Leistungsvergleich – Ein Service für den Deutschen Fernsehpreis

Wenn in den USA Fernsehpreise für adaptierte Serien- oder Unterhaltungsformate vergeben werden, steht völlig außer Frage, dass auch der Original-Urheber genannt wird. Geht eine Auszeichnung an einen Schauspieler oder ein anderes Stabmitglied einer adaptierten Serie, dann richten die Geehrten nicht selten Dankesworte an den oder die Urheber. So beispielsweise geschehen bei „The Office“. In Deutschland aber hört man nur selten die Namen der beiden Fernsehschaffenden Ricky Gervais (Buch und Hauptrolle) und Stephen Merchant (Buch), wenn von „Stromberg“ die Rede ist. Tatsächlich wurde das Vorbild von ProSieben anfangs sogar komplett unterschlagen, bis die BBC von sich hören ließ und auf die unübersehbaren Übereinstimmungen hinwies.

Aktuell wiederholt sich der Kasus. Für einen deutschen Fernsehpreis wurde in der Kategorie „Beste Serie“ auch die RTL-Sitcom „Christine – perfekt war gestern“ nominiert. Die Web-Seite des Fernsehpreises verzeichnet als Headautoren Marko Lucht und Markus Barth. Nicht erwähnt wird Kari Lizer – die Formaturheberin und Autorin des US-Originals „The New Adventures of Old Christine“. RTL nennt das Vorbild korrekt in seinen Credits, beim Deutschen Fernsehpreis scheint man nicht in der Lage oder nicht willens, die wichtigste Figur im Bereich Urheberschaft zu ermitteln. Dies wäre indes angebracht, nicht nur, weil das Format übernommen wurde. Ein Vergleich der Auftaktfolgen beider Serien macht deutlich, dass die deutschen Autoren in hohem Maße von der Arbeit ihrer US-Kollegin profitierten:

The New Adventures of Old Christine“ (dt. Synchronfassung):

Nacht. Innen. Der Wecker zeigt 2.33 Uhr. Christine (Julia Louis-Dreyfus) wacht auf, greift zum Telefon: „Hi. Ich bin‘s. Nachricht an mich selbst. Ein paar Kleinigkeiten: Ritchie Kleingeld mitgeben für einen Snack, Milch besorgen, Wein besorgen, rausfinden, woher der Gestank im Wohnzimmer kommt (…).“

Christine – perfekt war gestern“:

Nacht. Innen. Der Wecker zeigt 2.33 Uhr. Christine (Diana Amft) greift zum Telefon. „Hallo Christine, hier ist Christine. Also du … also ich … weißt schon. Nachricht an mich selbst. Nicht vergessen: Milch kaufen, Wein kaufen, Tom dieses komische Hunde-Computerspiel kaufen (…).“ Sie legt auf, greift erneut zum Telefon: „Herausfinden, was im Wohnzimmer so komisch riecht.“

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The New Adventures of Old Christine“ (dt. Synchronfassung):

Tag. Innen. Christine, ihr Sohn Ritchie und ihr Bruder Matthew.

Christine: „Wir reden gerade über Ritchies neue Schule. Darüber, wie toll das wird. Wisst ihr, die haben eine brandneue Turnhalle. Und die bieten Musikworkshops an, haben ein Riesenphysiklabor …“

Matthew: … und eine fette Mauer, damit der Pöbel nicht reinkommt?“

Christine – perfekt war gestern“:

Tag. Innen. Christine, ihr Sohn Tom, ihr Bruder Max.

Christine zu Tom: „Überleg mal, was du da alles hast. Du hast da Schlagzeugunterricht und ein Schwimmbad um die Ecke …“

Max: „… eine riesige Mauer, um die armen Leute fernzuhalten …“

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The New Adventures of Old Christine“ (dt. Synchronfassung):

Tag. Innen. Ritchies neue Schule. Christine, Ritchie, weitere Schüler.

Christine lobt Interieur und Ausstattung. Ritchie: „Wo sind die schwarzen Kinder?“

Christine: „Schscht!“

Christine – perfekt war gestern“:

Tag. Innen. Max‘ neue Schule. Christine, Max, weitere Schüler.

Christine lobt Interieur und Ausstattung. Max: „Wo sind überhaupt die Türkenkinder?“

Christine: „Psst!“

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The New Adventures of Old Christine“ (dt. Synchronfassung):

Tag. Aussen. Christine ertappt ihren Ex-Mann Richard (Clark Gregg) beim Knutschen mit seiner neuen, deutlich jüngeren Freundin im Auto vor Ritchies neuer Schule.

Richard: „Christine – das ist Christine.“

Die neue Christine: „Hi, Christine. Ich weiß, derselbe Name. Sie können mich Chrissie nennen, dann ist es nicht so verwirrend.“

Die alte Christine: „Ja, danke. Aber ich glaube nicht, dass die Gefahr besteht, dass mich mein eigener Name verwirrt.“

Christine – perfekt war gestern“:

Tag. Aussen. Christine ertappt ihren Ex-Mann Stefan (Janek Rieke) beim Knutschen mit seiner neuen, deutlich jüngeren Freundin im Auto vor Max‘ neuer Schule.

Stefan: „Christine – das ist Christine.“

Die neue Christine: „Hi, Christine. Ich weiß, selber Name. Sie können mich Chrissie nennen, damit es nicht so verwirrend ist.“

Die alte Christine: „Danke. Das ist total nett. Aber ich glaube nicht, dass mein eigener Name mich verwirrt.“

Die Aufzählung verwandter und identischer Szenen ließe sich fortsetzen. In Zusammenhang mit der Vergabe eines Fernsehpreises stellt sich natürlich auch die Frage der Fairness. Ist es nicht die größere Leistung, ein komplett neues Serienformat zu entwickeln und mit dem nötigen Personal auszustatten, als auf vorhandene Entwürfe zurückzugreifen und bei der Übersetzung ein paar Anpassungen an deutsche Verhältnisse vorzunehmen?

Das gleiche Probleme stellt sich nebenbei auf dem Gebiet der Unterhaltung. Inhaltliche Aspekte mal beiseite gelassen, war die Nominierung von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ für einen Grimme-Preis schon allein deshalb fragwürdig, weil die Mehrzahl der nennenswerten Leistungen von den britischen Urhebern erbracht werden. Ausgenommen die deutschen Moderationsskripte, die Moderationsleistung und die Wahl der Kandidaten. Bei nur drei von RTL verantworteten Gewerken scheint es aber wenig legitim, die Gesamtproduktion zu ehren, da es die Statuten des Grimme-Preises nicht zulassen, die ausländischen Mitwirkenden, mithin die eigentlichen Urheber, zu prämieren. Dies nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass beim Grimme-Preis Produktionen unberücksichtigt blieben, die von der Idee bis zur Ausführung in Deutschland hergestellt wurden.

Schön wäre es, wenn sich zumindest beim Deutschen Fernsehpreis das Leistungsprinzip durchsetzen würde.

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