Überdosis Sauerkraut

Das öffentliche Staunen über den ausbleibenden Publikumserfolg der RTL-Fernsehserie „Deutschland 83“ nährte Medienredaktionen und verwandte Fächer bis weit über das Finale des Achtteilers, das am 17. Dezember die Handlung mit der vorläufigen Rettung der Welt vorerst abschloss. Die Spekulationen über die mangelnde Nachfrage reichten hierhin und dorthin, nur das eigene Metier, die programmbegleitende Publizistik, stand außer Diskussion.
Die publizistischen Wellen waren bereits hochgeschwappt, nachdem zwei Folgen der Serie bei den Berliner Filmfestspielen im Frühjahr 2015 gezeigt worden waren. Zwei Folgen von acht, und trotzdem waren sich viele Betrachter, die dem Ereignis beiwohnen durften, sicher, hier ein großes Werk gesehen zu haben.
Die Berichterstatter blieben dieser Tendenz in den folgenden Monaten treu und stellten sich sogar beflissen in den Dienst der Sache. Immerzu gab es etwas zu melden; die Presseabteilung des Produktionsunternehmens Ufa Fiction sorgte kräftig für Nachschub. Großes Getöse erzeugten ausgewählte, weil wohlwollende US-amerikanische Kritiken, der Verkauf der Serie in die USA und der Umstand, dass sie dort sogar vor der Deutschland-Premiere gezeigt werden würde.

Das Märchen vom US-Erfolg

Die Presseartikel folgten oftmals sehr eng den Verlautbarungen der Herstellerfirma und den nicht wenigen Stellungnahmen und Interviewaussagen des fleißig werbetrommelnden Produzenten Nico Hofmann. Immer wieder war davon die Rede, „Deutschland 83“ sei in den USA mit Erfolg aufgeführt worden, mit „großem Erfolg“ gar. Bild.de tönte gewohnt reißerisch: „In den USA ist die Serie ‚Deutschland 83‘ jetzt schon ein Riesen-Erfolg!“
Der Redakteur eines Tageblatts beantwortete einen korrigierenden Hinweis sinngemäß mit den Worten: Nico Hofmann hat das aber so gesagt! Nico Hofmann – in den Augen deutscher Journalisten unanfechtbar? Ein Pate? Gar schon Papst?
Selbst der über „Deutschland 83“ deutlich skeptischer urteilende FAZ-Redakteur Jochen Hieber munkelte in seiner Rezension vom 26.11.2016 von einem „ferne[n] Erfolg“ und nobilierte nebenbei den ausstrahlenden Sender SundanceTV mit dem Hinweis, dieser sei „Mitte der neunziger Jahre von Robert Redford gegründet“ worden. Tatsächlich war die Sendergründung Ergebnis eines Joint Ventures. Redford war eine der treibenden Kräfte und firmierte in der Anfangszeit als „Creative Director“. Der heutige SundanceTV ist ein kleiner Spartensender mit geringer Reichweite. Dort brachte es „Deutschland 83“, in der Spätschiene ausgestrahlt im Original mit englischen Untertiteln, zum Auftakt auf 66.000 Zuschauer. Die höchste Reichweite lag bei 143.000 Zuschauern.
Im Gros wurde die Berichterstattung in Deutschland bestimmt von eilfertig weitergereichtem PR-Geplapper und sogar von Falschmeldungen wie der, wonach „Deutschland 83“ die erste je in die USA verkaufte deutsche Serie gewesen sei. Man mag gar nicht glauben, dass den vielen Redakteuren, die zur Streuung dieses von der dpa stammenden Humbugs beitrugen, der Fehler nicht aufgefallen sein soll. War es der Wunsch, von dem vermeintlich sensationellen Gehalt der Meldung zu profitieren? Wollte man der Serie durch diese Lügengeschichte aufhelfen?

