Misanthrop in den Tropen – die neue Krimiserie „Death in Paradise“

Eigentlich ist es eine Kombination uralter Konzepte: Für die Serie „Death in Paradise“ koppelte ihr Schöpfer Robert Thorogood das „Fish Out Of Water“-Prinzip mit der „Ungleiche Partner“-Nummer. Kennen wir auch von deutschen Krimis zur Genüge. Und dennoch: Das Ergebnis erscheint schon in den ersten zehn Minuten kurzweiliger als drei „Tatorte“ zusammen. Das macht ja immer wieder staunen: Der „Tatort“ ist ein Prestigeobjekt, da fließen in jede Ausgabe erhebliche Summen und die Arbeit vieler Menschen. Und doch wird die Reihe nicht nur von US-amerikanischen, sondern auch von vielen – herstellungstechnisch eher vergleichbaren – britischen Produktionen qualitativ locker übertroffen.

Nun hat „Death in Paradise“ immerhin einen speziellen Trumpf: Die Geschichten spielen in der Karibik auf der fiktiven, von Guadeloupe gedoubelten Insel Sainte-Marie. Die steht gerade unter britischer Kolonialverwaltung, hat aber eine wechselvolle Geschichte. Unter anderem gehörte sie mal den Franzosen, weshalb es auf dem idyllischen Eiland noch immer französische Staatsangehörige gibt. „Und ich dachte schon, es könnte nicht mehr schlimmer kommen“, stöhnt angesichts dieser Tatsache Detective Inspector Richard Poole, der von der britischen Mutterinsel auf die kleinere beordert wurde, um den Mord an einem Kollegen aufzuklären. Eine ziemliche Drehbuchfrechheit, denn die Serie wird von französischer Seite koproduziert.

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Qualitätszeitungsjournalismus in seiner schönsten Form

Nicht schön von der Kombizeitung „Frankfurter Rundschau“/“Berliner Zeitung“, der Netzgemeinde die jüngsten Gedankenblitze des Qualitätszeitungsjournalisten Jan Freitag vorzuenthalten, wie sie am Freitag, 20.7., zumindest in der Printausgabe der „Rundschau“ zu lesen waren. Schon der erste Satz – ein Hammer, eine Granate, ein echter Freitag: „Doppelnamen treiben oft seltsame Blüten.“ Großartig.

Über kurz oder lang, nein, recht eigentlich doch über lang lief die Ouvertüre auf ein Porträt des Moderators Klaas Heufer-Umlauf hinaus. Bestechend wiederum ist Freitags Erfolgsanalyse. Demnach hat Heufer-Umlauf „vor allem Erfolg, weil Moderation im Team boomt – Gottschalk & Hunziker, Schmidt & Andrack und die Siez-freunde [sic!] Netzer & Delling haben es in den vergangenen Jahren vorgemacht.“ In Sachen Boom nicht zu vergessen: Maria & Margot Hellwig, Marianne & Michael, Frank Elstner & Ranga Yogeshwar. Wenn schon hinkende, fast schon einbeinige Vergleiche, dann doch bitte richtig.

Fachwissen verlangt ja heute keiner mehr. Dennoch, man hätte sich zu der neuen ProSieben-Show natürlich auch mal mit der Vorbildfunktion des britischen Moderatorenteams Ant & Dec befassen und vergleichsweise die von den Comedy-Genies Ricky Gervais und Stephen Merchant („The Office“ alias „Stromberg“; „Extras“) mit Karl Pilkington als Protagonisten realisierte Show „An Idiot Abroad“ in Augenschein nehmen können. Eine der von Gervais und Merchant dem Akteur Pilkington zugemessene Aufgabe bestand darin, einen professionellen Wrestling-Kampf zu absolvieren. Was musste Joko in „Joko gegen Klaas“ verrichten? Sich von einer mexikanischen Ringerin auf die Matte werfen lassen. Was für ein Zufall.

Am Freitag wusste Freitag noch zu berichten, dass Klaas Heufer-Umlauf beinahe, unter Umständen, so Gott gewollte hätte und wenn alles ganz anders gekommen wäre, gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Joko Winterscheidt eventuell die Moderation von „Wetten, dass …?“ übernommen hätte. „…das mit dem Samstagabend hätte klappen können“, fabuliert Jan Freitag zum Thema. Stattdessen bekamen Joko & Klaas die Sendereihe „Joko gegen Klaas – Duell um die Welt“. Eine Samstagabend-Show, Beginn 20.15 Uhr, Sendezeit zirka dreieinhalb Stunden. Scheint also doch irgendwie geklappt zu haben mit dem Samstagabend.

