Per Vorschlaghammer ins Gruselkabinett

Nach außen – das bedeutet in erster Linie: im Kreise der Kolleginnen – zeichnet die Logopädin Lisa (Veerle Baetens) ein Bild von sich, das der bürgerlichen Normalität entspricht. Sie ist verheiratet, hat soeben mit ihrem Mann eine neue Wohnung gefunden. All das nimmt sie sehr in Anspruch, für gemeinsame Unternehmungen bleibt kaum Zeit.

Aber ihre Blicke, im Bus nach Hause auf ein küssendes Paar gerichtet, verraten  widersprüchliche Gefühle und deuten auf eine gewisse weltliche Entfremdung. Die öffentliche Lisa und die wahre Lisa sind nicht deckungsgleich. Den Ehemann gibt es nicht; Lisa ist Einzelgängerin, Außenseiterin. Der Grund dafür liegt in ihrer Vergangenheit. In einigen Wendungen der deutschen Sprache klingt es an: sie steht neben sich, bewegt sich neben der Spur. Zumindest nicht in derselben wie die anderen in ihrer Umgebung. Eine krankhafte Erscheinung? Entspringt das, was ihr im Weiteren widerfährt, purem Wahn?

Darin liegt die spannende Frage des von Hervé Hadmar (auch Regie) und Marc Herfoux kreierten und gemeinsam mit Sylvie Chanteux verfassten französischen Dreiteilers „Hinter den Mauern“. Die Bücher des Trios strotzen vor surrealen Einfällen. Nichts ist absehbar, bald jeder von Lisas Schritten bringt eine unerwartete Wendung. Selbst die kürzeste Inhaltsangabe würde bereits zu viel verraten. Daher nur knapp die Exposition: Lisa erbt überraschend eine alte, zwischen hässlichen modernen Hochhäusern eingepferchte Stadtvilla. Der frühere Besitzer ist ihr völlig unbekannt. Dies jedenfalls erklärt sie dem Notar und erscheint aufrichtig verwirrt.

Das Testament enthält einen rätselhaften Verweis auf das Johannes-Evangelium: „Ich bin die Tür. So jemand durch mich eingeht, der wird selig werden und wird ein und aus gehen und wird Weide finden.“ Seltsamerweise liegt das Haus genau gegenüber ihrer kleinen Mietwohnung. Sie hat es oft durch das Fenster betrachtet. Jetzt gehört es ihr. Es ist vernachlässigt und in schlechtem Zustand. Stück für Stück trägt sie ihre Habe über die Straße und beginnt im Alleingang mit der Renovierung. Unter der Tapete findet sie ein Muster aus fraktalen Gebilden, die Hermann Rorschach in Verzückung versetzt hätten.

Als Lisa aus einem Albtraum erwacht, hört sie hinter der Wand ein klägliches Jammern. Den Vorschlaghammer schwingend, legt sie einen verborgenen Gang frei. Eine Tür, ein geheimes Zimmer. Auch dort die seltsamen Muster an der Wand. Eine Treppe, die abwärts führt …

Mit „Hinter den Mauern“ gelang Hervé Hadmar und Marc Herfoux, die auch für die bemerkenswerte französisch-belgische Krimiserie „Die Zeugen“ (unter anderem bei Maxdome und Amazon verfügbar) verantwortlich zeichnen, eine verstörende Phantasmagorie, ein schaurig- und traurig-schönes Märchen, das weitgehend ohne den Rückgriff auf neuere Genrekonventionen, vor allem ohne explizite Gewaltdarstellungen auskommt. Umso beeindruckender, wie hier mit erzählerischem Geschick und Einfallsreichtum eine nie nachlassende Gruselstimmung geschaffen wird. Nicht um ihrer selbst willen, wie bei der formal ambitionierten, aber inhaltlich belanglosen deutschen Mind-Fuck-Serie Weinberg, sondern um eine tiefere Bedeutung zu transportieren, wie sich im Schlusskapitel zeigt – Zuschauer, die durchhalten, werden belohnt.

Die Geschichte speist sich aus uralten Mythologien, macht Anleihen beim christlichen Glauben und bei der Dunklen Romantik, auch eine Variation der antiken Sage von Orpheus und Eurydike lässt sich herauslesen. Eine entfernte Verwandtschaft gibt es zu der US-Kultserie „Lost“, wobei das betreffende Motiv hier aber auf sämtlichen filmischen Ebenen ganz und gar eigenständig interpretiert wird. Die mehrfach ausgezeichnete Hauptdarstellerin Veerle Baetens, in Deutschland bekannt aus dem Oscar-nominierten Kinofilm „The Broken Circle“ und aus den Serien „Code 37“, „The Team“ und „The White Queen“, beweist einmal mehr ihre schauspielerische Sonderklasse. In weiteren Rollen sind François Deblock und Geraldine Chaplin zu sehen.

Arte zeigt die drei eng verknüpften Folgen am Donnerstag, 22.9., ab 21:45 Uhr am Stück.

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