Als Außenseiter in der Galaxis

In der kanadischen Science-Fiction-Serie „Dark Matter“ gibt es zünftige Weltraumabenteuer in technisch überzeugender Machart. Daneben verhandeln die Autoren immer wieder Themen wie Identität, Verantwortung, Loyalität. Und wer bis zur zweiten Staffel schaut, erhält Antwort auf die Frage, wovon Androiden träumen. Kleine Spielverderberei: elektrische Schafe sind es nicht. Mehr zur Serie unter

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Wenn Unterschichtler fernsehen

Starkes Figurenensemble: „The 100“ bei ProSieben. Foto: The CW/ProSieben.

Für uns bekennende Unterschichtler ist die Lektüre von Medienseiten eine deprimierende Erfahrung – diese vielen neuen Serien, die drei Mal täglich die Fortsetzungserzählung neu erfinden und die man gesehen haben muss, um in kulturellen Kreisen mitreden zu können. Aber dafür müsste man Amazon Prime, Netflix, Maxdome etc. sowie diverse Pay-TV-Kanäle buchen oder besser noch über ein eigenes Unterseekabel ins Gelobte Serienland, die USA, verfügen, um den guten Stoff direkt beim Erzeuger abzuzapfen. Das aber geht ins Geld, da müssten die Kinder hungern.
Begnügen wir uns mit dem, was die frei empfangbaren Kanäle offerieren. Das ist ja auch nicht schlecht, wie ein Blick in die Wochenvorschau zeigt. Die beginnt allerdings mit einem Nasenstüber für den Freund der Qualitätsserie. Im Abendprogramm von RTL 2 ist fälschlich noch „Twisted“ verzeichnet, eine Serie mit interessanter Exposition: Ein kleiner Junge begeht einen Mord. So jedenfalls erscheint es seiner Umwelt und uns Zuschauern. Jahre später wird er aus dem Jugendstrafvollzug entlassen, wo er sich zu einem intelligenten, charmanten Teenager entwickelt hat. Anfangs meiden ihn alle, nach und nach gelingt es ihm, die alten Freunde zurückzugewinnen. Als wieder ein Mord geschieht, fällt der Verdacht natürlich auf ihn. Und er verbirgt etwas, wir Zuschauer wissen es. Aber auch andere Vertreter des Kleinstadtvolks haben ihre Geheimnisse.

Fehlplanung

RTL 2 hatte die Serie ursprünglich am Mittwoch platziert, dann am Samstagabend. Ungünstige Termine, das hätte man vorher wissen können. Mangels Zuschauernachfrage wird „Twisted“ ab dem 25. Juli auf den Samstagmorgen verlegt. Das wäre ein Argument für einen Streaming-Anbieter. Aber die haben die Serie bislang gar nicht im Angebot. Also ein Fall für das Aufzeichnungsgerät. Das erlaubt konsequentes Binge-Watching ohne Online-Anbindung. Auch wieder so eine tolle neue Sache. Wie „Showrunner“, „Writer‘s Rooms“, „Summer Replacements“, alles Dinge, von denen nie zuvor ein Mensch oder zumindest kein Feuilletonjournalist gehört hat.
Zurück zum Programm. ZDFneo wiederholt derzeit samstags um 17.15 Uhr die ZDF-Vorabendserie „Sibel & Max“. Unterhaltsam, mit Zugriff auf die Lebenswirklichkeit. Und eines von vielen Belegen, dass es im deutschen Fernsehen, anders als die medienjournalistische Fama es wissen will, sehr wohl Fortsetzungsserien gibt.
Auch zum wiederholten Male ein Genuss sind die „Gilmore Girls“, am Sonntagabend im Programm des Disney Channel. Eine der schönsten und originellsten Serien folgt im Anschluss: „Pushing Daisies“. Sie stammt aus der Feder des bewundernswerten Autors Bryan Fuller, der vordem unter anderem die hinreißende Serie „Dead Like Me“ ersonnen hat, in der es ebenfalls um spannende und witzige Nachtod-Erfahrungen ging. Klasse, der Mann. Seine Karriere begonnen hatte Fuller bei „Star Trek: Deep Space Nine“. Wo schon episch erzählt wurde, als viele der heutigen Neo-Apologeten der epischen TV-Serie noch damit prahlten, keinen Fernseher zu besitzen. Sofern sie überhaupt schon fernsehen durften. Das Regiekonzept zu „Pushing Daisies“ entwarf Barry Sonnenfeld, der auch als Produzent zeichnet.