Aus egozentrischer Perspektive geurteilt

Als dann zum Sendestart in Deutschland nur wenige Zuschauer einschalteten und die Quoten sogar von Folge zu Folge sanken, reagierten die Claqueure mit Entsetzen. In der Medienkolumne „Altpapier“ vom 21.12.2015 notierte Frank Lübberding beiläufig: „Dabei hatte diese Serie alles, was Kritikern ansonsten gefällt.“ Problem benannt, aber offenbar nicht erkannt.
In ihren Jubelarien und Lobeshymnen hatten „die Kritiker“, viele davon Vertreter einer ahistorisch und ohne nachvollziehbare Kriterien, oft auch nach überkommenen, mehr an einer theatralischen als filmischen Ästhetik orientierten Maßstäben urteilenden Berufsuntergruppe, die RTL-Produktion mit hochrangigen Serien wie „Breaking Bad“, dem US-Remake von „House of Cards“, „Mad Men“ verglichen. Und egozentrisch ihr eigenes Sehverhalten auf das große Fernsehpublikum projiziert. Ein eklatanter Fehlschluss: All diese Importserien hatten in Deutschland kaum Zuspruch gefunden. „Mad Men“ wurde sogar im Herkunftsland nur von einer winzigen Minorität goutiert und blieb dort nur aus Prestigegründen im Programm. Einem breiten Publikum – der sich im Überschwang verlierende Chor reichte vom Intelligenzblatt über die Web-Publizistik bis zur Lokalzeitung – wurde folglich etwas angepriesen, was ihm schon vorher nicht zugesagt hatte. Und das auch noch mit einer fragwürdigen Rhetorik, die bei echten, langjährigen Serienfans nur Argwohn wecken konnte.
Verstiegene Übertreibungen wie die, „Deutschland 83“ sei das deutsche „Homeland“, befeuerten dieses Misstrauen. Einige typische Zitate:
„(…) die wohl beste Serie, die RTL jemals in Auftrag gegeben hat“ (Bild.de)
„(…) die erste Folge der besten deutschen Serie circa seit Menschengedenken“ (Zeit.de)
„(…) setzt neue Erzählstandards für das deutsche Fernsehen“ (Spiegel.Online)
Es konnte kaum anders geschehen: Die Premiere ging über die Bühne – und der Kaiser war nackt. Eine unglaubwürdige Exposition, eine seltsam mäandernde Handlung ohne innere Spannung, blasse Charaktere ohne Bezugspunkte für den Betrachter, eine reizlose Inszenierung auf gewöhnlichem TV-Film-Niveau, absurde Intermezzi wie jenes mit der mordlüsternen Chinesin, Schauspieler mit Plakattafelmimik – seht her, ich bin ein ostdeutscher Stasi-Fiesling!
Auf der Web-Seite des Berliner „Tagesspiegel“ schrieb ein Zuschauer am 10. Dezember unter anderem: „Ich habe mich wirklich darauf gefreut – und wurde maßlos enttäuscht. Bei der ersten Doppelfolge bin ich fast eingeschlafen. Es hat mich einfach nicht gepackt.“ Ein anderer monierte mit gleichem Datum: „Man merkt stets und immer, dass man sich innerhalb einer Serie befindet. Schlechte, teilweise grottenschlechte, hölzerne und getriebene Dialoge.“

Man glaubt es nicht

Diese Kritiken haben durchaus ihre Bewandtnis und es verwundert, dass eine große Zahl von Rezensenten großzügig über die erkennbaren Schwächen von „Deutschland 83“ hinweg sah oder aber als typisch amerikanische Lockerheit – die Ideengeberin Anna Winger ist US-Amerikanerin – ins Positive wendete.
Schon die Exposition musste aufmerksame Betrachter irritieren. „Deutschland 83“ erzählt eingangs von dem jungen DDR-Grenzsoldaten Martin Rauch (Jonas Nay), dessen Tante Lenora (Maria Schrader) ihn im Jahr 1983 zu einer Spionageaktion im Westen nötigt. Der etwa gleichaltrige Braunschweiger Oberleutnant Moritz Stamm soll in den Stab des NATO-Generals Wolfgang Edel (Ulrich Noethen) eintreten, wird aber auf dem Weg zum Standort Daun in der Eifel ermordet. An seiner Stelle beginnt Rauch, der dem Toten ein wenig ähnlich sieht, den Dienst bei Edel.
Rauch alias Stamm erhält quasi über Nacht eine Kompaktausbildung als Spion. Die reicht als Vorbereitung nicht aus, denn vorschnell in die Praxis entlassen, kann er keine westliche Telefonanlage bedienen, ist von Speisekarten und den Usancen in bundesdeutschen Hotels überfordert. Andererseits findet sich der etwas linkische Twen in der komplexen Institution Bundeswehr offenbar intuitiv zurecht. Die systemeigene Sprache, Dienstränge, Verhaltensweisen, Rituale – alles kein Problem.
Der gesamte Plan als solcher kann nicht überzeugen. Denn aus dem sozialen oder familiären Umfeld des ermordeten echten Moritz Stamm müsste nur mal eine Person Kontakt suchen und der Schwindler wäre aufgeflogen. In einer Folge kommt es tatsächlich zu einem derartigen Vorfall, der aber eher en passant und unglaubwürdig aufgelöst wird.
Unwahrscheinlich, dass die DDR-Auslandsaufklärung eine solche Panne mutwillig riskiert hätte. Zumal, und hier wird es nun endgültig absurd, der falsche Stamm im Umfeld von Generalmajor Edel mit Oberstleutnant Karl Kramer (Godehard Giese) bereits einen weiteren DDR-Spion antrifft. Der verfügt über einen hieb- und stichfesten Lebenslauf und genießt das Vertrauen Edels – eine erstklassige Quelle für seine Auftraggeber in der DDR, die durch den Amateur Rauch unnötig in Gefahr gebracht wird.

