Im Banne des Netflix-Imperiums

Aus Warte des einfachenden lesenden Volkes bleibt weiterhin unerfindlich, in welchem Maße sich Journalisten willig als Herolde des Netflix-Imperiums gebärden. Aktueller Kasus: Die „Berliner Zeitung“ meldet in ihrem Web-Kulturteil vom 17. Juli 2015: „Das sind unsere liebsten Netflix-Serien“. Serien-Rankings sind zwar weiterhin Unsinn, aber en vogue und hinnehmbar. Die wenig originelle Auswahl mal beiseite gelassen, ist allerdings mehr als fragwürdig, dass hier ein kommerzieller Streaming-Anbieter als alleinige Quelle genannt wird. Denn ausgenommen die ursprünglich für Starz entwickelte Abenteuerserie „Marco Polo“ und die von der Senderkette NBC übernommene Sitcom „Unbreakable Kimmy Schmidt“ sind die genannten Serientitel auch anderweitig verfügbar.

„House of Cards“: Die wegen des Fehlen eines würdigen Antagonisten arg ermüdende, den Politverdruss bestärkende Produktion, die von Netflix exklusiv für den US-Markt angekauft wurde und deshalb nicht ganz korrekt als Netflix-Eigenproduktion gilt, ist in Deutschland mehrfach im Angebot. Hier in alphabetischer Abfolge (Stand 21.7.2015):

Amazon (drei Staffeln)
iTunes (drei Staffeln)
Maxdome (drei Staffeln)
Sky Go (drei Staffeln)
Sky Online (drei Staffeln)
Sony (drei Staffeln)
Videoload (zwei Staffeln)
Wuaki (zwei Staffeln)
Xbox Video (drei Staffeln)

Weiter empfiehlt die „Berliner Zeitung“ die Gefängnisserie „Orange Is the New Black“, anders als „House of Cards“ tatsächlich eine Netflix-Eigenproduktion, die – ausgenommen die dritte Staffel – desungeachtet nicht nur bei Netflix zu sehen ist. Sondern auch bei:

Amazon (zwei Staffeln)
iTunes (zwei Staffeln)
Sony (zwei Staffeln)
Xbox Video (zwei Staffeln)

Mit dem Spin-off „Better Call Saul“ warf sich Netflix in die Erfolgwelle von „Breaking Bad“, einer Serie des AMC-Networks. Die erste Staffel des Titels ist vielerorts verfügbar:

Amazon
iTunes
Maxdome
Sony
Xbox Video

Den Abschluss der fünf Titel umfassenden Bestenliste der „Berliner Zeitung“ bildet „The Walking Dead“, eine Produktion des AMC-Networks, die von Netflix nur vertrieben wird. Genauso wie von:

Amazon (vier Staffeln)
iTunes (vier Staffeln)
Maxdome (vier Staffeln)
Snap by Sky (zwei Staffeln)
Sony (vier Staffeln)
Videoload (vier Staffeln)
Watchever (vier Staffeln)
Xbox Video (vier Staffeln)

Ein vergleichbarer Fall: Literaturkritiker nennen ihre Lieblingsbücher. Und geben nur einen einzigen Versender als Bezugsquelle an. Die Leserschaft würde sich doch sehr wundern …

Aktualisierung:

Für die „Berliner Zeitung“ teilt auf Anfrage Maike Schultz mit:

„ (…) bei den Serientipps handelt es sich einen Teil eines größeren Themenkomplexes zu Netflix (das war Tagesthema in der Printausgabe). Redaktioneller Anlass war diese Berichterstattung: http://www.berliner-zeitung.de/kultur/deutsches-fernsehen-vs–netflix—co–keine-direkte-konkurrenz-fuer-ard-und-zdf-,10809150,31245104.html
Als Ergänzung dazu hat die Redaktion geschaut, welche Serien es bei Netflix gibt und die Tipps geschrieben.
Die Überschrift meinte also Serien, die (auch) bei Netflix zu sehen sind – und nicht Serien, die originär von Netflix produziert wurden. Sie haben allerdings Recht damit, dass das missverstanden werden kann. Wir ändern den Titel in ‚Web-Serien‘.“

Ergänzung des Verfassers: Die neue Überschrift lautet jetzt „Das sind unsere liebsten Serien im Internet“.

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