Erst gucken, dann rüffeln

Die TARDIS, das Reisemobil des Doctors, fotografiert in der „Doctor Who Experience“ in Cardiff. Copyright: Harald Keller.

Im „Tagesspiegel“ rüffelt die NDR-Redakteurin Sabine Holtgreve die britische Schauspielerin Jodie Whittaker, weil die den konservativen Fans der Serie „Doctor Who“, im Artikel falsch als „Dr. Who“ tituliert, nach dem Geschlechterwechsel der Hauptfigur mit diplomatischen Worten entgegenkam. „Ich denke“, schreibt Holtgreve, „Frauen vor der Kamera dürfen auch gern furchteinflößend, gefährlich und brutal sein, also richtig schlechte Vorbilder.“ – Genau in diesem Punkt wird Frau Holtgreve, die die Serie gar nicht zu kennen scheint, nirgendwo besser fündig als bei „Doctor Who“. Abgesehen vom Titelhelden sind dort seit langem die meisten wichtigen Rollen, von Schurkin bis Geheimdienstchefin, von Gut bis Böse und alle Schattierungen dazwischen, mit Frauen oder auch mit Charakteren undefinierbaren Geschlechts besetzt. Auch die gleichgeschlechtliche Liebe hat dort und im Ableger „Torchwood“ wie selbstverständlich ihren Platz. So weit ist der von Holtgreve betreute Kieler „Tatort“ trotz erkennbarer Bemühungen noch lange nicht.

Nachtrag: Ebenso kennt man bei der „SZ“ offenbar die Serien nicht, über die man sich im Kennerduktus äußert: „Auch in Großbritannien geht die Angst vor dem Verlust der Deutungshoheit um. Zum ersten Mal seit ihrer Erstausstrahlung 1963 wird die Hauptrolle im BBC-Klassiker Dr. Who von einer Frau besetzt.“

Für Laien: „Doctor“ wird in der besagten Serie als Name verwendet. Worauf dann gewohnheitsmäßig die Frage folgt: „Doctor who?“ Zu deutsch also: Welcher Doktor? Die Antwort: der Doktor. Nicht: der Dr.

Der erwähnte Artikel im „Tagesspiegel“ erschien in der Rubrik „Zu meinem ÄRGER“, in der es selbstredend stets um die Verfehlungen der anderen geht. Indes müssen sich Zeitungsleser ja häufiger ärgern – sicher, die meisten suchen sich ihre Informationen längst bei kompetenten Fachmedien im Internet –, gerade wenn es um die Geschichte und die Beurteilung von Fernsehserien geht. Die „F.A.Z.“ gab am 29.7.17 zum Besten: „Was und wer immer heute an seltsamen Zeitgenossen Serien und Filme im Fernsehen bevölkert, welche Tricks, Un- oder Übersinnlichkeiten die Handlung auch spicken: Mit ‚Twin Peaks‘ nahm es 1990 seinen Anfang.“ Hat denn dort niemand je „Twilight Zone“, „Mit Schirm, Charme und Melone“, „Thriller“ (die britische Serie, nicht den Videoclip), „Department S“, vor allem aber „Nummer sechs“ und „Der Nachtjäger“ gesehen? Natürlich ließe sich die Liste der „Twin Peaks“-Vorläufer noch um einiges fortsetzen.

Nach Meinung der Autoren ist „Twin Peaks“ die Serie, „mit der David Lynch und Mark Frost vor mehr als 25 Jahren das Fernsehen revolutionierten.“ Welche Revolution soll das sein? Lynch und Frost gelang es seinerzeit, nach anfänglichem Hype die Zuschauerschaft mit ihrem esoterischen Humbug regelrecht in die Flucht zu schlagen. Das Network ABC hatte den beiden Serienschaffenden großzügige Freiheiten gewährt, danach hielt man sich vorerst mit Experimenten zurück. Der Revitalisierung der Serie im Jahr 2017 erging es nicht besser. US-amerikanischen Branchenblättern zufolge wird die von Showtime beauftragte dritte „Twin Peaks“-Staffel im Schnitt von 300.000 Zuschauern gesehen. Setzt eine Revolution nicht eigentlich voraus, dass man Anhänger gewinnt, statt sie zu vergraulen?

Tanzstunden auf heiligem Boden

Die Briten stehen noch Schlange. Zum Beispiel beim Einlass vor dem Fernsehstudio im Norden Londons, in dem Anfang September 2015 die Auftaktsendung zur jüngsten Staffel von „Strictly Come Dancing“, in Deutschland bekannt als „Dancing With The Stars“, aufgezeichnet wurde. Die Reihe der diszipliniert Wartenden reichte halb um den gesamten Komplex. Für eine Besucherin war es zeitlich knapp geworden, sie tauschte in ihrem abseits geparkten, geräumigen SUV mit bewundernswerter Geschmeidigkeit das Business-Kostüm gegen elegante Abendgarderobe und legte etwas auffälligeres Makeup auf. Das habe ich selbstredend nicht fotografiert. Man ist ja Gentleman. Im selben Studio wurden übrigens auch schon „Star Wars“ und, in der hinteren Backsteinhalle, Guy Ritchies „Sherlock Holmes“-Filme sowie zahlreiche britische Serienklassiker wie „Mit Schirm, Charme und Melone“ gedreht. Heiliger Boden, sozusagen.

