Die Generalüberholung hergebrachter Mythen

Sie sind erwacht, wurden aufgeschreckt oder reanimiert. Klassische Fabelwesen, aber auch Figuren aus jüngeren Mythologien: Dracula und Jack the Ripper, Norman Bates und Hannibal Lecter. Gleich ob die Geschichte historisch angelegt oder in die Gegenwart verpflanzt wurde, die Erzählhaltung ist modern. Oder postmodern, forciert vorgeführt in der Serie „Once Upon the Time“ – gerade in zweiter Staffel bei Super RTL –, wo sich Schneewittchen, Peter Pan, Pinocchio, Robin Hood im selben Kosmos tummeln. Der Wiedererkennungswert macht es dem Publikum leichter, wenn die Autoren fröhlich Mythen-Bricolage treiben und tolldreist zwischen Volks- und Kunstmärchen, zwischen Zeit- und Erzählebenen umher hüpfen.

Die Aneignung klassischer Erzählstoffe hat Tradition. Bram Stoker passte in seinem Roman „Dracula“ volkstümliche Vampirsagen dem viktorianischen Zeitgeschmack an; Cole Haddon macht den Blutsauger in seiner gleichnamigen TV-Serie von 2013 zum kapitalistenfeindlichen Rächer.

Ähnlich durchliefen andere mythische Figuren immer neue Metamorphosen, in Hörspiel, Comic, Roman, auf der Leinwand, im Fernsehen, bis hin zur ironischen Meta-Erzählung. Früh hervorgetan haben sich diesbezüglich Sam Raimi und Robert Tapert. Ihre Mitte der 90er lancierten Serien „Hercules“ und der Ableger „Xena“ waren gespickt mit satirischen Anspielungen. Auch gab es eine Musical-Episode und eine Folge, die unversehens in die Büros der Produktionsfirma blendete und die antiken Kabalen frech auf die Fernsehschaffenden selbst übertrug.

Damals zählten Alex Kurtzman und Roberto Orci zum Autorenstamm, die sich 2013 im gleichen Geiste gemeinsam mit „Underworld“-Regisseur Len Wiseman und Phillip Iscove die Gruselmär „The Legend of Sleepy Hollow“ vorknöpften.Verfasst wurde sie im frühen 19. Jahrhundert von dem US-Schriftsteller Washington Irving, der sich seinerseits bei nordeuropäischen Überlieferungen bediente. Die Serie „Sleepy Hollow“ verlängert Irvings Erzählung in die Gegenwart. Ichabod Crane (Tom Mison), Geschichtsprofessor aus Oxford, kämpft im Jahr 1781 gegen die Aufständischen in den nordamerikanischen Kolonien, schlägt sich auf die Seite der Rebellen und unterstellt sich dem Kommando General Washingtons. Während einer Schlacht prescht ein maskierter, die Streitaxt schwingender Reiter heran. Crane schießt den Gegner vom Pferd, doch der gespenstische Fremde erhebt sich, als wäre er nur mal eben ausgerutscht. Obwohl schwer verletzt, gelingt es Crane, den Angreifer zu enthaupten, ehe er das Bewusstsein verliert. Beider Blut vermischt sich, ein Vorgang, der Cranes künftiges Schicksal bestimmen wird. Er erwacht in einer Gruft, stolpert durch den Wald und trifft auf ein weiteres Monstrum: einen lautstark trötenden Sattelschlepper.

Crane ist im Jahr 2013 angekommen. Sein damaliger Gegner, der nunmehr kopflose Reiter, allerdings auch. Und er mordet munter weiter. Zunächst gerät Crane, der seltsame Fremde in der altmodischen Kleidung, unter Verdacht. Aber Lieutenant Abbie Mills (Nicole Beharie) erkennt seine Unschuld. Mills, gerade im Begriff, eine Weiterbildung zur Profilerin zu beginnen, blickt selbst auf Erfahrungen mit dem Übernatürlichen zurück. Cranes Ankunft zwingt sie dazu, sich den verdrängten Erlebnissen zu stellen.

Sleepy Hollow“ paart Traditionen der angelsächsischen Gruselliteratur mit Themen der Gegenwart. Ichabod Cranes Begegnungen mit den Segnungen des 21. Jahrhunderts sorgen für die humoristische Färbung. Er erregt sich über die zehnprozentige Mehrwertsteuer auf Backwaren und erinnert daran, dass der Unabhängigkeitskampf gegen die Briten durch eine Steuer von weniger als zwei Prozent ausgelöst wurde. Historische, popkulturelle, literarische und folkloristische Anspielungen heben das Vergnügen. Allerdings dürfte durch die Synchronisation der sprachliche Witz leiden. Cranes gepflegtes Oxford-Englisch unterscheidet sich hörbar vom saloppen Amerikanisch der anderen Figuren. Und weil der kopflose Reiter hessischer Herkunft ist, sind in der Originalfassung auch deutsche Sätze zu hören. Der Effekt verpufft, wenn nach der Übertragung alle plötzlich Deutsch sprechen.

Sleepy Hollow“ hat am 5. Februar Premiere bei ProSieben, zwei Tage darauf folgt bei Kabel 1 „Beauty and the Beast“. Eine Serie gleichen Titels mit Linda Hamilton und Ron Perlman in den Titelrollen war bereits 1987 außerordentlich erfolgreich. Der Sage nach wurde der schöne Prinz durch einen Fluch in ein Ungeheuer verwandelt. Erst die Liebe einer schönen Frau kann den Bann brechen. Seinerzeit übertrug Serienschöpfer Ron Koslow das französische Volksmärchen ins New York der 80er und änderte den Tenor: Hässlich waren diejenigen, die Vincent, das „Biest“, seines Aussehens wegen ausgrenzten. Zu den Hauptautoren der Serie zählte George R. R. Martin, der derzeit mit „Game of Thrones“ Riesenerfolge feiert.

In der von Sherri Cooper und Jennifer Levin unter Mitwirkung Ron Koslows entwickelten Neuauflage von 2012 steht Catherine Chandler (Kristin Kreuk) Vincent nun als Kriminalpolizistin gegenüber. An das romantische Großstadtmélo erinnern nur noch Momente, es dominiert zeitkritische Science Fiction als Reflex auf die kollektive Angst vor den derzeit international in mehreren TV-Serien – „Helix“, „Orphan Black“, „Intelligence“ – thematisierten negativen Auswirkungen moderner Biomedizin: Der Arzt Vincent Keller (Jay Ryan) hatte sich freiwillig zur Armee gemeldet und wurde dort Opfer eines Genexperiments. Statt die Probanden zu stählen, verwandelte der Eingriff sie zeitweise in reißende Bestien. Das Militär ließ die betroffenen Soldaten töten. Nur Vincent konnte untertauchen und sucht nach einem Gegenmittel. Doch er hilft, wenn Menschen in Not sind – auch der Polizistin Cat Chandler (Kristin Kreuk), der er nicht zum ersten Mal begegnet. Als sie in Datenbanken nach Informationen über den geheimnisvollen Retter sucht, gerät auch sie ins Visier der Mörder, die sich, so aktuell können Serien sein, überall einklinken, wo Telekommunikation betrieben wird …

Sleepy Hollow“, ab 5. Februar, ProSieben, 22.15 Uhr

Beauty and the Beast“, ab 7. Februar, Kabel 1, 21.15 Uhr

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s