Die Gottschalk-Zweitverwertung: Thommi als Cartoon-Held

Da ja nun verschiedentlich spekuliert wurde, Thomas Gottschalk sei auf dem besten – oder besser: weiter abwärts führenden – Wege zu einer Reality-Show, könnte RTL glatt auf den Gedanken kommen, ein acht Jahre altes ZDF-Format wieder aufzuwärmen. „Gottschalk zieht ein“ hieß es und zeigte den Show-Moderator als Teilzeit-Ersatzvater durchschnittlich-gewöhnlicher Familien, während der echte Vater in den Urlaub entlassen wurde. Man nehme den damaligen Arbeitstitel „Hilfe, Gottschalk zieht ein!“ und lasse einfach die Kamera laufen, wenn es los geht mit den Proben zu „Deutschland sucht den Superstar“. Hinterher in der Nachbearbeitung legt man den Protagonisten die lustigsten Sachen in den Mund und spielt ein bisschen mit der Bildtechnik: verzerrte Gesichter, Kulleraugen, heraushängende Zunge – Cartoonstil, man kennt das. Das wird ein Hammer, wie es Herr Bohlen wohl ausdrücken würde.

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Spielerwechsel der Woche

Eine weitere Wechsel-Wirkung ist die Mitteilung der F.A.Z., dass sich Thomas Gottschalk bislang „als dezidiert öffentlich-rechtlichen Unterhaltungskünstler bezeichnet“ habe. „Bezeichnet“, wohlgemerkt, nicht etwa „verstanden“. Gottschalk bezeichnete auch schon Michael Haneke als „jungen Regisseur“ und verlegte die NS-Zeit in die 1950er. Man sollte also nicht allzu viel auf das geben, was dem blondesten Moderator deutscher Zunge alles über die Lippen kommt.

Die Kommentare zu diesem jüngsten Spielertransfer rangieren zwischen Kummer und Bestürzung und das kann eigentlich nur zwei Gründe haben, von denen jeder zu bedauern wäre: Entweder treiben die Autoren Mimikry und nehmen in „Bild“-Manier die vermutete Haltung ihrer Leser ein, oder sie verfügen über keinerlei programmgeschichtliche Kenntnisse.

Denn abermals sei daran erinnert, dass Gottschalk nicht zum ersten Mal für RTL tätig wird. Seinerzeit versuchte die Redaktion seiner so genannten „Late Night Show“ die Publikumszahlen zu mehren, indem regelmäßig Sex-Sternchen und Porno-Diven eingeladen wurden. Denen begegnete Gottschalk mit ausgemachter Schlüpfrigkeit. Als zum Beispiel die Schauspielerin Zara Whites bei ihm zu Gast war, deutete Gottschalk auf deren markantes Muttermal nahe der Unterlippe und äußerte sinngemäß: Da weiß man gleich, wo man hin muss.

Man könnte also mal fragen, ob Gottschalk nicht vielleicht ganz bei sich selbst sein wird, wenn er künftig im Wettstreit mit Dieter Bohlen Äußerlichkeiten kommentieren und Sexismen absondern darf. Außerdem muss er in seinem neuen Wirkungsfeld keine Interviews vorbereiten, nichts wissen, nichts können. Viel Spaß beim „Supertalent“.

 

Stuckrad folgt Gottschalk

Bei der Durchsicht des Medienechos auf Benjamin von Stuckrad-Barres Entscheidung, sich künftig statt über ZDFneo über den Spartensender Tele 5 zu verbreiten, wird des öfteren das Stirnrunzeln der ausführenden Autoren erahnbar. Doch wäre zu bedenken: Auch der trotz eklatanter Fehlleistungen und unverbrüchlich demonstrierter Hybris noch immer mit Ruhm bekleckerte und gerade zum zweiten Mal in seiner Karriere bei RTL untergeschlüpfte Thomas Gottschalk hat sich doch lange Zeit bei Tele 5 ein schönes Zubrot verdient. Gottschalks damalige Sendung bei RTL übrigens trug den Titel „Gottschalk täglich“. Und funktionierte auch nicht. Was sie wiederum mit „Stuckrad Late Night“ gemeinsam hat. ZDFneo also darf sich freuen über einen frei gewordenen Sendeplatz, der künftig sinnvoller genutzt werden kann. Es gäbe zum Beispiel noch so viele exzellente und bislang nicht in Deutschland gezeigte britische und US-amerikanische Serien …

