Die Ausstellung, die rockt: „The Beat Goes On“

Das größte Exponat der Osnabrücker Ausstellung "The Beat Goes On": Ein Bus niederländischer Bauart, der dem Osnabrücker Musikclub "Kleine Freiheit" als Eingangs- und Kassenbereich diente, auf Betreiben des Grundstückseigners aber entfernt werden musste. Ein Objekt mit Symbolwert: ein Vehikel für die Suche nach Freiheit, ein Transitweg vom Alltag ins freizeitlich-eskapistische Club-Erlebnis, auch für sich genommen schon eine Art Freiraum. Der Bus ist während der Öffnungszeiten zugänglich. Foto: Harald Keller.

Das größte Exponat der Osnabrücker Ausstellung „The Beat Goes On“: Ein Bus niederländischer Bauart, der dem Osnabrücker Musikclub „Kleine Freiheit“ als Eingangs- und Kassenbereich diente, auf Betreiben des Grundstückseigners aber entfernt werden musste. Ein Objekt mit Symbolwert: ein Vehikel für die Suche nach Freiheit, ein Transitweg vom Alltag ins freizeitlich-eskapistische Club-Erlebnis, auch für sich genommen schon eine Art Freiraum. Der Bus ist während der Öffnungszeiten zugänglich. Foto: Harald Keller.

Seit Freitag, 7. Juni, steht die Doppelausstellung „The Beat Goes On. Der Sound. Der Style.“ des Museums Industriekultur Osnabrück und des Tuchmacher Museums Bramsche der Öffentlichkeit offen. Das Museum Industriekultur widmet sich dem Thema Sound und das über einen Zeitraum von 60 Jahren: Wo haben verschiedene Generationen junger Musikfans jeweils ‚ihre‘ Musik gehört und dazu getanzt? Mit welchen technischen Mitteln wurde sie aufgeführt, wie abgehört? Das Spektrum im technischen Bereich reicht von klassischen, selten gezeigten Jukeboxen bis hin zum MP3-Player. Auch Instrumente und Verstärker sind zu sehen, in einem typischen Probenraum dürfen Gitarre, Bass und Schlagzeug sogar ausprobiert werden. Einen Leitfaden durch die Ausstellung bieten die Orte jugendlicher Musikkultur, die Tanzlokale und Konzertsäle der 50er, die Diskotheken, Clubs, auch städtische und unabhängige Jugendzentren gehören zum Thema. Denn wenn Jugendliche sich musikalisch ‚unterversorgt‘ fühl(t)en, griffen sie sehr häufig zur Selbsthilfe. Und zwar schon in den frühen 1950ern, als junge Jazzfans begannen, Jazz-Tanzveranstaltungen, die „Jazz Band Balls“, zu veranstalten, aus denen in den 1960ern die „Beat Band Balls“ wurden.

Besondere Highlights: Eine Zeitungskritik über den Auftritt eines 12-jährigen Jazz-Schlagzeugers namens Udo Lindenberg, ein rares Filmdokument eines Auftritts der Düsseldorfer Feetwarmers mit dem jungen Klaus Doldinger, eine von Angus Young (AC/DC) unter kuriosen Umständen signierte Gitarre, ein Gastspielvertrag mit den Scorpions aus dem Jahr 1976, rare Ton-, Film- und Bilddokumente sowie seltene Plakate. Und: Im Rahmen der Ausstellung und ausführlich im zugehörigen gleichnamigen, reich bebilderten Katalog (Isensee Verlag, Oldenburg) wird die Medienlegende widerlegt, die erste Diskothek Deutschlands sei der „Scotch-Club“ in Aachen gewesen.

Das Tuchmacher Museum Bramsche zeigt am Beispiel von Jeans, Lederjacken, Turnschuhen (Sneakers) und Kapuzenjacken (Hoodies) die Mode zu den jeweiligen Subkulturen. Ausgestellt werden besondere Stücke aus privater Hand, mit denen sich individuelle Geschichten verbinden, die über einen Medienport abgerufen werden können. Eines der Highlights: Die Lederjacke, die Udo Lindenberg an Erich Honecker schickte – und der zweiseitige Brief, mit dem der Staatsratsvorsitzende der DDR das Geschenk beantwortete.

Informationen:

www.industriekultur-museumos.de

www.tuchmachermuseum.de

https://www.facebook.com/pages/The-Beat-Goes-On/562630060437386

Vier Kleidungsstücke, aber eine unendliche Zahl an Möglichkeiten, sie zu interpretieren und zu individualisieren: Turnschuhe, Lederjacken, Jeans und Kapuzenjacken sind das Thema im Tuchmacher Museum Bramsche. Foto: Harald Keller.