Überangebot

Montags weiß man gar nicht, wohin man zuerst schauen soll. „Forever“, eine Serie des fantastischen Genres, bei Sat.1 ließ sich gut an und machte gespannt auf mehr. „Resurrection“ nach Jason Mott schließt sich bei Vox zeitlich an und passt auch stimmungsmäßig. Derweil lockt aber auch Sixx mit „Jane the Virgin“, einer Tragikomödie mit Telenovela-Tönung. Bei Tele 5 gibt es noch Gelegenheit, die Neuauflage von „Battlestar Galactica“ (wieder) zu sehen. Ein komplexes Epos, das „Breaking Bad“ und „House of Cards“ zu Groschenromanen degradiert. Weniger herausfordernd ist „Switched at Birth“ im Disney Channel. Trotz eher konventioneller Erzählweise eine durchaus begrüßenswerte Wiederholung, denn hier werden die Probleme von Gehörlosen angesprochen. Einige der Hauptdarsteller sind tatsächlich gehörlos. Und bisweilen wagen die Produzenten auch ein Experiment: Eine Folge wurde gänzlich ohne Ton ausgestrahlt, um die Umweltwahrnehmung von Gehörlosen zu vermitteln.
Aktionsorientiert ist die Serie „Alphas“ bei ProSieben Maxx, in der Menschen mit besonders ausgeprägten Begabungen und überentwickelten Sinnen auf Verbrecherjagd gehen. „Alphas“ hat nicht die Klasse von „Heroes“, aber auch hier gibt es Szenen und Passagen, die über den reinen Unterhaltungswert hinausgehen.
Das Abendprogramm am Dienstag ist gleichfalls mit mindestens akzeptablen Serienangeboten gut gefüllt. „Life Unexpected“ beim Disney Channel ist eine muntere Serie um eine Familie, bei der der Begriff „Patchwork“ eine Untertreibung darstellt. Am späteren Abend dann natürlich „Ray Donovan“ bei ZDFneo, ein unverschämter Streifzug durchs Hollywood-Milieu, der allerdings ohne die Prügelorgien der Titelfigur noch ein bisschen besser dastünde. Wer lieber Einblicke in deutsche Verhältnisse nehmen möchte: Eins Festival wiederholt parallel die WDR-Serie „Die LottoKönige“.
Am Mittwoch setzt sich bei Vox mit „Revenge“ der Rachefeldzug Emily Thornes fort. Hochachtung gegenüber den Autoren, die die Vergeltungsmaßnahmen schon in der dritten Staffel fortführen, ohne dass die Serie an Erzähldichte verlor. Ein großer Wurf ist „The 100“, parallel bei ProSieben. Wer bei einer dystopischen Fabel allen Ernstes Logiklücken moniert, soll halt Dokumentationen schauen, zum Beispiel bei Servus TV. Im Anschluss startet bei ProSieben „The Strain“, ein mit Vampiren, Nazis und anderem Geziefer bevölkerter Horrorradau im Comic-Stil. Dahinter steckt Guillermo del Toro, der den Zuschauern Action und Ekelbilder förmlich um die Ohren haut. Nach zwei Folgen tritt die erste Langeweile auf.

