Einmal gelassen durch Dortmund streifen

Auf der Suche nach der europäischen Stadt der Zukunft gelangt Arte unter anderem nach Dortmund. Der BVB, Regisseur Adolf Winkelmann, Medienkunst – zukunftsweisend?

Krakau und Toulouse standen schon auf dem Programm, Maastricht und Tallinn werden noch folgen. In einer fünfteiligen Reihe, die in Zusammenhang zu sehen ist mit einem programmlichen Schwerpunkt zur anstehenden Europawahl, fahndet der Dokumentarfilmer Bernhard Pfletschinger für Arte nach Europas Stadt der Zukunft. Einige der Kriterien: „weltoffen, naturverbunden und innovativ“ soll sie sein.
Arte zeigt die Reihe werktags im Nachmittagsprogramm um 15.50 Uhr. Zwangsläufig sind um diese Zeit andere Gestaltungsmittel nötig als bei einer tiefgründigen Hintergrunddokumentation aus dem Abendprogramm. Dennoch kommt das Team zu recht aufschlussreichen Ergebnissen.

Erkundungen auf unbekanntem Terrain

Mit der Journalistin und Autorin Sarah Schill hat jede Folge eine Protagonistin, die sich auf das Abenteuer einlässt, eine ihr unbekannte Stadt zu erkunden. Dabei stehen ihr einheimische Lotsen zur Seite. Über das Internet haben sie sich für diese Aufgabe zur Verfügung gestellt. Gastgeberin in Dortmund ist Jasmin Vogel, aber man bleibt in der Regel beim Vornamen. Treffpunkt ist das Dortmunder U, einst hochmoderne Brauerei, heute das Zentrum für Kunst und Kreativität, weiterhin Wahrzeichen der Stadt und zugleich Symbol für den strukturellen Wandel, denn wo früher Hefe und Malz verarbeitet wurden, entsteht heute unter anderem Videokunst. Hoch über der Stadt werden täglich wechselnde Videoprogramme gezeigt – für die Dortmunder der Bedeutung nach ihr ureigenes Äquivalent zum Eiffelturm. Kurator der Medienkunst im Dortmunder U ist der Regisseur Adolf Winkelmann, ebenfalls ein kundiger, aber auch kritischer Gesprächspartner.
Die Vergangenheit der Stadt ist Thema, der Strukturwandel – alte Industrieanlagen rosten vor sich hin oder wurden gesprengt, einige wenige für eine neue Nutzung umgebaut. Die Arbeitsplätze der Schwerindustrie sind dauerhaft verloren; das führt zu sozialen Konflikten – Nährboden für Radikale von rechts, die mit ausländerfeindlichen Parolen auf Menschenfang gehen. Die Stadt hält dagegen. Ein Mahnmal erinnert an die Opfer der Terrororganisation NSU, vor allem aber wird aktiv Jugendarbeit betrieben. An der Universität unterstützen Studierende – das allerdings ist kein Dortmunder Alleinstellungsmerkmal – Kommilitonen mit Migrationshintergrund bei der Eingliederung ins Studienleben. Ein Hoffnungsschimmer im wirtschaftlichen Bereich: Inzwischen gibt es eine Brauerei-Neugründung, nachdem über die Jahre viele tradierte Marken verschwunden sind.

Seltsame Zufälle

Mit Sarah Schill gleitet der Zuschauer geschmeidig und gelassen durch diese Stadt, die, da im Krieg schwer zerstört, voller architektonischer Widersprüche ist, aber daraus auch einen gewissen Reiz bezieht. Die Besucherin trifft diverse Gesprächspartner, wobei manche Begegnung, zum Beispiel mit dem Dortmunder Oberbürgermeister Ullrich Sierau, als zufälliges Zusammentreffen inszeniert wird. Das ist so wenig glaubwürdig wie das angeblich spontane Gespräch mit einer Historikerin des Stadtarchivs. Auch ein Architekt kommt zu Wort, rar sind leider Auskünfte von Alteingesessenen und Zugezogenen, die nicht zur Kultur- und Politikelite zählen.
Ein anderes Manko: Sarah Schill stochert häufig auf ihrem Smartphone oder dem Tablet herum, angeblich auf der Suche nach Informationen. Der Filmautor verweist also auf ein anderes Medium als Quelle, statt die eigenen Recherche- und Präsentationsstärken hervorzukehren. Kein sehr kluger Zug, denn die von mehreren ARD-Anstalten gemeinsam mit Arte produzierte Reihe hat diesbezüglich einiges zu bieten. Und empfiehlt sich somit trotz der genannten Einwände als unterhaltsame wie informative Alternative zu weniger anspruchsvollen Konkurrenzangeboten des Nachmittagsprogramms.

Die Folgen der Reihe sind in der Arte-Mediothek unter videos.arte.tv verfügbar.

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