Von Nervenkitzel keine Spur

So lassen sich Folge für Folge gravierende Brüche in der Handlungslogik belegen. Über die könnte man buchstäblich hinwegsehen, wenn denn die Serie mit ausgemachten Nervenkitzel zu fesseln vermöchte. Die Spannungstechnik jedoch beschränkt sich zumeist darauf, den Agenten Stamm in eine Situation zu bringen, in der er von plötzlicher Entdeckung bedroht ist. Nicht nur nutzen sich diese Szenen sehr bald ab, sie wirken schlechterdings nicht: würde Stamm enttarnt, käme die Serie ja nicht auf acht Folgen.
Der von manchen Rezensenten angestellte Vergleich mit der US-Thrillerserie „Homeland“ ist entsprechend grotesk. Mal abgesehen vom Umstand, dass die jüngste Staffel von „Homeland“ inhaltlich so aktuell und brisant ist, wie es nur eben geht – nach den Pariser Terroranschlägen sahen sich die Produzenten sogar genötigt, per vorangestellter Einblendung auf den rein fiktionalen Charakter der Serie hinzuweisen –, wird dort sehr geschickt mit unterschiedlichen Spannungsfaktoren gearbeitet. Manche der zumeist gut ausgeloteten Figuren treiben mit Wissen des Zuschauers doppeltes Spiel, andere bleiben rätselhaft, Absichten werden angedeutet, dann wieder unterlaufen, vermeintlich absehbare Entwicklungen erfahren unerwartete Wendungen. „Deutschland 83“ mit seinen vorwiegend eindeutigen Charakteren kam dem nicht ansatzweise nahe.
Um nochmals eine Zuschauerstimme von der Web-Seite des „Tagesspiegels“ zu zitieren: „Deutschland 83 ist einfach langweilig. Ich sitze davor und merke, dass es mir eigentlich egal ist, wie es weitergeht.“

Eine überdimensionierte Portion Hausmannskost

Bei einer ernsthaften, von Sentiment ungetrübten Betrachtung kann es überhaupt nicht verwundern, dass die Serie Folge um Folge an Zuschauern verlor. Und das war augenscheinlich auch anderswo der Fall. Auf dem Web-Portal Internet Movie Database können angemeldete Nutzer ihre Punktwertungen abgeben. Die Auftaktfolge von „Deutschland 83“ wurde 140-mal beurteilt. Danach nehmen die Stimmen pro Folge – mit einer Ausnahme – kontinuierlich ab; bei der Schlussepisode „Able Archer“ votierten nur noch 58 Stimmberechtigte.
John Anderson vom „Wall Street Journal“ (11. Juni 2015) hatte es kommen sehen: „It’s certainly entertaining and well-done but, based on the first two chapters, the viewers are going to have to swallow quite a large helping of implausible sauerkraut to attain their suspension of disbelief.“
Sagen wir‘s mal so: Spätestens nach der dritten Folge war selbst gutwilligen Betrachtern der Appetit auf dieses saure Kraut vergangen.

