Die Grenzen der Showrunner

Zur Debatte rund um das Serienschaffen in Deutschland, den skandinavischen und angelsächsischen Ländern lieferte „zukunft 1908“ einen Beitrag (siehe Kommentare zum Text „Bloß kein Kopfzerbrechen“). Viele Positionen entsprechen denen des Betreibers dieses Blogs. Es gibt dort aber auch eine Passage, die der Relativierung beziehungsweise Ergänzung bedarf: „Das Problem, das die deutsche Serie kaputt macht, sie im Vergleich zu ihren amerikanischen Konkurrenten erbärmlich erscheinen lässt, ist das Fehlen der Showrunner. Angelsächsische Serien haben eine Handschrift – von einem Kreativen. Da gibt es die Showrunner, die die kreative Verwantwortung tragen und die, wenn eine Serie richtig gut läuft, damit auch richtig gutes Geld verdienen können. Es ist in ihrem Interesse, dass ihre Serien geil werden, denn eine geile Serie füllt ihre Brieftaschen.“

Der sogenannte „Showrunner“ ist seit einiger Zeit in deutschen Kulturfeuilletons zu einer Art Held geworden. In ihm meinen die Berichterstatter jene Autorenpersönlichkeit gefunden zu haben, die offenbar unabdingbar zu sein scheint für das Entstehen hochwertiger Kunst. Dabei gibt es längst schon in allen künstlerischen Bereichen auch hochrangige Werke, die aus kollektiver Tätigkeit hervorgegangen sind. Doch das wird seit je in der Filmkritik mit ihrem starren Blick auf den Regisseur vernachlässigt, nun auch bei der Fernsehproduktion. Bei Kinorezensionen ist bezeichnend, dass noch immer vom Autorenfilm und der Autorentheorie die Rede ist, obgleich die Kritiker der „Cahier du Cinema“ in Wahrheit von einer „Autorenpolitik“ gesprochen hatten. Und der große Kinofilm ist so gut wie immer eine Ensembleleistung. Die alljährliche „Oscar“-Verleihung mit ihren Preisen für die diversen Gewerke macht es anschaulich, aber manche Kritiker nehmen es noch immer nicht zur Kenntnis.

Unter anderem deshalb blickten die Feuilletons jahrzehntelang mit Verachtung aufs Fernsehen: Es war dort nicht auf Anhieb ein Autor, eine Künstlerpersönlichkeit auszumachen, die vergöttert werden konnte. Zwei Dinge änderten die Rezeption: Neue Vertriebsarten wie DVD und Internet, die eine Serienstaffel komplett und damit als kohärentes Werk verfügbar machte. Und die Entdeckung, dass in der Serienproduktion anders als im Kinobereich nicht der Regisseur als zentrale kreative Kraft agiert, sondern der Autorenproduzent, der nicht zwingend mit dem Schöpfer, dem „Creator“ identisch sein muss.

Neu daran ist allerdings allein die Bezeichnung „Showrunner“, ein Branchenbegriff, der aufkam, weil im englischsprachigen Bereich viele Funktionen – Dramaturg, Produzent, Finanzier etc. – mit dem Begriff „Producer“ belegt sind, sodass Außenstehenden nicht deutlich wird, wer eigentlich welche Aufgabe erledigt hat bei einem bestimmten Serienprojekt. Der „Showrunner“ ist nichts anderes als der verantwortliche Produzent, eine Funktion, die es schon in den Radio-Serials gab, die, wie ihre Nachkommen im Fernsehen, gern abwertend als Seifenopern bezeichnet werden. Eine Seifenoper ist schlicht ein serielles Melodram mit bestimmten Gestaltungsmerkmalen: mehrgliedrige Erzählweise, übergreifende Handlungsbögen, potenziell unendlich und meist mit einem größeren Figurenensemble besetzt. Heute finden wir diese Erzählstrategien in den „Qualitätsserien“ vor, sie sind aber schon vor Jahrzehnten entwickelt worden. Und jede dieser Produktionen erfordert einen „Showrunner“ fürs tägliche Produktionsgeschäft. Auch die „Lindenstraße“ hat einen (oder mehrere), desgleichen „Gute Zeiten – schlechte Zeiten“ etc.

Es steht außer Frage, dass in den USA Serienerzählungen auf hohem Niveau produziert werden. Nicht erst seit den „Sopranos“, aber durch die Vervielfältigung der TV-Kanäle kommen neben allerlei Konfektionstiteln zwangsläufig auch mehr Qualitätsserien zustande. Dennoch unterliegt auch dieses System einem ‚Quotendenken‘. Und der „Showrunner“ erfährt nur solange Wertschätzung, wie seine Kreation Profite einbringt. Aber selbst dann ist seine Position keineswegs ungefährdet. Das musste sogar der höchst renommierte Frank Darabont erfahren, wie unter anderem „Deadline Hollywood“ berichtet. Darabont wurde 2011 von seiner Verpflichtung als Showrunner der Erfolgsserie „The Walking Dead“ entbunden und verklagt deshalb gegenwärtig den Auftraggeber, den Kabelkanal AMC. Seine Anwälte machen unter anderem geltend, Darabont sei entlassen worden, um die ihm ab Staffel 2 und 3 vertraglich zustehenden höheren Tantiemen zu sparen. AMC bestreitet dies. Das Verfahren ist anhängig. Soviel zum Thema „eine geile Serie füllt ihre Brieftaschen“.

Übrigens hat Darabont gerade auch an anderer Stelle einen Rückschlag erlitten. Für den Sender TNT hatte er die zunächst sechsteilige Serie „Mob City“ entwickelt. Die wurde wegen zu niedriger Einschaltquoten nicht verlängert. Bei allem Respekt also für das US-amerikanische Serienschaffen, dem der Autor dieses Blogs bekanntlich schon mehrere Bücher gewidmet hat – das dortige Produktionssystem stellt sich für Autoren beileibe nicht nicht so paradiesisch dar, wie es in deutschen Medien gern kolportiert wird. Erfolgsgeschichten sind nicht zwingend Maßstab, von Allmacht des „Showrunners“ kann schon gar keine Rede sein, auch er ist ein Auftragnehmer. Der deutsch-amerikanische Kameramann Oliver Bokelberg, verantwortlicher Director of Photography der Serie „Scandal“, bestätigte dies im Interview mit dem Verfasser: „Wir sind mit ‚Scandal‘ bei ABC, einem der Major Networks, und müssen uns jede Woche mit erfolgreichen Zuschauerzahlen neu beweisen. ‚Scandal‘ ist hier zu einem Fan-Favoriten geworden. Wäre dieses nicht der Fall, hätten wir nie unsere dritte Staffel erreicht. Hier wird keine Geduld bewiesen; so wurde z. B. ‚Lucky 7‘ hier nach nur 2 ausgestrahlten Folgen von ABC aus dem Programm gestrichen.“

Diese Hintergründe sollten bei der Qualitätsdebatte nicht unbeachtet bleiben. Hiesige wie ausländische Produktionssysteme haben Vor- und Nachteile, für die Menschen innerhalb der Branche ebenso wie für die Zuschauer.

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