Jan Freitag hat es dann doch noch rechtzeitig gemerkt und für den „Kölner Stadt-Anzeiger“ eine Rezension verfasst. Und der garstige Klaas Heufer-Umlauf brachte es scheint’s fertig, Freitags Zuneigung von Freitag auf Samstag leichtsinnig zu verspielen. In der „Rundschau“ hieß es noch: „Der ganze Typ: unwiderstehlich!“ Im „Kölner-Stadtanzeiger“ dann wird Heufer-Umlauf zu einer von zwei „wohlfrisierten Vorzeigegören des Kommerzfernsehens“. Man kann es diesen Feuilletonfürsten aber auch einfach nicht recht machen.

Rundum abgesperrt

Zu den Acts auf der N-Joy-Bühne beim Turnfest 2012 gehörten Frida Gold. © Harald Keller

Der Luxuslärm ist verstummt, das Konzert der gleichnamigen Band zuende. Vor dem Ausgang drängeln sich die Massen, darunter viele Kinder. Zum Glück brechen nicht alle Besucher gleichzeitig auf, einige verweilen noch an den Getränke- und Imbissbuden. Dennoch steht man dicht an dicht im Osnabrücker Schlossgarten, wo zwischen dem 20. und 23. Juli aus Anlass des 15. Landesturnfestes Niedersachsen an vier Abenden eine Reihe mit kostenlosen Open-Air-Konzerten mit Bands wie Frida Gold und Interpreten wie Cassandra Steen stattfindet. „Eigentlich sieht man doch zu, dass man das Gelände schnellstmöglich leer kriegt“, sagt ein Wachmann am Rande. „So kenne ich das jedenfalls.“

Wer öfters große Rockkonzerte und Open-Air-Veranstaltungen besucht, kennt es auch so: Um am Ende des Abends einen zügigen Abfluss des Publikums zu ermöglichen, werden zusätzliche Ausgänge geöffnet. Nicht so in Osnabrück, obwohl hier die Zuschauerströme problemlos in mehrere Richtungen – den Mensavorplatz, die Ritterstraße, den Wall – abgeleitet werden könnten. Stattdessen wird nur der Eingangsbereich als Ausgang genutzt. Die Besucher quetschen sich durch sechs schmale Gänge einer metallenen Barriere. Die ist sinnvoll, um einen kontrollierten Zugang zu gewährleisten, erweist sich aber beim Verlassen des Festplatzes als Nadelöhr. Generell erscheint das Arrangement heikel – während der Veranstaltung werden ankommende Besucher und solche, die das Gelände verlassen wollen, aufeinander zugeführt. Mehr noch, Absperrungen mit Sichtblenden verengen den Raum zwischen Einlass und Festplatz und kanalisieren den Publikumsstrom, der Weg wird umständlich und ohne Not rechtwinklig um die Ecke geführt, was Ortsfremden und insbesondere auch den jungen Gästen die Orientierung erschwert.

Unübersichtliche Wegführung im Ein- und Ausgangsbereich. © Harald Keller

Unübersichtliche Wegführung im Ein- und Ausgangsbereich. © Harald Keller

Auf die Frage eines Besuchers, warum nicht zumindest nach Ende der Konzerte weitere Ausgänge geöffnet werden, antwortet einer der Sicherheitsleute „Wegen Duisburg“. Eine verblüffende Antwort, denn im Juli 2010 kam es bei der Loveparade in Duisburg gerade deswegen zur Katastrophe, weil es nur einen kombinierten Ein- und Ausgang und keine Ausweichmöglichkeiten gab, als die Menge in Panik geriet. In Osnabrück stellt sich die Situation grundsätzlich anders dar. Absperrungen und Sichtblenden können und sollen im Notfall kurzfristig beiseite geräumt werden. Der Pressesprecher des Niedersächsischen Turnerbundes teilt dazu mit: „Das Sicherheitskonzept wurde in enger Abstimmung mit der Stadt und der Polizei entwickelt. Da nur maximal 12.000 Personen auf das Gelände dürfen, ist es rundum abgesperrt. Probleme würde es dann geben, wenn mehr als 12.000 Personen auf das Gelände kämen und eine Panik ausbricht. Es gibt diverse ‚Fluchträume’, und die flexiblen Sichtschutzwände würden dann komplett aufgemacht.“

Selbst bei 'geordnetem Abzug' herrscht am Ausgang drangvolle Enge. © Harald Keller