Roboterjournalismus

Jetzt ist es wohl soweit. Bei der Nachrichtenagentur dpa werden die Texte nunmehr von Robotern verantwortet. Wie anders wäre ein Beitrag vom 16. Juni zu erklären, der in vielerlei Medien, etwa von Süddeutsche.de, augenscheinlich ungeprüft übernommen wurde? Dort heißt es unter anderem: „Das deutsche Fernsehen lebt von amerikanischen Serien, deren Qualität von peinlich bis exzellent reicht, aber eine deutsche Serie hat es noch nie ins gelobte Land des Fernsehens geschafft.“ Der Satz zielt auf „Deutschland 83“, eine RTL-Produktion, die – da haben die beteiligten PR-Strategen ganze Arbeit geleistet – bereits umfassend in den Feuilletons vertreten war und allerlei Rumoren veranlasste, ehe auch nur der erste Trailer über die Mattscheibe geflimmert ist.

Was an dieser Aussage falsch ist, verrät die „Medienkorrespondenz“ unter http://www.medienkorrespondenz.de/ansichten-sachen/artikel/fernsehserientexte-von-dpa-oder-wir-sind-dienbsproboter.html

Blackout in der Programmgeschichtsschreibung

Die Hauptakteure v.l.n.r.: Tarik (Kaan Sahan), Nils (Tom Gramenz), Charlie (Sinje Irslinger), Dajana (Stephanie Amarell) und Patrizia (Luise Beford).Foto: WDR/Evang

In der April-Ausgabe der WDR-Hauszeitschrift „print“ widmet sich die Redaktion ausführlich der Jugendserie „Armands Geheimnis“, die am Karfreitag gestartet ist und mit jeweils mehreren Folgen übers Oster-Wochenende in den Morgenstunden ausgestrahlt wird. Ein weitgehend gelungenes Produkt, fortlaufend und mit zahlreichen Rückblenden auch diskontinuierlich erzählt. Diese Darreichungsform veranlasst den „Print“-Autor im Gespräch mit der WDR-Redakteurin Brigitta Mühlenbeck zu einer verwegenen Formulierung: „Das Serien-Event wird erstmalig ‚horizontal‘ erzählt.“

Weithin kursiert die Behauptung, das horizontale, wahlweise epische serielle Erzählen sei erst mit den „Sopranos“ entstanden; oftmals ist in diesem Zusammenhang von einer „Revolution“ die Rede. Ein moderner Medienmythos – siehe beispielsweise hier – ohne jede sachliche Grundlage. Denn natürlich hat es fortgesetzte Erzählungen und übrigens auch das Amt des sogenannten „Showrunners“ schon sehr viel früher gegeben – selbst in Deutschland. Im Jugendbereich beispielsweise die Arbeiten des jüngst verstorbenen Berengar Pfahl wie „Jerusalem, Jerusalem“ (1979), „Tanja“ (1997-2000) und andere. Schon der ersten Generation, die mit dem jungen Medium Fernsehen aufwuchs, waren demnach die sogenannten Cliffhanger nicht fremd. Dafür sorgte unter anderem Justus Pfaue mit Mehrteilern wie „Patrik Pacard“ (1984). Im Bereich der Familienserie beherrschte Heinz Oskar Wuttig das Metier der epischen Erzählung. In „Salto Mortale – Die Geschichte einer Artistenfamilie“ schickte er 1969 achtzehn Folgen lang einen Zirkus durch ganz Europa. Episodisch, aber auch mit übergreifenden Handlungssträngen in großer Ensemblebesetzung erzählt. Höchst modern also. Das ZDF pflegte lange die sozialkritische Serie mit Titeln wie „Familie Mack verändert sich“ (1969), „Alles Gute, Köhler“ (1973), „Unser Walter“ (1974).

Der Beispiele wären noch viele. Auch RTL-Zuschauern ist die Fortsetzungserzählung nicht fremd. Dort gab es die modernisierte Neuauflage von „Auf der Flucht“, die in der RTL-Version „Eine Frau wird gejagt“ hieß und eine weibliche Hauptfigur (Nicola Tiggeler) um den Beweis ihrer Unschuld ringen ließ. Ein ganz anderes Thema hatte „Bruder Esel“, die vom Hauptdarsteller Dieter Pfaff angeregte Erzählung um einen Franziskanerpater, der das Klosterleben der Liebe wegen aufgibt.

