Die alte Mär von der sommerlichen Programmflaute

(c) Harald Keller

Müssen sich deutsche Fernsehteilnehmer im Sommer ihr Programm selber zusammenfilmen?

Bezieher einer guten Fernsehzeitschrift dürften überrascht sein über folgende Mitteilung des Berliner „Tagesspiegels“: „… die klassischen Fernsehprogramme zeigen in der warmen Jahreszeit traditionell eher Wiederholungen. Denn die Sender, die zu einem festgelegten Termin ausstrahlen, vermeiden den Start einer neuen Serie oder die Erstausstrahlung eines erfolgreichen Films in den Ferienmonaten.“

Beschränken wir uns auf das Thema Serie. Wenn wir mal durch die Programme der Monate Juli und August blättern, finden wir unter anderem:

From Dusk Till Dawn – Die Serie“, RTL Nitro, neue Serie

Z Nation“, RTL II, neue Folgen

Rosewood“, Kabel 1, neue Serie

New Blood“ – Tod in London“, ZDF, neue Serie

No Offence“, ZDFneo, neue Folgen

Vera – Ein ganz spezieller Fall“, ZDFneo, neue Folgen

Doctor Who“, One, neue Folgen

Family Guy“, ProSieben, neue Folgen

The Flash“, ProSieben, neue Folgen

Gotham“, ProSieben, neue Folgen

Legends of Tomorrow“, ProSieben, neue Folgen

Supergirl“, ProSieben, neue Folgen

In the Club“, One, neue Folgen

New Tricks“, Servus TV/ZDFneo, neue Serie (zumindest für Deutschland)

Candice Renoir“, ZDFneo, neue Folgen

Monday Mornings“, Super RTL, neue Serie

Vikings“, ProSieben Maxx, neue Folgen

Pure Genius“, ProSieben, neue Serie

This is Us – Das ist Leben“, ProSieben, neue Serie

Code Black“, ProSieben, neue Serie

Empire“, Pro Sieben, neue Folgen

How to Get Away with Murder“, Vox, neue Folgen

Dark Matter“, Tele 5, neue Serie

Profiling Paris“, Sat.1, neue Folgen

Die Toten von Turin“, Arte, neue Folgen

Orange is the New Black“, ZDFneo, neue Folgen

The Originals“, Sixx, neue Folgen

Scream Queens“, Sixx, neue Serie

Father Brown“, ZDFneo, neue Folgen

The Fosters“, Disney Channel, neue Folgen

Chicago Med“, Vox, neue Serie

Chicago Fire“, Vox, neue Folgen

Chicago P.D.“, Vox, neue Folgen

Aus dieser unvollständigen Liste ergibt sich von selbst, dass eine weitere im besagten Artikel erhobene These nicht so ganz stimmen kann. Dort heißt es: „Die Streamingdienste wagen sich an komplexe und kontroverse Themen, während bei den deutschen Sendern im Sommer die leichte Kost geboten wird.“

Um hier nicht allzu viele Informationen zu verschenken, nur ein paar Hinweise: In „The Fosters“ wird unter anderem deutlich Kritik am US-amerikanischen Adoptionssystem geübt. Auch geht es um sexuelle Selbstfindung unter Jugendlichen einschließlich des Entschlusses, als Transgender zu leben. „Monday Mornings“ macht unter anderem Ärztepfusch zum Thema, „New Blood“ verbrecherische Menschenversuche europäischer Pharmakonzerne. Empfohlen sei noch die BBC-Serie „In the Club“ über eine Gruppe schwangerer Frauen und ihre Angehörigen. Einige leben in prekären Verhältnissen, ein lesbisches Paar muss Vorurteile und die Abwendung des aus einer früheren Ehe stammenden Sohnes bewältigen. Selbst die zunächst locker-leicht wirkende Krimiserie „Rosewood“ traut sich mitunter an existentielle Fragen. Zum Thema „Dark Matter“ siehe hier url9.de/Yt1.

Mit anderen Worten: Man kommt auch ohne Streaming-Dienste und Heimvideos ganz gut über den Sommer.

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Gewissensfragen

Mit der nach belgischem Vorbild entstandenen US-Serie „Containment“ zeigt ProSieben eine spannenden, aktuelle Fragen ansprechende Melange aus Wissenschaftsthriller, Krimi und Fortsetzungs-Melodram.