Vier Kleidungsstücke, aber eine unendliche Zahl an Möglichkeiten, sie zu interpretieren und zu individualisieren: Turnschuhe, Lederjacken, Jeans und Kapuzenjacken sind das Thema im Tuchmacher Museum Bramsche. Foto: Harald Keller.

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Backstein, Bier und bunte Vögel

Jever, Schloss (© Harald Keller)

Jever, Schloss (© Harald Keller)

Die Friesenmetropole Jever lockt mit einer pittoresken Altstadt und einem reich bestückten Schlossmuseum

Die Wahrzeichen der Stadt Jever ragen hoch übers Land. Schon von ferne weisen sie den Weg und dienen auch während des Aufenthaltes in den historischen Mauern der Orientierung. Zur markanten Silhouette gehören die verspiegelten Gärtürme der über Friesland hinaus bekannten örtlichen Brauerei sowie der klinkerfarbene Turm der evangelischen Kirche. Daneben grüßt die barocke Haube des wuchtigen Rundturms im Hof des historischen Schlosses.

Das aus einer mittelalterlichen Wehrburg hervorgegangene, mehrfach umgebaute Schloss, in dem erst freiheitsliebende friesische Häuptlinge, später adlige Herrscher residierten, beherbergt heutigentags das Schlossmuseum. Ein lohnendes Ziel nicht zuletzt für Gäste der umliegenden Küstenbadeorte, wenn mal ein Schlechtwettertag den Strandbesuch verleidet. Der Rundgang vom Kellergewölbe bis zum Dachgeschoss gleicht einem Spaziergang durch die Vergangenheit, der von der mittelalterlichen Landes- und Kirchengeschichte über prunkvolle Herrschersuiten bis in die jüngste Vergangenheit führt. Neben Präsentationen hauseigener Sammlungen zu Themen wie Keramik, Mode der Rokkoko- und Biedermeierzeit, historischem Mobiliar und Wandschmuck bietet das Schlossmuseum Raum für wechselnde Ausstellungen. Als wahrer Besuchermagnet hat sich das Schwerpunktprojekt „Break on through to the other side“ erwiesen. Um die 100.000 Zuschauer haben die Ausstellung seit September 2007 bereits besucht, wegen der anhaltenden Nachfrage wurde die Schau gerade erst ein weiteres Mal verlängert.

Aus organisatorischen Gründen befindet sich die etwas verkleinerte Ausstellung mittlerweile im obersten Stockwerk. Den Weg dorthin säumen historische Kinderspielzeuge, darunter auch eine Laterna Magica, ein Thaumatrop, eine Wundertrommel. Allesamt Apparate, die Formen und Farben in Bewegung setzen, die das Augenlicht ansprechen und den Sehsinn verwirren. Eine passende Ouvertüre für eine Ausstellung über die Tanzsäle, Diskotheken und Underground-Clubs der 60er-, 70er- und 80er-Jahre, in denen Farb- und Lichtspiele spätestens mit Aufkommen der psychedelischen Musik zum Standard gehörten.

Anhand von Requisiten, Fotos und Schriftstücken wird die Geschichte ausgewählter Musikclubs zwischen Norddeich und Osnabrück dokumentiert. Aber man muss nicht zwingend das Weser-Ems-Gebiet zur Heimat haben, um Gewinn aus dieser Ausstellung zu ziehen. Denn ähnliche Entwicklungen vollzogen sich auch in anderen Regionen der Bundesrepublik: Traditionelle Ausflugslokale und Dorfgasthäuser, die ihr Stammpublikum verloren hatten, begannen zu Beginn der 1960er-Jahre auf die Jugend zu setzen. Beat- und Show-Bands wurden engagiert, manchmal, wie im Norddeicher „Haus Waterkant“, gleich für mehrere Wochen. In Mehrzweckhallen fanden Länder- und Talentwettbewerbe statt. Zu gewinnen gab es Tournee- oder Plattenverträge – ähnlich wie heute in den Castingshows.

Einige Jahre später wurden die Bühnenmusiker durch Discjockeys ersetzt, die nicht einfach nur Charts-Erfolge abspulten, sondern individuelle Programme zusammenstellten und in einer Zeit, in der Jugendsendungen in Hörfunk und Fernsehen noch rar waren, auch als Entdecker und Vermittler neuer Bands und Sounds fungierten. In der parallel zur Ausstellung entstandenen Filmdokumentation „Zu laut, zu dunkel, to düür“ erinnert sich der ehemalige Discjockey Otto Sell, wie zum ersten Mal der harte Bluesrock von AC/DC aus den gewaltigen Boxen des „Tiffanys“ dröhnte. Emil Penning, der Inhaber, hatte die Platte aus England mitgebracht. Bis dahin war die australische Band mit dem seltsamen Namen völlig unbekannt gewesen. Emil Penning lebt heute in einem Seniorenwohnheim – Kopfhörer, Mischpult und Lichtorgel noch immer in Reichweite neben seinem Ohrensessel.