Nichts für Stirnrunzler

Seit vergangenen Donnerstag hat Kabel 1 „Shameless“, die US-Adaption des britischen Serienerfolgs, im Programm. Das Personal wird von Unterschichtlern, Sozialschmarotzern, Säufern und Sexarbeiterinnen gestellt, alle sind rotzfrech und grundsympathisch. Nichts für snobistische Stirnrunzler also. Zeigte Kabel 1 nicht gleich zwei Folgen am Stück bis in die Nacht, käme ansonsten um 23.15 Uhr noch „Profiling Paris“ bei Sat.1 in Betracht. Oder auch, zur Abwechslung mal was Finnisches, „Nymphs“ bei Sixx. Aber wir Fortschrittsverweigerer verfügen ja noch über Videorekorder. Was das ist, erklären wir ein andermal.
Und Freitag? „Homeland“ natürlich. Bei Kabel 1. Spannend im Sinne von Thriller, aber auch inhaltlich wegen seiner Kritik an dem, was wir einfachen Menschen Staatsräson nennen. Und darin relevanter als der wenig differenzierte Rundumschlag „House of Cards“. Die US-Version. Das britische Original war schon deshalb cleverer, weil der wahre Charakter der Hauptfigur nicht gleich in der ersten Sequenz enthüllt wurde. Kabel 1 packt gleich drei Folgen in sein Abendprogramm, das nimmt einen bis nach 23 Uhr in Anspruch. Eine blöde neue Manier, immer so viel wie möglich auf einmal rauszuhauen. Das Wörterbuch des Medienschwätzers spricht da von „Spielfilmlänge“. Warum dreht man eigentlich überhaupt noch Serienepisoden mit Laufzeiten unter einer Stunde? Erfüllt nicht im Grunde der in Deutschland noch gepflegte 90-Minüter die Wunschträume dieser ungeduldigen Spezies namens Binge-Watcher?
Gäbe es „Homeland“ in kleineren Happen, könnte man noch die Sitcom „Community“ bei Comedy Central mitnehmen, eine Zierde ihres Genres. Und wen es Freitag – Zuschauer mit konventioneller Arbeitszeitgestaltung dürfen ja samstags ausschlafen – noch nach einem Nachtprogramm gelüstet, findet ab 0.05 Uhr bei Servus TV die kraftstrotzende, rund um den Eisenbahnbau angesiedelte Westernserie „Hell on Wheels“.
Eine ganz schöne zeitliche Beanspruchung. Magazine und Reportagen zum aktuellen Zeitgeschehen, die eine oder andere Dokumentation und Konzertübertragung möchte man ja auch noch sehen. Die gibt es zum Glück oft in den Mediatheken der Sender. Ohne zusätzliche Kosten.

Der Wochenspiegel 14.10

Bei Kabel 1 wandern zwei Qualitätsserien  immer tiefer ins Nachtprogramm. Betroffen ist zum einen „Hack – Die Straßen von Philadelphia“ (samstags), eine mit den Charaktermimen David Morse und André Braugher besetzte Serie aus der Feder von David Koepp. Koepp zeichnet als Szenarist für Filme wie „Carlito’s Way“, „Panic Room“ und „Spider Man“ verantwortlich, legte „Hack“ jedoch weit weniger action-lastig an als seine Kinoarbeiten. Als Hauptfigur dient ihm ein früherer Kriminalbeamter, der sich im Dienst an Drogengeld vergriffen hat und nun als Taxifahrer arbeitet. Dabei stößt er immer wieder auf Klienten, die seiner Hilfe bedürfen. Zugleich hadert er mit seinem Entschluss, seinen gleich schuldigen Partner gedeckt zu haben. Während der vermeintlich unbescholten weiterhin im Beruf bleiben konnte und ein harmonisches Eheleben führt, ist Hacks Familie zerbrochen, das Verhältnis zur Ex-Frau und zum kleinen Sohn problembelastet. Ein Grübler, Suchender, Sünder als Protagonist – so eine Serie hat es natürlich nicht leicht zwischen selbstgerechten Egomanen wie Horatio Caine und seinesgleichen.

