Ein Bier auf das Wohl des Verstorbenen

Kultserien sterben nicht, sie kommen immer wieder – nach der Einführung der Spartensender hat das Angebot ein solches Ausmaß angenommen, dass die Auswahl schwer fällt. Daher fortan an dieser Stelle ein paar Informationen, die als Entscheidungshilfen genutzt werden können, in jedem Fall aber ein paar Stichworte zur Genese der angelsächsischen Fernsehserie abliefern. Die nämlich begann entgegen anderslautenden Mitteilungen beileibe nicht erst mit den „Sopranos“ …

Den Anfang macht mit „Emergency Room“ eine der langlebigsten Kultserien. Derzeit läuft sie werktäglich um 18.30 Uhr bei Sixx.

Emergency Room („ER“, 1994-2009)

Krachend fliegen die Flügeltüren auf, im Eiltempo schieben Rettungssanitäter Unfallopfer durch die gleißenden Flure der Notaufnahme. Ein Rohbau ist eingestürzt, zwölf Menschen wurden verletzt, sieben davon schwer. Die mobile Kamera wechselt auf Höhe eines Patienten. Neonlampen jagen vorüber, Schwestern und Ärzte stoßen hinzu. Noch im Laufen erstatten die Sanitäter Bericht, machen atemlos Angaben zum Unfallhergang, zur Person des Patienten und zu den bereits erfolgten medizinischen Maßnahmen. Mit einer gemeinsamen Anstrengung wird der Verletzte auf eine Liege gehoben. Die Sanitäter verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind. Die Ärzte bellen knappe Anweisungen, geschäftige Assistenten und Schwestern führen sie aus. Medikationen, Diagnosen, Laborwerte schwirren durch den Raum, Defibrillatoren knallen, Beatmungsgeräte schnaufen, Vorhänge werden aufgerissen. Die Szenerie vermittelt den Eindruck beherrschter Hektik. Gefragt wird nicht, jeder Handgriff sitzt. Schließlich stabilisiert sich der Zustand des Patienten, und er kann an die zuständige Fachabteilung der Klinik weitergereicht werden.

Der Emergency Room ist die Unfallstation des Chicagoer ‚County General Hospital‚ und für die meisten Patienten nur eine Durchgangsstation. Nach der Erstversorgung werden sie gegebenenfalls nach Hause entlassen oder aber in die für sie zuständige Abteilung der Klinik eingewiesen. Für die Ärzte bedeutet dies, sich immer wieder, nicht selten in Sekundenschnelle, auf neue Krankheitsfälle einstellen zu müssen. Der Pilotfilm zu EMERGENCY ROOM zeigt das Team dieser Station in einem Zeitraum von vierundzwanzig Stunden. Dr. Mark Greene hat Bereitschaft, und sein Arbeitstag beginnt früh um fünf. Er wird von seiner Pritsche im Abstellraum gescheucht, um einen sturzbetrunkenen Kollegen zu versorgen, den Kinderarzt Dr. Ross. „Läßt der sich immer so gehen?“, will eine der Schwestern wissen. „Nur wenn er frei hat“, lautet Greenes trockene Antwort.

Der Neue in diesem Tollhaus heißt John Carter. Er ist ein Medizinstudent im dritten Jahr, der hier seine praktische Ausbildung absolvieren wird. Eine schnelle Führung durch die Station, eine flüchtige Einweisung durch seinen Betreuer Dr. Benton, und schon ist er in den Arbeitsablauf eingebunden, obwohl er bislang nur in der Dermatologie und Psychiatrie hospitiert hat und keinerlei Erfahrungen auf dem Gebiet der Notfallmedizin mitbringt.

