Sachkenntnis, Selbstbewusstsein & Witze über Alec Baldwin

In der Nacht des 22. September wurden nicht nur in Deutschland Wahlergebnisse verkündet, sondern auch im Nokia Theatre in Los Angeles: Zum 65. Male vergab die US-amerikanische Academy of Television Arts & Sciences ihre Primetime Emmys. Wie immer wurde die Übertragung von Werbung unterbrochen und dauerte deshalb gute drei Stunden. Trotz dieser Länge und einiger dramaturgischer Schwächen wie den holprigen Gedenksegmenten für verstorbene Fernsehschaffende gelang dem Network CBS, neben ABC, NBC und Fox eines der vier federführenden Networks und in diesem Jahr turnusmäßig Ausrichter der Veranstaltung, eine insgesamt durchaus kurzweilige Sendung. Woraus sich fast zwangsläufig die Frage ergibt, warum die meisten US-amerikanischen Award Shows besser unterhalten als ihre deutschen Pendants.

Die erste Antwort der hierzulande Verantwortlichen wird lauten: Die Amerikaner haben mehr Geld, und sie haben mehr Glamour – immerhin saßen im Publikum beziehungsweise waren unter den Preisträgern Top Stars wie Al Pacino, Michael Douglas und Matt Damon, Maggie Smith und Helen Mirren waren nominiert, Sir Elton John trat als Musiker auf. Nur: Der Glamourfaktor allein garantiert noch kein Amüsement, und auch knapp budgetierte Award Shows wie die der Screen Actors Guild oder der Golden Globes, die in vergleichsweise kleinem Rahmen stattfinden und ohne große Show-Einlagen auskommen, machen meist großen Spaß.

Es liegt, wie bei allen TV-Produktionen, vor allem anderen an den Autoren und an den Conférenciers. Die diesjährige Emmy-Zeremonie moderierte und produzierte Neil Patrick Harris, als Schauspieler des komödiantischen Fachs bekannt aus der Sitcom „How I Met Your Mother”, aber auch ein erfahrener Theater- und Musical-Darsteller, der Gesang gleichwie Tanz beherrscht. Harris’ Ouvertüre machte deutlich, was US-Award Shows bereichert und deutschen so häufig fehlt: Er lässt sich in einen mit Monitoren jeder erdenklichen Bauart gespickten Kontrollraum der geheimen „Emmy-Zentrale” einschleusen und sichtet die nominierten Programme. Eine erschöpfende Aufgabe, bald schwirrt ihm der Kopf. Und er fragt sich, ob die Bildschirmgestalten ihn sehen und hören können, denn sie scheinen auf ihn zu reagieren. Es folgt ein Zusammenschnitt aus fiktionalen und Show-Programmen, die tatsächlich zu Dialogen zwischen Moderator und TV-Gesichtern, auch zu verbalem Austausch zwischen den Fernsehfiguren untereinander führen. Mit dabei sind unter anderem Howard Stern, Simon Cowell (der das Rollenmuster vorgab, dem auch Dieter Bohlen folgt) und am Rande Heidi Klum (die in den USA „Project Runway” moderiert und dafür in diesem Jahr einen Emmy erhielt).

Dieses Segment thematisierte auf schelmische Art die genaue Programmkenntnis und gewissenhafte Vorarbeit der Show-Autoren (für das Skript zeichneten Dave Boone, Ken Ehrlich und David Wild verantwortlich, mit zusätzlichem Material von Paul Greenberg, David Javerbaum und Jon Macks). Und eben diese Qualität kennzeichnete die gesamte Show. In Conférencen, zahlreichen Meta-Scherzen, Dankesreden, selbst in einer Tanznummer wurde den nominierten Produktionen Respekt gezollt. Eine Comedy-Nummer mit Kevin Spacey spielte auf dessen Part in der nominierten Serie „House of Cards” an; die Preisträgerin Julia Louis-Dreyfus setzte sich bei ihrer Dankesrede gemeinsam mit ihrem ebenfalls prämierten Serienkollegen Tony Hale gemäß ihrer Rolle als US-Vizepräsidentin in der Sitcom „Veep” in Szene und konnte darauf bauen, dass man die Referenz versteht.

Im deutschen Fernsehen hingegen darf man in der Regel schon froh sein, wenn ein Präsentator in die nominierten Sendungen zumindest mal reingeschaut hat und nicht, wie weiland Roger Willemsen beim Grimme Preis, die Schauspielerin Karoline Eichhorn als Lisa Eichhorn vorstellt.

Ein weiteres Moment hebt die US-amerikanische Herangehensweise von der deutschen ab: Selbstbewusstsein. Im Bereich der Fernsehpreise heißt das nicht allein Stolz auf das Schaffen des aktuellen Wertungsjahres, sondern auf die historischen Leistungen des Mediums generell. Da erscheint bei den Emmys die 84-jährige US-Fernsehlegende Bob Newhart als personifizierter Running Gag in verschiedenen Stadien der Show, da wird die 78-jährige Diahann Carroll in die Verleihzeremonie eingebunden und herausgehoben, dass sie als erste Schauspielerin afroamerikanischer Herkunft eine Emmy-Nominierung erhielt. Was sie gerührt und gesellschaftspolitisch ambitioniert, aber auch mit einem Witz über das veränderte Männerbild kommentiert. Ernsthafter dann ein von Don Cheadle moderierter Rückblick auf das Fernsehen vor 50 Jahren, als das noch junge Fernsehen innerhalb weniger Monate über den „March on Washington for Jobs and Freedom” mit Martin Luther Kings legendärer Rede, über die Ermordung John F. Kennedys und über die Ankunft der Beatles berichtete und damit seine Rolle als Informationsmedium festigte.

Bei solchen Beiträgen zu den Shows handelt es sich wohlgemerkt nicht (nur) um wohlige Nostalgie, vielmehr entstehen sie im Wissen um die Funktionen und die Bedeutung des Mediums. Auch der diesbezügliche Wandel wird nicht ausgeklammert – fürsorglich erklärte Neil Patrick Harris in seinem Eröffnungssolo den jüngeren Generationen, Fernsehen sei das, was sie immer auf ihren Telefonen anschauen.

Schließlich unterscheiden sich US- und deutsche Award Shows noch in einem weiteren, vielleicht dem wichtigsten Punkt: in der unbändigen Frechheit gegenüber den Anwesenden, dem satirischen Spiegel der Branche. Man blicke, so sinngemäß Neil Patrick Harris in seiner Einleitung, an diesem Abend auf ein Fernsehjahr zurück, das den Zuschauern Gelächter und Tränen beschert – und die Herrschaften unten in der ersten Reihe reich gemacht habe. Schnitt zur Großaufnahme von Alec Baldwin.

Harris’ Spott war noch vergleichsweise gemäßigt, der Brite Ricky Gervais, Erfinder von „The Office” (in Deutschland „Stromberg”), „Extras” und anderen Geniestreichen kennt diesbezüglich überhaupt kein Pardon. In Deutschland wäre seine Karriere nach einem der für ihn typischen Auftritte wohl rasch beendet. In den USA durfte er immerhin dreimal die Golden Globe Awards moderieren.

 

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