Tantiemen für Tony

Der geschmackvollste Late-Night-Moderator deutscher Zunge ist zurück: Vor, während und nach der Werbepause sang Harald Schmidt soeben „Polk Salad Annie“, im Original von Tony Joe White. Und wo hat man das gerade erst vor vier Tagen gehört? Beim „Electric Musicland“ in Restrup. Die alternative Tanzparty für Menschen mit gutem Geschmack …

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Schlecht genährte Gesellschaftsanalyse

Es zeigt sich abermals, dass die Beurteilung programmlicher Angebote des Fernsehens insofern doch besser Fachkräften überlassen bleiben sollte, als besagte Phänomene, wie dieser Artikel aus der „Frankfurter Rundschau“ exemplarisch belegt, des öfteren und neuerdings, so jedenfalls die persönliche Empfindung, immer häufiger zur Analyse gesellschaftspolitischer Vorgänge herangezogen werden. Und da kann es dann schon mal zu akuten Fehlsch(l)üssen kommen.

Die Autorin Elke Brüns etwa zieht rührig – und allerlei Unzusammengehöriges verrührend – gewisse Erscheinungen des Fernsehens zur Beweisführung heran, deren Wesen sie mutmaßlich nur über die einschlägige Berichterstattung vermittelt bekommen hat. Zum einen glaubt sie zu wissen, dass „Harald Schmidt den Begriff ‚Unterschichten-Fernsehen‘ und damit die Idee einer mediale [sic!] Klassengesellschaft populär gemacht“ hat. Ähnliches wurde einem ja schon häufiger aufgetischt und dabei zumeist vergessen, dass Harald Schmidt den Begriff „Unterschichtenfernsehen“ ironisch gebrauchte – an Manuel Andrack gerichtet fiel der Satz: „… als wir noch Unterschichtenfernsehen gemacht haben“. Der Gag, den man wie’s scheint erklären muss: Die zeitweilig von Feuilletonisten in aufdringlichster Manier vereinnahmte „Harald Schmidt Show“ war demnach „Unterschichtenfernsehen“. Womit natürlich die Snobs unter den Freunden dieser Show einen kräftigen Nasenstüber bekamen. Nur haben es viele gar nicht gemerkt.

Auch der zweite Ausflug von Elke Brün ins fernsehkritische Ressort zielt daneben. Aus der zwar nicht einsilbigen, aber doch sehr knappen Meldung, der NDR ziehe die Produktion eines Scripted-Reality-Formats in Betracht, wurde und wird auch hier wieder voreilig geschlossen, der öffentlich-rechtliche Sender wolle es den kommerziellen Anstalten und ihren nachmittäglichen Schräglagen-Programmen nachtun. „Scripted Reality“ ist aber zunächst mal eine Genrebezeichnung. Und wie bei jedem anderen Genre kommt es darauf an, was man daraus macht. So weit aber ist die Berichterstattung bislang gar nicht vorgedrungen. Die vermeintliche Skandalmeldung war den meisten schon Inhalt genug.

Davon mal ganz abgesehen: So ziemlich jeder Dokumentarfilm basiert darauf, Realität in einem Skript zu erfassen. Auch das Subgenre Doku-Soap wird mittlerweile per se verächtlich gemacht. Vor Jahren bekamen Doku-Soaps wie „Die Fussbroichs“ und „Abnehmen in Essen“ (ab 28.12. in der Wiederholung auf Einsplus, Staffel 2 auch auf DVD erhältlich) noch Grimme-Preise. Und das mit Recht.

Derweil zeigte gleich die nächste Ausgabe der „Rundschau“, wie sehr es  heutigentags an Fachwissen hapert: Da wurde auf der Medienseite behauptet, die „Tagesschau“ habe „einst mit nur einer Sendung am Tag“ begonnen. Selbst bis zu Wikipedia, das sich ansonsten nicht unbedingt als Quelle empfiehlt, hat sich herumgesprochen: Ursprünglich gab es nur alle zwei Tage eine neue Ausgabe. Und an den Abenden dazwischen eine Wiederholung.

Geruhsame Zeiten waren das …


Rückblick

Die Nominierungen zum diesjährigen Grimme-Preis wurden eben bekannt gemacht. Sie sind, allen populistischen Unkenrufen zum Trotz, Ausweis der großen Vielfalt und bemerkenswerten Qualitäten des deutschen Programmaufkommens. Mit einer Ausnahme: die Sektion Unterhaltung.

Die Klage über den Zustand der deutschen Fernsehunterhaltung mag inzwischen wie ein Ritual wirken, aber sie ist begründet, wie der Blick aufs Programmjahr 2009 neuerlich zeigt: Das Angebot erschöpfte sich weitgehend im Bewährten, oft in Form lizenzierter oder verkappter Übernahmen ausländischer Formatideen. In Deutschland blieben originäre Formatentwicklungen rar. Auf öffentlich-rechtlicher Seite zeigte allenfalls der MDR noch den Willen zur Eigenkreation. Bei den privaten Sendern war und ist Stefan Raab in dieser Hinsicht die dominierende Kraft. Und zwar in einem Maße, dass inzwischen das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Sachen Eurovision Songcontest bei Raab um Entwicklungshilfe nachsucht.

Und hier das Positive: Harald Schmidt hat seine Late-Night-Show, unter anderem durch Verjüngung des Teams, einer gelungenen Generalüberholung unterzogen. ProSieben vermochte mit der „TV total Bundestagswahl“ und „Sido geht wählen“ junge Zuschauer mit Erfolg an das Thema Politik heranzuführen. Mit „Der kleine Mann“ (ProSieben) gab es immerhin eine überzeugende Serie auf dem Gebiet der fiktionalen Unterhaltung. Und es entstanden neben der klassischen, kaum preiswürdigen Form abgefilmten Kabaretts einige satirische oder zumindest komische Sendungen, deren Urheber die spezifischen Mittel des Fernsehens zu nutzen wissen. Sendungen wie „Der schwarze Kanal“ im ZDF, „Deutschland von A-Z“ auf 3sat, „Broken Comedy bei ProSieben zeugen davon.

Davon sähe man – als einfacher Zuschauer gesprochen – im nächsten Jahr gerne mehr.

(Der Autor war Mitglied der Nominierungskommission Unterhaltung.)

Genuschelte Wahrheiten

Die Fernsehzeitschrift „Gong“ spekuliert in ihrer aktuellen Ausgabe (Nr. 48, S. 24f.) erneut über ein mögliches Vor- und Eindringen Günther Jauchs in das ARD-Programm und stellt spaßeshalber schon mal „Anne Will“ zur Disposition. Dazu hat neulich Harald Schmidt die passenden Worte gefunden, als er in seiner Scholl-Latour-Parodie den Namen „Günther Jauch“ und die Sentenz „den Feind ins Haus holen“ in einen sinnfälligen Zusammenhang nuschelte.