Wenn internationale Errungenschaften auf dem Gebiet des seriellen Erzählens angesprochen werden, bleiben die Benelux-Länder regelmäßig ausgeklammert. Zu Unrecht. Mit „Dunkle Wasser“, 2005 vom WDR ausgestrahlt, gab es dort schon 2001, also sechs Jahre vor „Kommissarin Lund“, eine Serie, die ausschließlich einem Kriminalfall gewidmet war. „Mevrouw de minister“ nahm 2002 thematisch die dänische Serie „Borgen“ vorweg.

In Belgien tragen Steuersparmodelle und regionale Förderungen dazu bei, dass regelmäßig hochwertige Kino- und TV-Produktionen entstehen, die oftmals international Beachtung finden. So beispielsweise 2012 der Oscar-Kandidat „The Broken Circle“. Der dort am Drehbuch beteiligte Carl Joos schuf zwei Jahre später die TV-Serie „Cordon“, einen Wissenschafts-Thriller in zehn Episoden, der von einem Virenausbruch in Antwerpen erzählt.

Bitte weiterlesen unter http://www.fr-online.de/tatort-spezial/-containment—prosieben-mit-der-epidemie-kommt-der-zerfall,20719658,34826948,view,asFirstTeaser.html

Verunfallte Vergleiche

Zur TV-Serie „The 100“ (ProSieben) findet sich eine bemerkenswerte Beobachtung auf „Süddeutsche.de“. Die beauftragte Autorin urteilt: „Insgesamt erinnert vieles in The 100 an bereits Dagewesenes: die Hierarchien, die sich unter den Jugendlichen bilden, aktuell an die Science-Fiction-Serie Between (Netflix) (…)“

Nun hatte „Between“ am 25. Mai 2015 Premiere, „The 100“ aber bereits am 19. März 2014. Und das als Vorlage dienende Buch circa ein halbes Jahr vorher. Soviel zum Thema „Dagewesenes“ und zum Thema verunfallte Vergleiche. Nur der Vollständigkeit halber, für die paar Leser, die es gern etwas genauer wissen möchten: „Between“ wurde von einer kanadischen Produktionsfirma entwickelt. Netflix stieg als Ko-Finanzier ein und erhielt dafür die Rechte zur Verwertung außerhalb Kanadas. Nach zwölf Monaten Frist darf Netflix dann auch in Kanada streamen.

In ihrem Autorenprofil vermeldet die Verursacherin der oben zitierten Zeilen, sie schreibe „über alles, was ihr so in den Sinn kommt“. Nun denn …

Kinder, die vom Himmel fielen

Sie sind alle unter achtzehn Jahren alt, haben ihr bisheriges Leben unter klaustrophobischen Verhältnissen in einer streng reglementierten Gesellschaft und teilweise in Jugendhaft verbracht. Keiner hat je Sonnenstrahlen auf der Haut gespürt oder einen Wald gesehen. Jetzt werden sie über der Erde abgeworfen und von einem Moment auf den anderen der Natur ausgesetzt. Kein Wunder, dass die Gefühle mit ihnen durchgehen.

Die US-Serie „The 100“ spielt siebenundneunzig Jahre nach der atomaren Apokalypse. Draußen im Orbit haben ein paar Menschen überlebt, in Raumstationen von zwölf verschiedenen Ländern. Die Satelliten wurden gekoppelt und bilden jetzt die „Arche“. Die Ressourcen sind begrenzt, auch deshalb gilt schon bei kleinsten Vergehen die Todesstrafe. Je weniger Bewohner, desto länger reichen Luft und Lebensmittel.

Erst in hundert Jahren soll die Erdoberfläche wieder bewohnbar sein. Doch so lange wird die „Arche“ nicht durchhalten. Nur eine kleine Gruppe aus der Führungsschicht weiß davon, aber die Lebenserhaltungssysteme der Raumstation sind erschöpft.

Hier geht es weiter: http://url9.de/WFa

Qualitätszeitungsjournalismus in seiner schönsten Form

Nicht schön von der Kombizeitung „Frankfurter Rundschau“/“Berliner Zeitung“, der Netzgemeinde die jüngsten Gedankenblitze des Qualitätszeitungsjournalisten Jan Freitag vorzuenthalten, wie sie am Freitag, 20.7., zumindest in der Printausgabe der „Rundschau“ zu lesen waren. Schon der erste Satz – ein Hammer, eine Granate, ein echter Freitag: „Doppelnamen treiben oft seltsame Blüten.“ Großartig.

