Twin Peaks revisited – Die Irrwege des Agent Cooper

Man kann die Neuauflage der Kultserie „Twin Peaks“ als subversiven Lausbubenstreich abfeiern. Man muss sie aber nicht kritiklos hinnehmen, nur weil sie in Teilen vom Cineastendarling David Lynch stammt. Eine programmhistorische Verortung der ersten beiden Staffeln und eine kritische Analyse der dritten (auf Basis der ersten zehn von insgesamt achtzehn Folgen) findet sich unter http://www.medienkorrespondenz.de/leitartikel/artikel/im-wolkenkuckucksheim.html

Aktualisierung: Die Quoten der linearen Ausstrahlung in den USA sind vereinzelt wieder gestiegen, in der Spitze waren es laut der Programmforschungsfirma Nielsen 329.000 Zuschauer. Mithin ein absolutes Nischenprodukt, das unter anderen Umständen bereits abgesetzt worden wäre. Zum Vergleich: Der Spartensender Syfy beendete „Dark Matter“, weil sie im Schnitt nur 614.000 Zuschauer erreichte. Und um diese einfallsreiche und spannende Serie – bei uns donnerstags bei Tele 5 – ist es wirklich schade. Netflix, jetzt aber ran!

 

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Erst gucken, dann rüffeln

Die TARDIS, das Reisemobil des Doctors, fotografiert in der „Doctor Who Experience“ in Cardiff. Copyright: Harald Keller.

Im „Tagesspiegel“ rüffelt die NDR-Redakteurin Sabine Holtgreve die britische Schauspielerin Jodie Whittaker, weil die den konservativen Fans der Serie „Doctor Who“, im Artikel falsch als „Dr. Who“ tituliert, nach dem Geschlechterwechsel der Hauptfigur mit diplomatischen Worten entgegenkam. „Ich denke“, schreibt Holtgreve, „Frauen vor der Kamera dürfen auch gern furchteinflößend, gefährlich und brutal sein, also richtig schlechte Vorbilder.“ – Genau in diesem Punkt wird Frau Holtgreve, die die Serie gar nicht zu kennen scheint, nirgendwo besser fündig als bei „Doctor Who“. Abgesehen vom Titelhelden sind dort seit langem die meisten wichtigen Rollen, von Schurkin bis Geheimdienstchefin, von Gut bis Böse und alle Schattierungen dazwischen, mit Frauen oder auch mit Charakteren undefinierbaren Geschlechts besetzt. Auch die gleichgeschlechtliche Liebe hat dort und im Ableger „Torchwood“ wie selbstverständlich ihren Platz. So weit ist der von Holtgreve betreute Kieler „Tatort“ trotz erkennbarer Bemühungen noch lange nicht.

Nachtrag: Ebenso kennt man bei der „SZ“ offenbar die Serien nicht, über die man sich im Kennerduktus äußert: „Auch in Großbritannien geht die Angst vor dem Verlust der Deutungshoheit um. Zum ersten Mal seit ihrer Erstausstrahlung 1963 wird die Hauptrolle im BBC-Klassiker Dr. Who von einer Frau besetzt.“

Für Laien: „Doctor“ wird in der besagten Serie als Name verwendet. Worauf dann gewohnheitsmäßig die Frage folgt: „Doctor who?“ Zu deutsch also: Welcher Doktor? Die Antwort: der Doktor. Nicht: der Dr.

Der erwähnte Artikel im „Tagesspiegel“ erschien in der Rubrik „Zu meinem ÄRGER“, in der es selbstredend stets um die Verfehlungen der anderen geht. Indes müssen sich Zeitungsleser ja häufiger ärgern – sicher, die meisten suchen sich ihre Informationen längst bei kompetenten Fachmedien im Internet –, gerade wenn es um die Geschichte und die Beurteilung von Fernsehserien geht. Die „F.A.Z.“ gab am 29.7.17 zum Besten: „Was und wer immer heute an seltsamen Zeitgenossen Serien und Filme im Fernsehen bevölkert, welche Tricks, Un- oder Übersinnlichkeiten die Handlung auch spicken: Mit ‚Twin Peaks‘ nahm es 1990 seinen Anfang.“ Hat denn dort niemand je „Twilight Zone“, „Mit Schirm, Charme und Melone“, „Thriller“ (die britische Serie, nicht den Videoclip), „Department S“, vor allem aber „Nummer sechs“ und „Der Nachtjäger“ gesehen? Natürlich ließe sich die Liste der „Twin Peaks“-Vorläufer noch um einiges fortsetzen.

Nach Meinung der Autoren ist „Twin Peaks“ die Serie, „mit der David Lynch und Mark Frost vor mehr als 25 Jahren das Fernsehen revolutionierten.“ Welche Revolution soll das sein? Lynch und Frost gelang es seinerzeit, nach anfänglichem Hype die Zuschauerschaft mit ihrem esoterischen Humbug regelrecht in die Flucht zu schlagen. Das Network ABC hatte den beiden Serienschaffenden großzügige Freiheiten gewährt, danach hielt man sich vorerst mit Experimenten zurück. Der Revitalisierung der Serie im Jahr 2017 erging es nicht besser. US-amerikanischen Branchenblättern zufolge wird die von Showtime beauftragte dritte „Twin Peaks“-Staffel im Schnitt von 300.000 Zuschauern gesehen. Setzt eine Revolution nicht eigentlich voraus, dass man Anhänger gewinnt, statt sie zu vergraulen?

