Grenzgänger

Wenn die durchweg reiferen Herren der Soul-Funk-Jazz-Formation Tower of Power gerade mal ihre Nasenspitzen zeigen und bereits in diesem frühen Moment frenetischer Jubel im Publikum ausbricht, dann befindet man sich wo? Entweder in ihrer Heimatstadt Oakland oder in Funky Gronau. Funky ist Gronau nicht zuletzt, weil scharenweise die Soul-Brüder und -Schwestern aus den unmittelbar angrenzenden Niederlanden herübergeströmt kommen, wenn in der ehemaligen Textilmetropole zum Beispiel Ray Charles selig, die Temptations oder Al McKays All Stars auftreten (Al McKay ist, nur falls Sie es gerade nicht parat haben, der frühere Gitarrist von Earth Wind & Fire, der seinen Arbeitgebern seinerzeit ein paar funkig-fiebrige Kompositionen schenkte und heute mit seinen All Stars, denen mit Bruce Conte zeitweilig auch ein früheres T.O.P.-Mitglied angehörte, weit bessere Konzerte abliefert als Verdine White und seine allzu routiniert agierenden Konsorten.)

Tower of Power jedenfalls, im 41. Jahr ihres Bestehens fidel und munter wie am ersten Tag, durften sich in Gronau wie zuhause fühlen und revanchierten sich mit einem zweistündigen Set ohne jeden Durchhänger oder Lückenfüller. Was Wunder, nach so vielen Jahren und mit einem dicken Stapel an Alben im Gepäck kann man seinem Publikum das Beste vom Besten vorsetzen und muss sogar noch ein paar Kracher in ein Medley packen, weil sonst gar nicht alles zu schaffen wäre. „Soul With a Capital ‚S'“ durfte nicht fehlen, ebensowenig „Soul Vaccination“, „What is Hip“, der sanfte Schmeichler „You’re Still A Young Man“ und – wehe aber auch, wenn nicht: – das schmissige „Diggin‘ On James Brown“, in das man natürlich aus vollem Herzen einstimmt und das bei diesem Konzert noch schwelgerischer und Godfather-mäßiger zelebriert wurde als bei der letzten Deutschlandtour. Hier stand die fünfköpfige Bläserformation mit Recht im Zentrum der Bühne, zumal ja die beiden Gründungsmitglieder Emilio Castillo und Stephen „Doc“ Kupka selbst ins Horn stoßen, während sie mit dem Sänger Larry Braggs einen kompetenten Soul-Vokalisten und mitreißenden MC an die Bühnenfront schicken.

Nach zwei Zugaben, die zweite davon fast schon ein kleines Konzert für sich, traten die teils von weiter her angereisten T.O.P.-Anhänger beschwingt den Heimweg an. Gronau aber, die Heimatstadt eines gewissen Herrn Lindenberg und Standort eines formidablen Rock- und Pop-Museums, gilt es, im Auge zu behalten. Im nächsten Frühling ist dort wieder Jazzfest, und wie dem Berichterstatter gesteckt wurde, verhandelt man, die Namen sind der Redaktion bekannt, bereits mit einigen Interpreten vornehmsten Kalibers. Ab Dezember soll das Programm stehen, näheres dann unter www.jazzfest.de. Und vielleicht auch wieder an dieser Stelle.

Gronau, Rock- und Popmuseum. © Harald Keller

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