Fundraiser, Fälscher, Fauser

In der „Neuen Züricher Zeitung“ berichten Kate Nacy und Stephan Russ-Mohl über neuere Tendenzen in der US-amerikanischen Journalistenausbildung, die den Beruf mehr denn je in Richtung freies Unternehmertum drängen werden. Das Autorenteam spielt die Übertragung auf deutsche Verhältnisse durch: „Die neuen Journalisten würden dann keine dynamischen Unternehmer Schumpeterscher Prägung werden, sondern Fundraiser – oder, um es eindringlicher auf Deutsch zu sagen: Leute, die sich ihr täglich Brot zusammenbetteln müssen. Mit allen gar nicht so neuen Abhängigkeiten, die sich daraus für die Berichterstattung ergeben.“

Wenn alle mal weniger gen USA bzw. in US-amerikanische Medien schauen würden – ein Großteil der US-Berichterstattung in deutschen Zeitungen beruht ja auf der Lektüre dortiger Publikationen, weniger auf eigenem Augenschein -, dann hätte sich schon herumgesprochen, dass der oben skizzierte Zustand in dem Punkt “ journalistisches Dasein als Prekariat“ längst erreicht ist.

Ein anderes Problem liegt darin, dass manch ein Journalist den widrigen Bedingungen zum Trotz immer noch Qualitätsstücke abliefert. Nur erscheinen die nicht zwingend auch in dem beauftragendem Medium, weil Redakteurinnen und Redakeure vom Stamme Münchhausen die Inhalte und Sprache nach Gutdünken frisieren. Da zählt nicht die intensive Recherche des Autors, sondern die Vorstellung der Abnehmer, wie der Text auszusehen habe. Dieser Prädisposition zuliebe ersetzt man schon mal Fakten durch Mythen und schreckt auch vor der unabgesprochenen Änderung von Zitaten in direkter Rede nicht zurück. Wen wundert es denn da noch, dass Interviewpartner auf Autorisation beharren?

Nicht in diesem Zusammenhang, wohl aber in weiterem Sinne passend, erfolgt der Hinweis: Die „Frankfurter Rundschau“ und die „Berliner Zeitung“ würdigen heute auf ihren Medienseiten den verstorbenen Journalisten und Romancier Jörg Fauser. Eine ziemlich ironische Angelegenheit, denn ein Autor mit Fausers Haltung und Sprachstil hätte heute in beiden Blättern kaum noch eine Chance. Dieses Urteil erlaubt sich jemand, der Fauser nicht posthum entdeckt hat, sondern mit dessen tagesaktuellen journalistischen Arbeiten unter anderem im Berliner Stadtmagazin „tip“ aufgewachsen ist. Danke, Jörg. Das hat geholfen.

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