Der Politiker des Herzens

Zu Ehren von Rainer Langhans, der sich am heutigen Samstagabend seiner ersten Dschungelprüfung ausgesetzt sieht, wurde der folgende Textauszug aus dem Archiv gekramt. Der Beitrag in voller Länge erschien vor zehn Jahren auf der Medienseite der „Frankfurter Rundschau“, zu einer Zeit also, als man dort noch in dichtem Turnus substanzielle Mitteilungen finden konnte.

(…)

Das Rebellionsjahr 1968 war fernsehgeschichtlich kein Scheidepunkt. Mode, Popmusik, neue Darstellungsformen rückten peu á peu ins Abendprogramm vor, aber das Gedankengut der 68er-Bewegung wurde erst im Verlauf der 70er kenntlich, unter anderem in den ab der Jahrzehntmitte prosperierenden Talkshows. Bei Radio Bremens „III nach 9“ beispielsweise ließ die Sitzordnung geänderte Verhältnisse erkennen. Moderatoren und Gäste saßen inmitten des Saalpublikums, das sich spontan an den Diskussionen beteiligen konnte. Sehr viel Privates wurde hier verhandelt, anfangs mit Erkenntnis-, später immer häufiger mit merkantilem Interesse. Erinnern wir uns an Sina Aline Geißler, die Muse aller heutigen Bekenntnis-Talkshows, die sich in Büchern wie „Immer, wenn ich mich verführe. Weibliche Selbstbefriedigung – ein Tabu wird gebrochen“ ein Tabu nach dem anderen vornahm und es mitleidlos zwischen ihren masturbationsgestählten Fingern zerrieb, um mit den gewonnenen Erkenntnissen recht einträglich von einer Talkshow zur anderen zu ziehen.

Vom gleichen Schlage ist der unverändert als Talkshow-Nomade umherschweifende und lebenslänglich mit 1968 assoziierte Rainer Langhans, inzwischen laut eigener Definition ein „Politiker des Herzens“, was wortgetreu auch von Zlatko Trpkovski stammen könnte, der zwar nicht als Sieger, aber als Gewinner aus der ersten „Big Brother“-Staffel hervorging. In mancherlei Hinsicht scheint zwischen 68ern und 99ern ein seltsames Einverständnis zu herrschen. Wenn Rainer Langhans dem ‚Focus‘ diktiert: „Die Love Parade will genau das, was die Kommune 1 propagierte: ein gutes Leben, alle lieben können – aber vor allem sich selbst“, dann ist die Haltung der Zlatko-Generation markig, aber bündig beschrieben und der Bogen zu ’68 geschlagen.

Und die Verbindung steht: Vorbehaltslos und vollends ungeniert hat sich das derzeitige Unterhaltungsfernsehen Entwürfe und Errungenschaften einverleibt, die im Jahr des Aufbruchs bestenfalls als ideologische Splitter, farbliche Sprenkel und in Form kleinerer Befreiungen auf den Bildschirm gelangten. Wer die Jahre nach ’68 wenngleich im pubertären Taumel und gelegentlichen Drogennebel, insgesamt jedoch halbwegs bewusst erlebte, erinnerte angesichts von „Big Brother“ unwillkürlich die vielfältigen Versuche alternativen Lebens in Großstadt-WGs und Landkommunen. Vereinzelt wurden freie Formen der Sexualität erprobt, wenn auch selten so radikal wie im „Girlscamp“ (Sat.1), wo sich zehn Frauen einen Mann teilen sollten. Selbst Rainer Langhans muss sich in seinem Harem mit weniger begnügen.

Alltäglicher als Sexkommunen waren Arbeitskollektive – Kneipen, Tischlereien, Druckereien, deren Produktionsmittel im Besitz der Belegschaft blieben. RTL II machte aus diesem Modell „to club“ und begleitete eine Gruppe Jugendlicher bei ihren Bemühungen, gemeinschaftlich einen Club – kleine Übersetzunghilfe: Beatschuppen bzw. Diskothek – zu eröffnen und zu betreiben. Wie manch eine der alternativen Firmen ging auch diese Sendereihe schmählich unter. Deshalb spricht man von Reality TV.