Copyright: Harald Keller (Fotoqualität reduziert)

Copyright: Harald Keller (Fotoqualität reduziert)

Stilbewusst + schlagfertig + sophisticated = Steed

Zum Abschied von Patrick Macnee ein Auszug aus „Kultserien und ihre Stars“ (1996):

Ob Catsuits, Leggins oder kniehohe Stiefel – nahezu alle modischen Verstiegenheiten der Neunziger scheinen inspiriert von den Kostümen einer der besten aller Fernsehserien, die je transmittiert wurden: THE AVENGERS, in Deutschland bekannt unter dem gern und oft variierten, sogar von einem US-Fanzine übernommenen Titel MIT SCHIRM, CHARME UND MELONE. Die praktische Nahkampfkleidung, eine wahre Augenweide für Lederfetischisten, geht zurück auf den Modeschöpfer Michael Whittaker. Er entwarf die Garderobe für Cathy Gale, John Steeds erste Partnerin. Deren Darstellerin Honor Blackman war Kradmelderin gewesen, konnte mit Waffen umgehen und benötigte als geübte Judosportlerin kein Double, um ihre Widersacher auf den Boden der Tatsachen zu zwingen. Sie sah in der Figur der Cathy Gale die »erste Feministin in einer Fernsehserie, die erste Frau, die zurückschlägt«. Seit 1962 bildete sie ein Team mit Patrick Macnee, der zunächst an der Seite des ursprünglichen Hauptdarstellers Ian Hendry gegen kriminelle Elemente unterschiedlichster Couleur vorgegangen war. Beide Herren trugen zumeist ordinären Trenchcoat. Erst nach Ian Hendrys Ausscheiden entwickelten die AVENGERS-Autoren jene Charakteristika, die die Serie zum Kultobjekt erhoben und am trefflichsten mit dem angelsächsischen Begriff sophisticated beschrieben sind: skurrile Plots, exzentrische Figuren und immer wieder Bösewichte der Megaklasse, die zumeist nichts Geringeres als die Weltherrschaft anstrebten. Unvergessen ist der von Christopher Lee gespielte mordende Roboter, immer noch präsent sind die kratzbürstigen Killerkatzen, der nebulöse Unsichtbare und die ziemlich abgehobenen Venusianer.

Honor Blackman verließ 1964 die Produktion, um sich ihrer Filmkarriere zu widmen – sie spielte unter anderem die Pussy Galore in dem James-Bond-Abenteuer GOLDFINGER (GB 1964) –, und machte damit Pläne für einen aufwendigen AVENGERS-Kinofilm sowie eine Musicalversion zunichte. Die Produzenten taten sich sehr schwer, eine Darstellerin zu finden, die dem Namen der neuen Serienfigur Emma Peel – eine Paraphrase auf man appeal – gerecht zu werden vermochte. Durch Zufall wurde man auf die 28jährige Diana Rigg aufmerksam, eine Theaterschauspielerin aus den Reihen der Royal Shakespeare Company. Sie harmonierte glänzend mit Patrick Macnee – die optisch so gegensätzlichen Figuren, der distinguierte, scheinbar alterslose Eton-Absolvent John Steed und die geschmeidige Karatelady Emma Peel, formierten sich zum Traumpaar, auch hinter der Kamera, denn die berühmten tongue-in-cheek-Dialoge schrieben sich die beiden Darsteller mit Einwilligung der Serienautoren großenteils selbst. Die Zwiegespräche des ungleichen Gespanns waren ebenso maßgeschneidert wie Steeds elegante Anzüge; sie machten den besonderen Reiz der Serie aus und wurden von Kritikern mit den pointierten Wortgefechten Myrna Loys und William Powells in den DÜNNER-MANN-Filmen verglichen.

Der 1922 geborene Patrick Macnee hatte ursprünglich gezögert, den Part des John Steed anzunehmen. Er konnte bereits auf eine ansehnliche Filmographie zurückblicken, darunter einige Hollywood-Western. Zurück in England, wechselte er das Metier und betätigte sich als Produzent. Für das Fernsehen erstellte er eine Dokumentarserie nach den Memoiren Winston Churchills. Zwar reizte ihn das Angebot, neben Ian Hendry die zweite Nebenrolle in einer Krimiserie zu übernehmen. Andererseits hätte sich das Engagement aber kaum mit seiner neuen Profession in Einklang bringen lassen. Macnee ließ das Schicksal entscheiden: Er verlangte eine für damalige Verhältnisse unverschämt hohe Gage. Zu seiner grenzenlosen Verwunderung wurde sie ihm gewährt. Im weiteren zeigte sich, daß er in seiner neuen Dauerstellung die schauspielerische Arbeit mit der inhaltlichen verbinden konnte. So gehen der noble Gentleman-Look – die Ausführung oblag Pierre Cardin – und der kultivierte Habitus des stilbewußten John Steed maßgeblich auf Macnees Vorschläge zurück.

Steeds neue Begleiterin hatte weichere Gesichtszüge als die etwas herbe Cathy Gale und konnte sehr charmant sein, aber das war Camouflage – per Handkantenschlag wurden ganze Gesichtszüge komplett neu formatiert, sofern sich deren Inhaber tätlicher Angriffe nicht enthalten mochten. Emmas von John Bates kreierte Kleidung verwies auf den Cathy-Gale-Stil, war aber mit ihren körperbetonenden Schnitten deutlich moderner. Von vornherein plante man den Engrosverkauf der AVENGERS-Kollektion, die erstmals im August 1965 im Rahmen einer Modenschau der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Ab 1967 wurde die Serie in Farbe gedreht; aus diesem Anlaß bekam Emma ein neues, feminineres Outfit, für das Alan Hughes verantwortlich zeichnete.

Nach der fünften Staffel reichte auch Diana Rigg 1968 ihren Abschied ein. Ihr letzter Auftritt wurde mit einer zweiteiligen Episode und einer auch kalte Herzen anrührenden Abschiedsszene gleichsam zelebriert – Emmas letzte Worte an Steed lauteten im Original: »Always keep your bowler on in times of stress and watch out for diabolical masterminds.«

Farewell, Mr. Macnee. Thank you for the pleasure.