Kultserien: Die Spätberufene

„Meine Leser können mir alles verzeihen – ausgenommen Langeweile.“ So lautet die Arbeitsphilosophie der Kriminalschriftstellerin Jessica Fletcher, und tatsächlich ist Langeweile ein Fremdwort für ihre zahlreichen Anhänger – für die fiktiven, mit denen sie auf dem Bildschirm zu tun bekommt, ebenso wie für die realen, die in großer Zahl die amüsanten und spannenden Kriminalfälle verfolgen, in die Jessica Fletcher immer wieder aufs neue – mal mit, mal ohne ihr Zutun – verwickelt wird.

Die liebenswerte Starautorin ist eine freundliche ältere Lady und also eine eher untypische Krimiheldin. Erst spät, so die Vorgeschichte, kam die pensionierte Lehrerin zu ihrem ungewöhnlichen Metier: Nachdem ihr Ehemann verstorben war, suchte die geschäftigte Seniorin nach einem sinnvollen Zeitvertreib und verfiel aufs Krimischreiben. Fortan knüpfte sie eifrig Handlungsfäden und strickte Mordintrigen, häkelte Plots und klöppelte Spitzen-Thriller. Was als reines Freizeitvergnügen begann, erwies sich bald als lukrative Beschäftigung. Ihr Lieblingsneffe Grady (Michael Horton) sandte eines der Manuskripte an ein Verlagshaus, und über Nacht kam der Erfolg: Jessicas Romanerstling mit dem Titel „Der Leichnam tanzt um Mitternacht“ erklomm die Bestsellerlisten. Unversehens fand sich die Debütantin im Literaturbetrieb wieder. Seither ist sie eine begehrte Interviewpartnerin und gastiert häufig in Fernseh-Talkshows, sie muss Signierstunden abhalten und Lesereisen unternehmen, sie fungiert als Beraterin bei den Verfilmungen ihrer Werke und recherchiert zwischenzeitlich für ihre nächsten Romane. Wo immer aber sie sich gerade aufhält – meist dauert es nicht lang, bis ein Mensch aus ihrer unmittelbaren Umgebung einem Verbrechen zum Opfer fällt. Und wie die wesensverwandte Miss Marple lässt auch Jessica es sich nicht nehmen, mit ihrem Scharfsinn und ihrer ausgeprägten Beobachtungsgabe zur Lösung der meist sehr verzwickten Fälle beizutragen, insbesondere da die kraft ihres Amtes für derlei Tätigkeiten zuständigen Polizisten sich oftmals als engstirnige, misogyne, einzig auf ihre Dienstvorschriften geeichte Prinzipienreiter erweisen, die entscheidende Indizien sträflich missachten und statt dessen alles daran setzen, unschuldige Mitbürger hinter Gitter bringen.

In die Welt gesetzt wurde die Amateurdetektivin Jessica Fletcher von Peter S. Fischer, Richard Levinson und William Link. Der 1987 an Lungenkrebs verstorbene Richard Levinson und sein langjähriger Partner William Link bildeten ein in der TV-Branche einmaliges Autoren- und Produzententeam, das mit der Erfindung des schrulligen Trenchcoat-Trägers Columbo Fernsehgeschichte geschrieben hat. Ihrer gemeinsamen Arbeit entsprangen weitere Detektiv- und Polizeiserien wie „Mannix“ (USA 1967-1975), „Banacek“ (USA 1972-1974) und „Ellery Queen“ (USA 1975-1976), ferner vielbeachtete TV-Filme wie das mehrfach für den Emmy nominierte Dokudrama „The Execution of Private Slovic“ (USA 1974).

Hauptdarstellerin und in späteren Produktionsjahren auch treibende Kraft hinter den Kulissen war die gebürtige Britin Angela Lansbury. Sie nannte bereits nahezu alle Ehrungen, die Film-, Fernseh- und Theaterbranche zu vergeben haben, ihr eigen, als sie 1984 die Rolle der Serienheldin Jessica Fletcher akzeptierte, nachdem ihre Kollegin Jean Stapleton abgelehnt hatte. Lansbury begründete ihren Entschluss gegenüber der Zeitschrift ‚People‘ damit, dass der Part wie für sie geschaffen sei: „Die Figur der Jessica Fletcher hätte von mir stammen können.“ Zudem reizte sie die Herausforderung, als Hauptdarstellerin eine Sendereihe zum Erfolg zu führen: „Wenn mir das gelänge, im Alter von 59 Jahren, wäre es ein kleines Wunder.“ In einem anderen Gespräch erläuterte sie ihren beruflichen Standpunkt zum Medium Fernsehen, das sich in den USA zum größten Arbeitgeber für Schauspieler entwickelt habe. „Ich glaube“, so ihre Wahrnehmung, „dass die Schauspieler inzwischen nicht mehr nur aus materiellen Gründen zum Fernsehen gehen – nach dem Motto ‚lieber fest engagiert als arbeitslos‘ -, sondern auch aus künstlerischen Motiven, weil es hier Rollen gibt, die zu spielen anderswo keine Gelegenheit mehr besteht.“

Aus diesen Worten spricht Lansburys jahrzehntelange Berufserfahrung. Auch ihre Mutter war im Bühnenmetier tätig gewesen. 1925 brachte sie in London ihre Tochter Angela zur Welt. Vor dem Bombenterror des Zweiten Weltkriegs floh die Familie nach New York. Dort setzte Angela ihr Schauspielstudium fort, ging wenig später mit ihrer Mutter nach Kalifornien und wurde von den MGM-Studios als Vertragsschauspielerin verpflichtet. Bereits ihre Debütrolle als Hausmädchen in George Cukors „Das Haus der Lady Almquist“ („Gaslight, USA 1944) brachte ihr die erste von insgesamt drei Oscar-Nominierungen ein. Sie litt nie unter Beschäftigungsmangel, die Rollenangebote beschränkten sich allerdings auf ein bestimmtes Frauenbild. „Ich war nie das Sexsymbol oder die Glamourkönigin“, berichtete sie im Gespräch mit Tim Brooks. Sie spielte vorwiegend zänkische, kaltherzige oder bedrohliche Charaktere, Xanthippen und Megären, und wirkt dadurch in ihren frühen Filmen älter, als sie damals tatsächlich war.

Auszug aus „Kultserien und ihre Stars“, Reinbek 1999

„Mord ist ihr Hobby“ (älterer Titel: „Immer wenn sie Krimis schrieb“), derzeit täglich um 14.15 Uhr im WDR Fernsehen.

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