Blackout in der Programmgeschichtsschreibung

Die Hauptakteure v.l.n.r.: Tarik (Kaan Sahan), Nils (Tom Gramenz), Charlie (Sinje Irslinger), Dajana (Stephanie Amarell) und Patrizia (Luise Beford).Foto: WDR/Evang

In der April-Ausgabe der WDR-Hauszeitschrift „print“ widmet sich die Redaktion ausführlich der Jugendserie „Armands Geheimnis“, die am Karfreitag gestartet ist und mit jeweils mehreren Folgen übers Oster-Wochenende in den Morgenstunden ausgestrahlt wird. Ein weitgehend gelungenes Produkt, fortlaufend und mit zahlreichen Rückblenden auch diskontinuierlich erzählt. Diese Darreichungsform veranlasst den „Print“-Autor im Gespräch mit der WDR-Redakteurin Brigitta Mühlenbeck zu einer verwegenen Formulierung: „Das Serien-Event wird erstmalig ‚horizontal‘ erzählt.“

Weithin kursiert die Behauptung, das horizontale, wahlweise epische serielle Erzählen sei erst mit den „Sopranos“ entstanden; oftmals ist in diesem Zusammenhang von einer „Revolution“ die Rede. Ein moderner Medienmythos – siehe beispielsweise hier – ohne jede sachliche Grundlage. Denn natürlich hat es fortgesetzte Erzählungen und übrigens auch das Amt des sogenannten „Showrunners“ schon sehr viel früher gegeben – selbst in Deutschland. Im Jugendbereich beispielsweise die Arbeiten des jüngst verstorbenen Berengar Pfahl wie „Jerusalem, Jerusalem“ (1979), „Tanja“ (1997-2000) und andere. Schon der ersten Generation, die mit dem jungen Medium Fernsehen aufwuchs, waren demnach die sogenannten Cliffhanger nicht fremd. Dafür sorgte unter anderem Justus Pfaue mit Mehrteilern wie „Patrik Pacard“ (1984). Im Bereich der Familienserie beherrschte Heinz Oskar Wuttig das Metier der epischen Erzählung. In „Salto Mortale – Die Geschichte einer Artistenfamilie“ schickte er 1969 achtzehn Folgen lang einen Zirkus durch ganz Europa. Episodisch, aber auch mit übergreifenden Handlungssträngen in großer Ensemblebesetzung erzählt. Höchst modern also. Das ZDF pflegte lange die sozialkritische Serie mit Titeln wie „Familie Mack verändert sich“ (1969), „Alles Gute, Köhler“ (1973), „Unser Walter“ (1974).

Der Beispiele wären noch viele. Auch RTL-Zuschauern ist die Fortsetzungserzählung nicht fremd. Dort gab es die modernisierte Neuauflage von „Auf der Flucht“, die in der RTL-Version „Eine Frau wird gejagt“ hieß und eine weibliche Hauptfigur (Nicola Tiggeler) um den Beweis ihrer Unschuld ringen ließ. Ein ganz anderes Thema hatte „Bruder Esel“, die vom Hauptdarsteller Dieter Pfaff angeregte Erzählung um einen Franziskanerpater, der das Klosterleben der Liebe wegen aufgibt.

Man muss vielleicht auch einmal daran erinnern, dass das deutsche Publikum bis heute nicht gerade nach Fortsetzungs-Thrillern giert. Sat.1 bekam dies 2006 mit der ambitionierten, bis in die Nebenrollen exzellent besetzten Serie „Blackout – Die Erinnerung ist tödlich“ schmerzlich zu spüren. Die Publikumsverweigerung wiederholte sich im Jahre darauf beim „NYPD Blue“- und „Homicide – Life On The Streets“-Remix des ZDF namens „KDD – Kriminaldauerdienst“ und schließlich 2010 in der ARD bei „Im Angesicht des Verbrechens“.

Die deutschen Sender wären mithin gut beraten, ihre absurde „Me too“-Haltung aufzugeben, mit der sie sich Epigonentum attestieren, statt die eigenen Traditionen und Leistungen herauszustellen. Nicht nur unter dem Gesichtspunkt einer klügeren Öffentlichkeitsarbeit. Zugleich könnte auf diese Weise den in Print und Web umgehenden, teils grotesk in die Irre führenden, dennoch fortwährend reproduzierten Darstellungen zur Geschichte des seriellen Erzählens zumindest ansatzweise begegnet werden. Im Sinne des angestammten Bildungsauftrags, der auch die Programmhistorie des eigenen Mediums einschließt.

 

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