Irrtümer in der deutschsprachigen Serienrezeption

Am heutigen Montag zeigen uns die Briten wieder einmal, wie das geht mit guten Fernsehserien. Bei ZDFneo laufen mit „Hustle“, „The Fades“ und „Spooks“ eine Krimikomödie, eine Schauergeschichte und ein Agentenkrimi. Drei verschiedene Genres, aber alles auf hohem Niveau. Das ist umso bemerkenswerter, als auf bald jeder Tagung zur Krise beziehungsweise zur Rückständigkeit deutscher Serien irgendjemand auf die USA verweist und den Unterschied zur Qualität dortiger TV-Produktionen beispielsweise damit begründet, „dass der deutschsprachige Markt einfach zu klein sei, um ähnlich kostspielige Serienproduktionen zu gestatten, wie sie in den USA möglich sind„.

Das ist in gleich mehrerer Hinsicht wenig triftig. Denn in den USA gibt es auch Serien wie die hochspannende Serie „Homeland“, die auf einem israelischen Konzept beruht. Israel! Winziger Fernsehmarkt, großartige Serien. „In Treatment“ stammte ebenfalls von dort, auch das Konzept wurde in den USA adaptiert. „In Treatment“ kommt mit einer Kulisse und zwei bis drei Schauspielern pro Folge aus. Billiger geht es kaum. Wirklich unfair ist der Kostenvergleich zwischen deutschen Serien und denen des Abonnementkanals HBO. Der nämlich ist in über 50 Ländern präsent und produziert somit von vornherein für den Weltmarkt.

Von zahllosen britischen TV-Serien, sei es die Komödie „The Office“, der Krimi „Heißer Verdacht“ („Prime Suspect“), die Schauermär „Being Human“ (US-Fassung ab 16.8., 21.00 Uhr bei Sixx), wurden ebenfalls US-Versionen produziert. Die Produzenten der Thrillerserie „24“ ließen sich von einer brillanten britischen Kollegin, der früheren Schauspielerin und heutigen Roman- und TV-Autorin und Produzentin Lynda La Plante („Der Preis des Verbrechens“) beraten.  BBC Worldwide gibt keine Auskünfte zu den Produktionskosten britischer Serien. Die Aufwendungen für die Gruselserie „Bedlam“ des kommerziellen Senders Sky Living beziffert ein Branchenkenner auf 3,8 Millionen Euro. Einmal polemisch auf deutsche Verhältnisse umgemünzt, würde dies bedeuten: Gut zwei der vielen inhaltlich wie visuell unterversorgten „Tatorte“ eingespart, und das Budget für sechs 50-Minuten-Episoden wäre beisammen. Dann braucht es nur noch das, was gute Serien tatsächlich auszeichnet: Den Mut zu originellen Ideen, gute Kenntnisse des gestellten Themas, einen begabten Autor. Doch, ja, es muss nicht zwingend das US-amerikanische Team-Writing sein. Das hat seine Vorteile, ist aber nicht allein ausschlaggebend. Denn auch in den USA gibt es Einzelautoren wie beispielsweise David E. Kelley, der in der Vergangenheit viele Episoden der von ihm produzierten Serien selbst verfasste. Und das in bestechender Qualität.

Umgekehrt werden Serien wie „CSI: Miami“ zwar mit beeindruckenden Geldmitteln hergestellt, sehen auch schick aus, sind aber trotzdem rotzdumm.

Am Gelde also liegt es nicht. Der deutsche Thespisjünger Tom Wlaschiha, gerade durch die US-Serie „Game of Thrones“ einem größeren Publikum bekannt geworden, lebt in England und hat dort in diversen TV-Produktionen mitgewirkt. Seine Erfahrung: „Man hat schon den Eindruck, dass es in England einen größeren Mut gibt, in Extreme zu gehen. In jeglicher Richtung. Während man in Deutschland oft das Gefühl hat, sämtliche Zuschauer sollten gleichzeitig angesprochen werden, ist es in England so, dass die mutiger sind, auch was Spezielles zu produzieren und größere Risiken einzugehen.“

Wir merken uns: Mut zum Extrem, Risikofreude. Und wenn man sich aktuelle Gruselserien anguckt, muss man hinzufügen: einfallsreiche Regisseure, die nicht großartige Effekte aus den Katalogen der einschlägig spezialisierten Firmen bestellen, sondern gekonnt mit Schärfe/Unschärfe, ungewohnten Blickwinkeln, raffinierten Kamerabewegungen arbeiten. Einige dieser Tricks kann man sogar mit der Heimkamera nachahmen. Was ihre Wirkung nicht schmälert. Man muss ja auch erst einmal darauf kommen. Und natürlich die Erlaubnis erhalten, die experimentelle Optik auch anwenden zu dürfen.

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