Zusammen mit Carter sammeln die Zuschauer des Pilotfilms „Der erste Tag“ eine Vielzahl verwirrender Eindrücke vom Stationsalltag. Viele Schicksale werden nur gestreift, Motive flüchtig hingetupft, Fundamente für den späteren Handlungsaufbau gelegt. Das Skript zu dieser zweistündigen Einzelfolge wie auch die Idee zu der Serie stammt von dem Autor und Regisseur Michael Crichton. Bereits 1974 hatte er einen Entwurf verfasst für einen Kino- oder Fernsehfilm, in den er Erfahrungen aus der Zeit seines Medizinstudiums einbringen wollte. Kein melodramatisches Wunderheilerepos sollte es werden, sondern ein an der Realität orientiertes Drama mit gleichsam dokumentarischem Charakter. Erst nachdem sich der als Regisseur mit Filmen wie COMA (USA 1978) oder RUNAWAY – SPINNEN DES TODES (RUNAWAY, USA 1984) selbst nur mäßig erfolgreiche Crichton mit Romantiteln wie „Dino Park“, „Nippon Connection“ und „Enthüllung“ einen Namen als Bestsellerautor und Vorlagenlieferant gemacht hatte und zudem Steven Spielberg als Partner gewinnen konnte, fand sich ein Abnehmer für dieses Projekt. ER hatte im September 1994 Premiere und verbuchte einen der erfolgreichsten Serienstarts der TV-Geschichte. Auch künstlerische Ehrungen blieben nicht aus: Bereits die erste Staffel wurde für dreiundzwanzig Emmys nominiert und achtmal ausgezeichnet.

Diese Anerkennung galt einer Serie, die in mancher Hinsicht gegen althergebrachte Konventionen verstieß. Mit dem Pilotfilm hatte Crichton seine ursprüngliche Idee verwirklicht und anstelle der herkömmlichen Handlungsstruktur ein Patchwork kleiner Szenen und Momentaufnahmen geschaffen, das ein wirklichkeitsgetreues Bild von der Arbeit auf einer Unfallstation vermittelte. Die Stammautoren übernahmen Crichtons Schema; EMERGENCY ROOM ist gekennzeichnet durch enorme Handlungsdichte, rasche Szenenwechsel, dynamische Kameraführung, knappe Charakterisierungen. Erst im weiteren Verlauf gewinnen die wiederkehrenden Figuren an Profil. Während ihre Patienten häufig wechseln und zumeist nur Nebenrollen einnehmen, werden die Ärzte dem Publikum immer vertrauter. Nach und nach treten Charakterschwächen, Abneigungen, Vorlieben zutage, das Private wird erschlossen, Probleme kommen ins Spiel.

Der aufreibende Beruf beeinflusst alle Lebensbereiche der Mediziner, namentlich ihre Beziehungen zu Verwandten und Lebenspartnern. Auf die Frage eines Patienten, ob sie verheiratet sei, antwortet Dr. Lewis unbeteiligt: „Nein, ich bin Ärztin.“ Für ein karges Bruttogehalt von 23.739 Dollar im Jahr arbeiten die Ärzte neunzig Stunden pro Woche, zweiundfünfzig Wochen im Jahr. Diese totale Beanspruchung bleibt nicht ohne Folgen: Greenes Ehe zerbricht, der ehrgeizige Benton überwirft sich mit seiner Familie, Susan Lewis findet nicht genügend Zeit, sich um ihre lebensuntüchtige Schwester zu kümmern, Oberschwester Hathaway unternimmt einen Selbstmordversuch.

Bei aller Dramatik und persönlichen Tragik gibt es immer wieder auch versöhnliche Szenen und solche herzlich makabren Humors. Am Schluss der Episode „Der Tierfreund“ hocken Carter und eine Kollegin in der Stammkneipe eines verstorbenen Patienten, platzieren dessen in Formaldehyd eingelegte Trinkerleber auf der Theke und trinken ein Bier auf das Wohl des Verstorbenen. In einer anderen Folge veranlasst Schwester Hathaway Erste-Hilfe-Maßnahmen für ein Fass voller erfrorener Würmer. Auch referentielle Scherze lassen sich ausmachen: In der Episode „Die verlorenen Kinder“ zappt Mark Greene durch das Fernsehprogramm, erwischt eine Folge der alten Arztserie DR. MED. MARCUS WELBY (MARCUS WELBY, M.D., USA 1969-1976), sieht für einen Moment staunend zu – und lacht dann einmal kurz und höhnisch auf.

Aus: Kultserien und ihre Stars, RORORO, Reinbek 1999 (dort enthalten sind Stab, Quellen und weiterführende Informationen).

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