Man muss vielleicht auch einmal daran erinnern, dass das deutsche Publikum bis heute nicht gerade nach Fortsetzungs-Thrillern giert. Sat.1 bekam dies 2006 mit der ambitionierten, bis in die Nebenrollen exzellent besetzten Serie „Blackout – Die Erinnerung ist tödlich“ schmerzlich zu spüren. Die Publikumsverweigerung wiederholte sich im Jahre darauf beim „NYPD Blue“- und „Homicide – Life On The Streets“-Remix des ZDF namens „KDD – Kriminaldauerdienst“ und schließlich 2010 in der ARD bei „Im Angesicht des Verbrechens“.

Die deutschen Sender wären mithin gut beraten, ihre absurde „Me too“-Haltung aufzugeben, mit der sie sich Epigonentum attestieren, statt die eigenen Traditionen und Leistungen herauszustellen. Nicht nur unter dem Gesichtspunkt einer klügeren Öffentlichkeitsarbeit. Zugleich könnte auf diese Weise den in Print und Web umgehenden, teils grotesk in die Irre führenden, dennoch fortwährend reproduzierten Darstellungen zur Geschichte des seriellen Erzählens zumindest ansatzweise begegnet werden. Im Sinne des angestammten Bildungsauftrags, der auch die Programmhistorie des eigenen Mediums einschließt.

 

Das schwächere Hausarztmodell

Dr. med. Adam Schmidt (Lukas Gregorowicz) ist angestellter Arzt in der Kiezpraxis von Frau Dr. med. Eva Schmidt (Julia Hartmann); die beiden sind weder verwandt noch liiert. Aber das kann ja noch werden. Nicht zuletzt deshalb spielt Adam Schmidt seinem Nebenbuhler Imre Bohm (Florian Jahr) gern mal einen bösen Streich. Die Animosität hat allerdings noch einen anderen, schwerer wiegenden Grund: Adam Schmidt verlor seine Stellung in einer Klinik, weil ihm ein Behandlungsfehler zur Last gelegt wurde, den tatsächlich Imre Bohm zu verantworten hatte. Nur steht der nicht zu seinem Tun, sondern spottet sogar noch über den geschassten Kollegen.

Die Hausärztin Eva Schmidt kennt diesen Sachverhalt nicht, hält ihren Namensvetter aber trotz besagter Vorgeschichte für einen guten Arzt und bietet ihm daher Beschäftigung. Ihm blieb wenig anderes, als die Offerte zu akzeptieren. Leicht macht er es seiner Arbeitgeberin freilich nicht. Die findet ihren Kollegen schon mal nach durchzechter Nacht mit der Kanüle im Arm im vermüllten Behandlungszimmer. Der tätowierte, rauchende und eher arbeitsscheue T-Shirt-Mediziner weigert sich, einen weißen Kittel zu tragen; vor allem mangelt es ihm am nötigen Feingefühl. Eines aber beherrscht er gut: Die noch zarte Beziehung zwischen Eva Schmidt und Imre Bohm zu sabotieren.

Weiter geht es hier. Oder in der Printausgabe der „Funkkorrespondenz“.

Leistungsvergleich – Ein Service für den Deutschen Fernsehpreis

Wenn in den USA Fernsehpreise für adaptierte Serien- oder Unterhaltungsformate vergeben werden, steht völlig außer Frage, dass auch der Original-Urheber genannt wird. Geht eine Auszeichnung an einen Schauspieler oder ein anderes Stabmitglied einer adaptierten Serie, dann richten die Geehrten nicht selten Dankesworte an den oder die Urheber. So beispielsweise geschehen bei „The Office“. In Deutschland aber hört man nur selten die Namen der beiden Fernsehschaffenden Ricky Gervais (Buch und Hauptrolle) und Stephen Merchant (Buch), wenn von „Stromberg“ die Rede ist. Tatsächlich wurde das Vorbild von ProSieben anfangs sogar komplett unterschlagen, bis die BBC von sich hören ließ und auf die unübersehbaren Übereinstimmungen hinwies.

