„Schwarz kann jeder“ – Notizen aus #Wacken

Wie ist die Stimmung in Wacken? Sagen wir es so: Der Tag begann mit strahlendem Sonnenschein. Beim Warten auf den Bus aber gab es prompt wieder einen dieser unangenehmen Platzregen – ein Wort nebenbei, das bei einem Open-Air-Festival gleich doppelt zutrifft. Endlich im Bus, begann einer dieser verwegen aussehenden Metal-Heads „Always Look on the Bright Side of Life“ zu pfeifen. Nach und nach stimmte die Hälfte der Passagiere ein. Und so schaukelte man halb vergnügt, halb trotzig gen Holy Ground.

Am heutigen Freitag traten Torfrock auf der Party Stage. Deren Song mit den unsterblichen Zeilen „Dat matscht so schön“ hätte eigentlich das Zeug, zur heimlichen Festivalhymne zu werden. Wenig lustig ist die Vermatschung des Geländes für Behinderte, die ansonsten recht gute Bedingungen vorfinden, um am Festival teilzuhaben, wie Rollifahrerin Andrea im Gespräch zu berichten wusste. Sie engagiert sich bei behindert-barrierefrei e. V. und war 2012 zum ersten Mal auf dem Wacken. Einschränkungen gebe es auch für Nicht-Behinderte, sagt sie, man müsse Abstriche beim Komfort in Kauf nehmen. Ihren Rollstuhl, den sie „Mücke“ getauft hat, hatte sie festivalgerecht hergerichtet und mit ihrem W:O:A-Rolli 2012 den „Pimp My Rolli“-Contest gewonnen. Dennoch, bei aufgeweichtem Boden kommt sie ohne Helfer kaum über das Gelände. Und hie und da, so erzählt sie, wären noch Verbesserungen möglich. Nicht immer gibt es Rampen, wo welche nötig wären, und die Rollifahrer wünschen sich, dass die Behinderten-WCs an den Euroschlüssel angepasst werden, den viele Rollstuhlfahrer bereits besitzen und der ihnen europaweit den Zugang zu Behindertentoiletten, beispielsweise auf Autobahnraststätten, ermöglicht. Andrea regt an, bei der Planung im Vorfeld des Festivals einen Behinderten als Berater mit an den Tisch zu holen.

Nachtrag vom letzten Festivaltag: Rollifahrer Piet wurde von drei hilfsbereiten Ordnern durch die Schmöttke getragen und die Rampe zur Behindertentribüne hochgefahren, wo er freie Sicht auf die Hauptbühnen hat.

Die Sonne kam zurück, und die Gelegenheit wurde genutzt, den traditionellen Spaziergang über die während des Festivals für den Individualverkehr gesperrt Hauptstraße zu unternehmen. Pastor Raoul Åkesson ist wieder zugegen und verteilt die kostenlose „Metal Bibel“. Die enthält nicht etwa Texte der christlichen Metalband Stryper, richtet sich aber dennoch an Metalheads. In ähnlicher Form gibt es auch eine Truckerbibel. Raoul ist Schwede, betreut in seinem Heimatland Haftinsassen und ist in ganz Europa auf Veranstaltungen unterwegs, zum Beispiel beim polnischen Woodstock-Festival. Er und seine Kolleginnen und Kollegen missionierten nicht, sagt er, und: „Wir lieben die Menschen.“ Sie stehenden Fragenden gern zur Verfügung, schenken Kaffee aus, sprechen auf Wunsch über die Metal-Bibel. Aber auch Krisengespräche habe es schon gegeben, zum Beispiel mit Kriegsheimkehrern. Optisch fügt sich Raoul gut ein ins Wacken-Publikum, ohne sich anzubiedern. Seine Kutte weist ihn als Angehörigen der Biker Church Europe aus, ein Patch besagt: „Streetchurch“.

Gemeinsam mit dem Team des Youtube-Kanals „Der dunkle Parabelritter“ begab sich Ihr Gewährsmann auf die Suche nach lokalen Spezialitäten. Einheimische empfahlen den „Eingehängten“. Ein Getränk, das Durst und Hunger gleichzeitig stillt. Es handelt sich um eine Sardelle in Weizenkorn. Auf derselben Getränkekarte fand sich auch „Schlumpfenwixxe“. Gemeint ist GabiKo – Dithmarschisch für „Ganz billiger Korn“ – plus ein Bonbon Wick blau. „Da musst du abends nich‘ mehr Zähneputzen“, versprach der ausgesprochen herzliche Wirt. „Und morgens auch nicht.“ – Und vielleicht irgendwann überhaupt nicht mehr. Es sei denn, mit Kukident.

Kennt eigentlich jemand Gribbohm? Wacken geht nahtlos in Gribbohm über. Theoretisch hätte das erste Wacken Open Air auch in einer Gribbohmer Sandkuhle stattfinden können. Aber wäre die Veranstaltung als „Gribbohmer Open Air“ jemals so groß geworden?

Ungewöhnlich gekleidete Menschen findet man auf der Wackener Hauptstraße sonderzahl. Besonders auffällig waren zwei Damen aus Bayern, die herkunftsgemäß Dirndl trugen. Der pfiffige Kommentar der beiden: „Schwarz kann jeder.“ – Der Spruch ist so gut, den sollte man auf T-Shirts drucken.

Noch ein Rückblick auf den Vortag: Das Verhalten einiger Ordner gibt schon zu Verwunderung Anlass. Mit dem entsprechenden Armbändchen ist akkreditierten Journalisten das Fotografieren auf dem Gelände erlaubt. Angeblich nur während der ersten drei Stücke eines Auftritts – auch wenn die betreffende Band anderes wünscht -, aber da gibt es nachweislich Ausnahmen. Nach unerfindlichen Regeln. Von außerhalb des Grabens darf auf jeden Fall in Richtung Bühne fotografiert werden. Trotzdem baute sich ein breitschultriger Ordner breit grinsend vor Ihrem Chronisten auf und verstellte die Sicht auf die gerade spielende Band. Armes, frustriertes Geschöpf. Lassen wir ihm den Spaß.

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