Die gleichfalls im Zuge der 68er-Bewegung unternommenen Bestrebungen, Strukturen und Strategien der Unterhaltungskonzerne transparent zu machen, erfüllen sich endlich in einer Reihe wie „Popstars“, die in desillusionierender Deutlichkeit zeigt, wie eine Popgruppe gemacht und zum Erfolg getrieben wird. Und mag auch Thomas Gottschalk im Schutze einer kunstvoll zerschlissenen Lederjacke beklagen, dass früher alles besser war: Schon Gruppen wie die Monkees, Archies oder Wombles entstanden in der Retorte, und selbst die Beatles wurden der besseren Vermarktbarkeit wegen in einheitliche Anzüge gepresst.

In der zeitweilig für den Import vorgesehenen niederländischen Reihe „De Bus“ bildete sich das hippieske Nomadentum ab, die Idee eines freien Lebens im Stammesverbund, aber „on the road“ nach Maßgabe Jack Kerouacs, Ken Keseys und der Merry Pranksters. Weniger Privilegierte sparten damals auf einen gebrauchten VW-Bulli und kreuzten in den Ferien durch die Niederlande, durch Italien, Irland. Oder notfalls auch einfach nur durch Schleswig-Holstein.

Das Wirken der Gammler und Spaßguerilleros von ’68 und der behämten Fernseh-WGs scheint in einem aufs Selbe hinauszulaufen: „Moralische Panik entsteht als Reaktion auf eine ständige Bedrohung der dominanten Moral. Sie ist ein Zeichen dafür, dass die gesellschaftlichen Normen und Werte grundlegend vom Objekt der moralischen Panik herausgefordert werden.“ Diese Passage gilt mitnichten dem ungehörigen Betragen der jugendlichen Außenseiter von ’68, sondern stammt aus dem Resümee des Buches „Im Auge der Kamera. Das Fernsehereignis Big Brother“ (Vistas Verlag, Berlin 2000). Wer heute gegen die Vorgängergeneration löcken will, geht nicht mehr auf die Straße, sondern zieht in den „Big Brother“-Laufstall oder lässt sich für „Gestrandet“ (RTL II) auf einer unbewohnten Insel aussetzen. Prompt regt sich aus Sorge um die öffentliche Moral kräftiger und freudvoll aufgenommener Widerspruch. Den einen oder anderen Gegner der fernsehöffentlichen Entprivatisierung treibt womöglich der Ärger darüber, an diesem provokatorischen Spaß aus Altersgründen nicht mehr teilhaben zu können.

 

Alterserscheinungen

Das ZDF sieht bekanntlich keine Not, bei „Wetten, dass …?“ verbessernd einzugreifen. Ihr Unternehmensberater hätte da mal vier aus einer noch nicht restlos ermittelten Anzahl möglicher Gründe für einschlägige Veranlassungen:

Hugh Grant: „I didn’t understand any of that.“

Wettkandidat Detlef: „Ich verstehe dich grad nicht.“

Nora Tschirner: „Worum geht’s denn?“

Nora Tschirner: „Tschirner.“ (Nachdem Gottschalk sie nur mit Nora angesprochen hatte und den Eindruck erweckte, ihren Nachnamen vergessen zu haben.)

Kaufmännisch meint nicht käuflich

Das NDR-Medienmagazin „Zapp“ widmete sich in der Ausgabe vom 6.12.2009 und weiterführend hier der Krise der Zeitungsbranche. Neben anderen Akteuren wurde der Unternehmensberater Michael Rzesnitzek befragt, der den Verlegern mit kaufmännischen Binsenweisheiten kam: „Sie müssen etwas anbieten, was zwei Aspekte erfüllt. A – Es muss jemand haben wollen und es muss jemand bereit sein, dafür zu bezahlen. Und B – Ich darf es nirgendwo anders bekommen. Und genau in diese Art von (…) Journalismus muss ich eben investieren.“

Es ist zugegebenermaßen eine zweischneidige Angelegenheit, journalistische Leistungen auf einen Warencharakter zu reduzieren, kann aber durchaus zu fruchtbaren Anstößen führen. Befassen wir uns in unserer heutigen Lesesitzung mit Punkt B. Rzesnitzeks Hinweis gilt zum einen im Großen: Man kann vom Leser nicht erwarten, dass er für einen Text bezahlt, den er vielleicht schon anderswo bekommen hat. Frei im Internet, in seiner Zweitzeitung oder in der kostenlosen Werbepostille, die sich ebenfalls bei den üblichen Nachrichtenagenturen bedient.