Aktuell wiederholt sich der Kasus. Für einen deutschen Fernsehpreis wurde in der Kategorie „Beste Serie“ auch die RTL-Sitcom „Christine – perfekt war gestern“ nominiert. Die Web-Seite des Fernsehpreises verzeichnet als Headautoren Marko Lucht und Markus Barth. Nicht erwähnt wird Kari Lizer – die Formaturheberin und Autorin des US-Originals „The New Adventures of Old Christine“. RTL nennt das Vorbild korrekt in seinen Credits, beim Deutschen Fernsehpreis scheint man nicht in der Lage oder nicht willens, die wichtigste Figur im Bereich Urheberschaft zu ermitteln. Dies wäre indes angebracht, nicht nur, weil das Format übernommen wurde. Ein Vergleich der Auftaktfolgen beider Serien macht deutlich, dass die deutschen Autoren in hohem Maße von der Arbeit ihrer US-Kollegin profitierten:

The New Adventures of Old Christine“ (dt. Synchronfassung):

Nacht. Innen. Der Wecker zeigt 2.33 Uhr. Christine (Julia Louis-Dreyfus) wacht auf, greift zum Telefon: „Hi. Ich bin‘s. Nachricht an mich selbst. Ein paar Kleinigkeiten: Ritchie Kleingeld mitgeben für einen Snack, Milch besorgen, Wein besorgen, rausfinden, woher der Gestank im Wohnzimmer kommt (…).“

Christine – perfekt war gestern“:

Nacht. Innen. Der Wecker zeigt 2.33 Uhr. Christine (Diana Amft) greift zum Telefon. „Hallo Christine, hier ist Christine. Also du … also ich … weißt schon. Nachricht an mich selbst. Nicht vergessen: Milch kaufen, Wein kaufen, Tom dieses komische Hunde-Computerspiel kaufen (…).“ Sie legt auf, greift erneut zum Telefon: „Herausfinden, was im Wohnzimmer so komisch riecht.“

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The New Adventures of Old Christine“ (dt. Synchronfassung):

Tag. Innen. Christine, ihr Sohn Ritchie und ihr Bruder Matthew.

Christine: „Wir reden gerade über Ritchies neue Schule. Darüber, wie toll das wird. Wisst ihr, die haben eine brandneue Turnhalle. Und die bieten Musikworkshops an, haben ein Riesenphysiklabor …“

Matthew: … und eine fette Mauer, damit der Pöbel nicht reinkommt?“

Christine – perfekt war gestern“:

Tag. Innen. Christine, ihr Sohn Tom, ihr Bruder Max.

Christine zu Tom: „Überleg mal, was du da alles hast. Du hast da Schlagzeugunterricht und ein Schwimmbad um die Ecke …“

Max: „… eine riesige Mauer, um die armen Leute fernzuhalten …“

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The New Adventures of Old Christine“ (dt. Synchronfassung):

Tag. Innen. Ritchies neue Schule. Christine, Ritchie, weitere Schüler.

Christine lobt Interieur und Ausstattung. Ritchie: „Wo sind die schwarzen Kinder?“

Christine: „Schscht!“

Christine – perfekt war gestern“:

Tag. Innen. Max‘ neue Schule. Christine, Max, weitere Schüler.

Christine lobt Interieur und Ausstattung. Max: „Wo sind überhaupt die Türkenkinder?“

Christine: „Psst!“

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The New Adventures of Old Christine“ (dt. Synchronfassung):

Tag. Aussen. Christine ertappt ihren Ex-Mann Richard (Clark Gregg) beim Knutschen mit seiner neuen, deutlich jüngeren Freundin im Auto vor Ritchies neuer Schule.

Richard: „Christine – das ist Christine.“

Die neue Christine: „Hi, Christine. Ich weiß, derselbe Name. Sie können mich Chrissie nennen, dann ist es nicht so verwirrend.“

Die alte Christine: „Ja, danke. Aber ich glaube nicht, dass die Gefahr besteht, dass mich mein eigener Name verwirrt.“

Christine – perfekt war gestern“:

Tag. Aussen. Christine ertappt ihren Ex-Mann Stefan (Janek Rieke) beim Knutschen mit seiner neuen, deutlich jüngeren Freundin im Auto vor Max‘ neuer Schule.

Stefan: „Christine – das ist Christine.“

Die neue Christine: „Hi, Christine. Ich weiß, selber Name. Sie können mich Chrissie nennen, damit es nicht so verwirrend ist.“

Die alte Christine: „Danke. Das ist total nett. Aber ich glaube nicht, dass mein eigener Name mich verwirrt.“

Die Aufzählung verwandter und identischer Szenen ließe sich fortsetzen. In Zusammenhang mit der Vergabe eines Fernsehpreises stellt sich natürlich auch die Frage der Fairness. Ist es nicht die größere Leistung, ein komplett neues Serienformat zu entwickeln und mit dem nötigen Personal auszustatten, als auf vorhandene Entwürfe zurückzugreifen und bei der Übersetzung ein paar Anpassungen an deutsche Verhältnisse vorzunehmen?