Die „Schwarze Hütte“ – ein Wolkenkuckucksheim

Lesetipp:
Das Kalenderblatt verzeichnet den 10. Juni 1991. In der US-Senderkette ABC erlebt die von großer Publicity begleitete Fernsehserie „Twin Peaks“ ihr Finale. In der 31. Spielminute verspricht die auf Erden ermordete und in ein mystisches Zwischenreich, die „Schwarze Hütte“, aufgefahrene Laura Palmer (Sheryl Lee) dem ebenfalls in den Hort des Bösen verbannten FBI-Agenten Dale Cooper (Kyle MacLachlan): „I‘ll see you again in 25 years.“
Wertvolle Worte, denn der Werbeeffekt war enorm, als der US-Abonnementkanal Showtime im Oktober 2014 bekanntgab, die Serie „Twin Peaks“ wieder aufnehmen zu wollen. Da schadete es auch nicht, dass das hellsichtig vorweggenommene Wiedersehen erst 2017, also 26 Jahre später, stattfand. Im „Twin Peaks“-Universum ist Zeit ohnehin ein relativer Begriff.

Mehr dazu, über die Entstehung der Serie und ihre Wiedergeburt in der Printausgabe der aktuellen „Medienkorrespondenz“ unter der Überschrift „Im Wolkenkuckucksheim“, S. 7ff.

Die Regisseursliga von Twin Peaks

Hie, da und sonstwo wird gerade über die Frage spekuliert, ob „Das Geheimnis von Twin Peaks“ wohl auch ohne das Zutun von David Lynch fortsetzbar wäre. Weil’s eine müssige Debatte ist, keine Links, sondern kurz und ohne Klickschinderei beantwortet: Wieso nicht? Schon an den ersten Staffeln waren neben Lynch hochkarätige Regisseure wie Lesli Linka Glatter, Tim Hunter, Diane Keaton, Uli Edel, Caleb Deschanel beteiligt. Außerdem inszenierte Ko-Autor Mark Frost selbst. Der weiß schon, wie’s geht.

Noch einige Fun Facts zur Serie (aus „Kultserien und ihre Stars“, RORORO, 1999):

In den USA erreichte der „Twin Peaks“-Pilotfilm 35 Millionen Zuschauer (gleich 35 Prozent Marktanteil), in Deutschland sahen vier Millionen Zuschauer den Piloten [Anm.: am 10.9.1991 bei RTL, das damals noch RTLplus hieß], im Schnitt verfolgten cirka zwei Millionen Zuschauer die erste Staffel der Serie. Mit Sonderaufführungen, „Twin Peaks“-Partys und einem regelmäßigen Newsletter hatte RTLplus Presse und Publikum auf das Fernsehereignis einzustimmen versucht. (…)

Sat.1 versuchte sich als Spielverderber und verriet den Namen des Mörders via Videotext, tat damit dem Konkurrenten indes sogar einen Gefallen – die Zahl der Zuschauer erhöhte sich kurzzeitig auf 2,9 Millionen.

Mark Frost arbeitete vor seiner Zusammenarbeit mit David Lynch als ­story editor der Serie „Polizeirevier Hill Street“, für die er auch einige Drehbücher verfaßte.

Mark Frost und David Lynch ließen diverse Familienmitglieder an der Produktion teilhaben. Warren Frost, der Darsteller des Dr. Hayward, war der Vater des Autors; sein Bruder Scott steuerte einige Drehbücher bei und schrieb das Buch The Autobiography of FBI Special Agent Dale Cooper. David Lynchs Tochter Jennifer lancierte einen Bestseller mit „The Secret Diary of Laura Palmer“, von dem mehr als 600.000 Exemplare verkauft wurden. Weitere „Twin Peaks“-Merchandising-Produkte – alle von den eigens gegründeten Lynch/Frost Productions autorisiert – waren das Diktiergerät ›Diane‹, die von Kyle MacLachlan besprochene Hörspielkassette Diane … The Twin Peaks Tapes of Agent Cooper, die Nadine-Hurley-Augenklappe, T-Shirts mit Beschriftungen wie „I Killed Laura Palmer“, „Welcome to Twin Peaks“, „Call Me Bob“, „RR Diner“ und „Who Killed Laura Palmer?“, FBI-Kapuzenjacken und, neben den üblichen Schirmkappen, Kalendern und Soundtrack-Alben, auch eine Art Reiseführer mit dem Titel „Welcome to Twin Peaks – Access Guide to the Town“.

Besonderen Erfolg hatte „Twin Peaks“ in Japan. 1993 war die Serie bereits siebenmal wiederholt worden; vom Videopaket mit sämtlichen Episoden wurden, bei einem Stückpreis von etwa 1.000 Mark, binnen kurzem 45.000 Einheiten verkauft. Der Kinofilm „Twin Peaks: Fire Walk With Me“ startete in Japan noch vor der US-Premiere. Für die japanische Coca-Cola-Niederlassung drehte David Lynch eine Serie von Werbespots mit dem Original-„Twin Peaks“-Ensemble. In den vier im Abstand von zwei Monaten auf nahezu allen japanischen Kanälen ausgestrahlten, für ­andere Länder nicht freigegebenen Commercials suchte Agent Cooper in Twin Peaks nach einer verschollenen japanischen Touristin.

Zitate:

„Für mich ist die Serie wie ein kultureller Komposthaufen, bei dem jede Figur und jeder Schauspieler ein direktes oder indirektes Zitat darstellt.“ (Mark Frost)

„In einer Soap opera kann man auch den kleinsten Details noch große Aufmerksamkeit widmen. In ‚Twin Peaks‘ spielen Kaffee, Doughnuts und Kuchen eine wichtige Rolle.“ (David Lynch)

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