Über kurz oder lang, nein, recht eigentlich doch über lang lief die Ouvertüre auf ein Porträt des Moderators Klaas Heufer-Umlauf hinaus. Bestechend wiederum ist Freitags Erfolgsanalyse. Demnach hat Heufer-Umlauf „vor allem Erfolg, weil Moderation im Team boomt – Gottschalk & Hunziker, Schmidt & Andrack und die Siez-freunde [sic!] Netzer & Delling haben es in den vergangenen Jahren vorgemacht.“ In Sachen Boom nicht zu vergessen: Maria & Margot Hellwig, Marianne & Michael, Frank Elstner & Ranga Yogeshwar. Wenn schon hinkende, fast schon einbeinige Vergleiche, dann doch bitte richtig.

Fachwissen verlangt ja heute keiner mehr. Dennoch, man hätte sich zu der neuen ProSieben-Show natürlich auch mal mit der Vorbildfunktion des britischen Moderatorenteams Ant & Dec befassen und vergleichsweise die von den Comedy-Genies Ricky Gervais und Stephen Merchant („The Office“ alias „Stromberg“; „Extras“) mit Karl Pilkington als Protagonisten realisierte Show „An Idiot Abroad“ in Augenschein nehmen können. Eine der von Gervais und Merchant dem Akteur Pilkington zugemessene Aufgabe bestand darin, einen professionellen Wrestling-Kampf zu absolvieren. Was musste Joko in „Joko gegen Klaas“ verrichten? Sich von einer mexikanischen Ringerin auf die Matte werfen lassen. Was für ein Zufall.

Am Freitag wusste Freitag noch zu berichten, dass Klaas Heufer-Umlauf beinahe, unter Umständen, so Gott gewollte hätte und wenn alles ganz anders gekommen wäre, gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Joko Winterscheidt eventuell die Moderation von „Wetten, dass …?“ übernommen hätte. „…das mit dem Samstagabend hätte klappen können“, fabuliert Jan Freitag zum Thema. Stattdessen bekamen Joko & Klaas die Sendereihe „Joko gegen Klaas – Duell um die Welt“. Eine Samstagabend-Show, Beginn 20.15 Uhr, Sendezeit zirka dreieinhalb Stunden. Scheint also doch irgendwie geklappt zu haben mit dem Samstagabend.

Jan Freitag hat es dann doch noch rechtzeitig gemerkt und für den „Kölner Stadt-Anzeiger“ eine Rezension verfasst. Und der garstige Klaas Heufer-Umlauf brachte es scheint’s fertig, Freitags Zuneigung von Freitag auf Samstag leichtsinnig zu verspielen. In der „Rundschau“ hieß es noch: „Der ganze Typ: unwiderstehlich!“ Im „Kölner-Stadtanzeiger“ dann wird Heufer-Umlauf zu einer von zwei „wohlfrisierten Vorzeigegören des Kommerzfernsehens“. Man kann es diesen Feuilletonfürsten aber auch einfach nicht recht machen.

Witzige Wahrheiten

ProSieben könnte seinen Zuschauern und sich einen ungeheuer großen Gefallen erweisen, indem man sich an die selbst ausgegebenen Anfangszeiten hielte. Am heutigen 7.11. beispielsweise war „The Big Bang Theory“ für 14:25 Uhr annonciert, begann aber gut zehn Minuten früher. Leider kein Einzelfall, wie Eduard Zimmermann selig zu sagen pflegte. Eine ideale Strategie, um Zuschauer dauerhaft zu vergraulen.

Dennoch sei „The Big Bang Theory“ hier ausdrücklich und wärmstens empfohlen (morgen noch mal um 5:35 Uhr, nach meiner persönlichen Wahrscheinlichkeitstheorie aber eher schon um 5:25 Uhr, ansonsten immer samstags kurz nach 14:00 Uhr). Vor allem rückt „The Big Bang Theory“ die Maßstäbe all jener gerade, die allen Ernstes deutsches Humorgut wie „Türkisch für Anfänger“ oder „Doctor’s Diary“ für witzig halten. Aber nicht jedermann ist willens, seinen Gradmesser justieren zu lassen. Um die Worte Dr. Sheldon Coopers aus der Folge „Das Cooper-Nowitzki-Theorem“ zu zitieren: „Die Wahrheit kann ein Finger im Hals derer sein, die nicht darauf vorbereitet sind, sie zu hören.“

Hat man je einen solch schlauen Satz in einer deutschen Sitcom gehört?