Das gleiche Probleme stellt sich nebenbei auf dem Gebiet der Unterhaltung. Inhaltliche Aspekte mal beiseite gelassen, war die Nominierung von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ für einen Grimme-Preis schon allein deshalb fragwürdig, weil die Mehrzahl der nennenswerten Leistungen von den britischen Urhebern erbracht werden. Ausgenommen die deutschen Moderationsskripte, die Moderationsleistung und die Wahl der Kandidaten. Bei nur drei von RTL verantworteten Gewerken scheint es aber wenig legitim, die Gesamtproduktion zu ehren, da es die Statuten des Grimme-Preises nicht zulassen, die ausländischen Mitwirkenden, mithin die eigentlichen Urheber, zu prämieren. Dies nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass beim Grimme-Preis Produktionen unberücksichtigt blieben, die von der Idee bis zur Ausführung in Deutschland hergestellt wurden.

Schön wäre es, wenn sich zumindest beim Deutschen Fernsehpreis das Leistungsprinzip durchsetzen würde.

Die Gottschalk-Zweitverwertung: Thommi als Cartoon-Held

Da ja nun verschiedentlich spekuliert wurde, Thomas Gottschalk sei auf dem besten – oder besser: weiter abwärts führenden – Wege zu einer Reality-Show, könnte RTL glatt auf den Gedanken kommen, ein acht Jahre altes ZDF-Format wieder aufzuwärmen. „Gottschalk zieht ein“ hieß es und zeigte den Show-Moderator als Teilzeit-Ersatzvater durchschnittlich-gewöhnlicher Familien, während der echte Vater in den Urlaub entlassen wurde. Man nehme den damaligen Arbeitstitel „Hilfe, Gottschalk zieht ein!“ und lasse einfach die Kamera laufen, wenn es los geht mit den Proben zu „Deutschland sucht den Superstar“. Hinterher in der Nachbearbeitung legt man den Protagonisten die lustigsten Sachen in den Mund und spielt ein bisschen mit der Bildtechnik: verzerrte Gesichter, Kulleraugen, heraushängende Zunge – Cartoonstil, man kennt das. Das wird ein Hammer, wie es Herr Bohlen wohl ausdrücken würde.

Spielerwechsel der Woche

Eine weitere Wechsel-Wirkung ist die Mitteilung der F.A.Z., dass sich Thomas Gottschalk bislang „als dezidiert öffentlich-rechtlichen Unterhaltungskünstler bezeichnet“ habe. „Bezeichnet“, wohlgemerkt, nicht etwa „verstanden“. Gottschalk bezeichnete auch schon Michael Haneke als „jungen Regisseur“ und verlegte die NS-Zeit in die 1950er. Man sollte also nicht allzu viel auf das geben, was dem blondesten Moderator deutscher Zunge alles über die Lippen kommt.

Die Kommentare zu diesem jüngsten Spielertransfer rangieren zwischen Kummer und Bestürzung und das kann eigentlich nur zwei Gründe haben, von denen jeder zu bedauern wäre: Entweder treiben die Autoren Mimikry und nehmen in „Bild“-Manier die vermutete Haltung ihrer Leser ein, oder sie verfügen über keinerlei programmgeschichtliche Kenntnisse.

Denn abermals sei daran erinnert, dass Gottschalk nicht zum ersten Mal für RTL tätig wird. Seinerzeit versuchte die Redaktion seiner so genannten „Late Night Show“ die Publikumszahlen zu mehren, indem regelmäßig Sex-Sternchen und Porno-Diven eingeladen wurden. Denen begegnete Gottschalk mit ausgemachter Schlüpfrigkeit. Als zum Beispiel die Schauspielerin Zara Whites bei ihm zu Gast war, deutete Gottschalk auf deren markantes Muttermal nahe der Unterlippe und äußerte sinngemäß: Da weiß man gleich, wo man hin muss.

Man könnte also mal fragen, ob Gottschalk nicht vielleicht ganz bei sich selbst sein wird, wenn er künftig im Wettstreit mit Dieter Bohlen Äußerlichkeiten kommentieren und Sexismen absondern darf. Außerdem muss er in seinem neuen Wirkungsfeld keine Interviews vorbereiten, nichts wissen, nichts können. Viel Spaß beim „Supertalent“.