epischen Atem.

Wenn es auf den Medienseiten deutscher Gazetten auch nur annähernd so seriös zuginge wie im Bereich der Literatur- oder Kinofilmkritik, dann würden zumindest einige der hier stellvertretend aufgeführten Titel von leitenden Redakteuren als Repertoiregrundkenntnisse vorausgesetzt. Darf denn jemand Theaterkritiken schreiben, ohne „Faust“, „Die Weber“ und „Mutter Courage“ zu kennen? Gibt es Kunstkritiker, die Koons und de Kooning verwechseln? – Vielleicht ist es besser, diese Fragen nicht zu stellen. Bei der gegenwärtigen, hochgeschwinden Entwicklung Richtung Sprachkorruption und gedrucktem Leergut wird auch das bald über uns kommen.

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