In der Ausstellung wird die Zeit der – nicht nur – musikalischen Entdeckungen und Neuerungen wieder lebendig. An einer Konsole können bislang unveröffentliche Musikstücke damaliger Beatbands abgehört werden; auf einem Band-Foto der Rustlers entdeckt man das junge Bandmitglied Otto Waalkes. Eine psychedelische Lightshow nebst passender Musik weckt ebenso Erinnerungen an die farbenfrohen Sechziger wie die ausgehängten Plattencover und die ausgestellte Mode, vom blumig ornamentierten Mini-Rock aus der Londoner Carnaby Street über das schlanke Hippie-Kleid mit ausgefallenen Flatterärmeln bis zur plüschigen Patchwork-Jacke.

Die Geschichte der Jugendkulturen ist als Hintergrund stets präsent. Und lässt ein ums andere Mal schmunzeln, wenn man beispielsweise erfährt, dass sich die einst so verrufenen „Halbstarken“ ordnungsgemäß und nach alter Väter Sitte in Vereinen organisierten. Zahlreiche Fotos und Dokumente wie Künstlerverträge und Offerten für technische Ausstattungen der Diskotheken gewähren einen Einblick hinter die Kulissen des Amüsierbetriebs. Die Hits der Underground-Ära zünden übrigens noch immer: Die auf dem Schlossvorplatz abgehaltenen langen Nächte mit mehreren DJ-Veteranen ebenso wie eine verwandte Veranstaltungsreihe in Restrup im Osnabrücker Land lockten Publikum aus Nah und Fern.

Schwindelfreie sollten nicht auf die Ersteigung des Schlossturms verzichten, der bei gutem Wetter eine Aussicht bis zu den friesischen Inseln gewährt. Und wer nach den vielen Sinneseindrücken ein wenig Entspannung benötigt, ist im behaglichen Schlosscafé bestens aufgehoben. Wenngleich sich der Gast hier vor schwere Entscheidungen gestellt sieht: Apfeleierlikörsahnetorte oder Pistazien-Mohnsahnetorte? Punsch-Tee „Maria“ oder „Klönschnack-Tee“? Vielleicht ein exotischer „Sencha Lemon“?

Schlosscafé (© Harald Keller)

Schlosscafé (© Harald Keller)

Neben dem Schloss und seinem von zutraulichen Pfauen bewohnten Parkgelände hält Jever weitere Sehenswürdigkeiten bereit. Es empfiehlt sich, einen der kostenlosen Parkplätze an der Peripherie zu nutzen. Eine Wanderung rund um die von Grünanlagen und Graften begrenzte alte Innenstadt bietet zahlreiche pittoreske Einblicke. Zudem lohnt es sich, die Altstadt nicht entlang der Einkaufsstraßen zu durchqueren, sondern im Zickzack durch Straßen und Gäßchen zu schlendern. Hie und da allerdings begeht Jever Frevel wider seine Reize. Beschauliche historische Häuserzeilen sind mit PKW zugeparkt; Schilderbäume verstellen die Sicht, so beispielweise auf die frühere Konzerthalle am Alten Markt, hinter deren schmucker historischer Fassade sich heute eine kleine Ladenpassage verbirgt.

Nicht nur für Freunde des Gerstensaftes eignet sich die cirka zweistündige Führung durch die Produktionsstätten der Brauerei und das betriebseigene Braumuseum. An der Schlachte kommen Kinder zu ihrem Recht und können unter anderem auf einem Spielschiff herumklettern. Oder den Klabautermann spielen …

Details und Wissenswertes zu einzelnen Gebäuden und Denkmälern erfährt man unter dem Stichwort „Sehenswürdigkeiten“ unter http://www.stadt-jever.de. Unter dieser Adresse finden sich zudem Informationen zur Anreise, Unterbringung und zu aktuellen Veranstaltungen.

Schlossmuseum Jever: geöffnet dienstags bis sonntags von 10.00 bis 18.00 Uhr, montags geschlossen. Ostern und Pfingsten sowie in den Sommermonaten vom 15. Juni bis zum 15. September auch montags geöffnet! Der Schlosspark ist ab 7.00 Uhr morgens, der Schlossturm vom 1. Mai bis zum 31. Oktober von 11.00 bis 17.00 Uhr geöffnet.
Brauhaus Jever (© Harald Keller)

Brauhaus Jever (© Harald Keller)