Rzesnitzeks Merksatz, den Auszubildende des kaufmännischen Bereichs bereits in der Berufsschule vermittelt bekommen, betrifft aber ebenso das Handwerk des Einzelnen. Wenn ein Text auf Basis einer Agenturmeldung oder auch einer Pressemitteilung entsteht, dann kann man davon ausgehen, dass zumindest engagierte Leser – „Gesamtleser“, wie es früher in der „Titanic“ hieß – die nackten Fakten bereits kennen. Zur verkäuflichen Ware wird ein solcher Text erst durch die eigene Zutat, das Surplus. Sei es inhaltlicher, stilistischer oder sonstiger Natur. Denn viele Pressemitteilungen stehen im originalen Wortlaut frei im Internet oder werden dort weiterverbreitet – siehe die vielen Kinoportale, die anstelle eigener Filmbesprechungen die jeweiligen Verleihtexte übernehmen. Natürlich ohne diese Herkunft transparent zu machen.

Alles eigentlich so banal, dass es kaum erwähnenswert erscheint. Und doch finden sich immer häufiger Übernahmen aus Pressemitteilungen sogar in Texten bedeutender Nachrichtenagenturen, gestandener Redakteure und erst recht bei freien (Jung-)Journalisten. Und zwar ohne Nachrecherche, ohne dass die Quelle kenntlich gemacht wird.

Wo die Alten schon sündigen, können die Jungen kein Unrechtsbewusstsein entwickeln. Versucht man dem Nachwuchs ein paar Grundprinzipien des Journalismus nahezubringen – von Ethik wollen wir gar nicht erst anfangen -, blickt man in verständnislose Gesichter. Ein zartes Glimmen der Erkenntnis scheint auf, wenn man der Jungschar erläutert, dass man sich beim Kauf eines Autos doch auch nicht auf den Prospekt des Herstellers verlässt, sondern lieber einen neutral erstellten, objektiven Testbericht heranzieht. Dieser neutrale Testbericht – das ist die journalistische Leistung.

Genug abstrahiert, werden wir handfest. Ein schlagendes Argument gegen die unreflektierte Verwendung von Pressematerial liegt nämlich auch darin, dass Presseveröfffentlichungen keine Gewähr für Richtigkeit bieten. Ein noch frisches Beispiel aus dem Metier der Bildschirmbeobachtung: Am Sonntag versandte das ZDF wie üblich eine Digitaldepesche, um die Quoten der „Wetten, dass …?“-Sendung vom vergangenen Samstag unters Volk zu streuen und säumige Zuschauer mit den „besten Sprüchen des Abends“ zu versorgen. In der Eile aber waren den Protokollanten ein paar Fehler unterlaufen. Zwei Beispiele:

Pressemitteilung: „Ein Bär und Hugh Grant buhlen um die Zuneigung von Jennifer Aniston.“

Originalwortlaut Gottschalk: „Ein Bär und ein Hugh Grant buhlen um die Zuneigung von Jessica Parker.“ (Anmerkung: Jennifer Aniston spielt im angesprochenen Film gar nicht mit; und die gemeinte Schauspielerin heißt korrekt Sarah Jessica Parker.)

Pressemitteilung: „So sieht die Lakritzschnecke von Günther Jauch auch aus. Der ist sehr sparsam. Die Kinder dürfen jeden Tag ein bisschen abbeißen.“

Originalwortlaut Gottschalk: „So sieht der Adventskalender von Günther Jauch aus. Der ist ja sehr sparsam mit seinen Kindern. Die dürfen jeden Tag ein bisschen abbeißen. Und Weihnachten gibt’s den Rest.“

Petitessen!, wird manch eine/r einwerfen. Und erweist sich eben damit bereits als Teil des Problems.