Auch „Practice – Die Anwälte“ (freitags) fand sich nicht mehr auf dem ausgedruckten Programmplatz. David E. Kelley, der Meister unter den Serienautoren und –produzenten, schuf mit dieser Anwaltsserie ursprünglich einen düsteren Gegenentwurf zu seinen heiteren Serien wie „Ally McBeal“. Bei der nunmehr von Kabel 1 gezeigten achten Staffel änderte sich der Tonfall; sie wurde mit Eintritt der Figur Alan Shore (James Spader) und Gaststars wie Sharon Stone peu á peu zum Vorspiel für „Boston Legal“, das dann wieder die von Kelley gewohnten spritzigen Wortgefechte, aktuellen politischen Bezüge, aberwitzigen Handlungsideen aufwies. Eins haben alle Kelley-Produktionen gemein: ein Herz für Außenseiter. Kelley machte das Tourette-Syndrom bereits bei „L.A. Law“ zum Thema, zu einer Zeit also, als viele Schlauberger noch nicht einmal wussten, wie man das schreibt. So wertvoll kann fiktionales Fernsehen sein.

RTL scheint gerade dem an sich recht schönen Show-Format „Let’s Dance“ den Garaus bereiten wollen. Das Original „Strictly Come Dancing“ stammt aus Großbritannien und gewinnt seinen Reiz aus einer gewissen Noblesse, was Kulisse, Kostüme und Auftreten aller Beteiligten anbelangt. Ursprünglich schien man bei RTL das Erfolgsrezept – das Format wurde in viele Länder verkauft – verstanden zu haben. Doch nun wurde mit Daniel Hartwich ein Komoderator berufen, der scheint’s glaubt, in die Fußstapfen Oliver Pochers treten zu müssen. Pocher hatte 2005 bei ProSieben durch eine einmalige Billigvariante dieser Show mit dem Titel „Das große ProSieben-Tanzturnier“ geführt und dabei ähnlich dümmlich-zotig agiert wie nunmehr auch Hartwich. Unklugerweise lassen sich andere Beteiligte wie der Juror Joachim „the man you love to hate“ Llambi auf dieses Niveau herunterziehen. Nichts gegen Anzüglichkeiten, aber gepflegt müssen sie sein. Und: Gegenstand dieser Tanz-Show ist es, Bewegungen und Bewegungsabläufe zu bewerten. Der Zuschauer kann daran kaum teilhaben, wenn die Tanzeinlagen in winzige Einheiten zerlegt werden. Hier sind keine Videoclip-Schnittfrequenzen im Schnellfeuerstil, sondern lange Einstellungen gefragt. Der RTL-Unterhaltungschef sollte dringend einige Mitwirkende zur Dienstbesprechung laden.

Immer noch sensationell: „Battlestar Galactica“, mittwochs im Programm von RTL II. Diese Neuauflage der klassischen Space-Opera aus den 70ern überragt das Original bei weitem. Hier lernt man mindestens so viel über Politik, Philosophie und Religion wie bei „Scobel“ und im „ZDF-nachtstudio“, nur wird der Stoff ungleich attraktiver und spannender aufbereitet. Ganz großes Fernsehen.

Es ist ja schön, dass das ZDF mit der Serie „Klimawechsel“ langsam wieder zu einem frecheren Tonfall findet, der dort einstens in Reihen wie „Express“ und „Notizen aus der Provinz“ durchaus ein Zuhause hatte. Und doch handelt es sich um reinstes Oberschichtenfernsehen über bevorteilte Menschen mit Luxusproblemen. Erwartbar, dass eine Kritikerkaste daran Gefallen findet, die sich gegenüber Minderprivilegierten bestenfalls paternalistisch, schlimmstenfalls grob abwertend äußert. Seltsam auch, dass nirgendwo die grässlich sterile Bildästhetik dieser Serie moniert wurde. Als der SFB seinerzeit ein paar „Tatort“-Folgen in diesem Stil drehen ließ, hagelte es Schimpfe von allen Seiten.

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