Selbst bei ‚geordnetem Abzug‘ herrscht am Ausgang drangvolle Enge. © Harald Keller

Wie die Anlage jetzt eingerichtet ist, dürfte es freilich auch dann Probleme geben, wenn unter wenigen Besuchern eine plötzliche Panik ausbricht. Kaum vorstellbar, dass das Sicherheitspersonal die Stellwände tatsächlich schnell genug beiseite räumen kann. Zumal es mit der Kommunikation zu hapern scheint. Am Freitagabend hieß es, es gebe nebenan vor der Mensa, und damit auf einem der potenziellen Fluchtwege, eine „Hauerei“. Ein Trupp Bereitschaftspolizisten setzte sich in Bewegung. Die Mitarbeiter der privaten Sicherheitsfirma hingegen, obwohl näher am Geschehen, wussten nicht, was vor sich ging und schienen auch nicht sonderlich interessiert. Die Sache stellte sich als harmlos heraus. Doch wie schnell könnten die Wach- und Sicherheitsleute reagieren, wenn ein gefährlicher Ernstfall einträte?

Die Möglichkeit, das Gelände zu überfliegen, hatte leider nur die Akrobatin der Luftartistengruppe Dream Engine. © Harald Keller

Die Möglichkeit, das Gelände zu überfliegen, hatte leider nur die Akrobatin der Luftartistengruppe Dream Engine. © Harald Keller

Fundraiser, Fälscher, Fauser

In der „Neuen Züricher Zeitung“ berichten Kate Nacy und Stephan Russ-Mohl über neuere Tendenzen in der US-amerikanischen Journalistenausbildung, die den Beruf mehr denn je in Richtung freies Unternehmertum drängen werden. Das Autorenteam spielt die Übertragung auf deutsche Verhältnisse durch: „Die neuen Journalisten würden dann keine dynamischen Unternehmer Schumpeterscher Prägung werden, sondern Fundraiser – oder, um es eindringlicher auf Deutsch zu sagen: Leute, die sich ihr täglich Brot zusammenbetteln müssen. Mit allen gar nicht so neuen Abhängigkeiten, die sich daraus für die Berichterstattung ergeben.“

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Irrtümer in der deutschsprachigen Serienrezeption

Am heutigen Montag zeigen uns die Briten wieder einmal, wie das geht mit guten Fernsehserien. Bei ZDFneo laufen mit „Hustle“, „The Fades“ und „Spooks“ eine Krimikomödie, eine Schauergeschichte und ein Agentenkrimi. Drei verschiedene Genres, aber alles auf hohem Niveau. Das ist umso bemerkenswerter, als auf bald jeder Tagung zur Krise beziehungsweise zur Rückständigkeit deutscher Serien irgendjemand auf die USA verweist und den Unterschied zur Qualität dortiger TV-Produktionen beispielsweise damit begründet, „dass der deutschsprachige Markt einfach zu klein sei, um ähnlich kostspielige Serienproduktionen zu gestatten, wie sie in den USA möglich sind„.

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Über die Schlafmützigkeit einer öffentlich-rechtlichen Pressestelle

In der Pressestelle des ZDF herrscht nicht nur eine deutlich spürbare Lustlosigkeit (hamwer nich‘, gibt’s nich‘, kriegen wir auch nich‘ rein), man scheint dort auch so gar keine Vorstellung von redaktionellen Abläufen zu haben. Da macht man – doch wohl in der Hoffnung auf redaktionelle Berücksichtigung – in Form einer Pressemitteilung auf neue Folgen der Reportagereihe „Wild Germany“ (ZDFneo) aufmerksam, gibt die Themenofferte aber erst am 10.7. um 12.04 Uhr in den Verteiler. Ausstrahlungsbeginn war am 12.7. Auf derart kurzfristige Informationen können allenfalls Online-Redaktionen noch angemessen reagieren. Und selbst die brauchen, die Erfahrung zeigt es, bisweilen deutlich mehr Zeit, um über Annahme eines Themas und dessen Umsetzung zu befinden.

Die Praxis der ZDF-Pressestelle ist kein Ausnahmefall, sondern die Regel. Am Montag, 16.7., startet im Hauptprogramm nächtens um 23.50 Uhr die Neuauflage der Kultserie „Nummer sechs“ („The Prisoner“). Die entsprechende Mitteilung erreichte den Verfasser am 13.7. um 16.12 Uhr, einem Freitag also (!). Nur gut, dass das Thema an dieser Stelle schon verhandelt wurde. Wer’s nochmal nachlesen möchte oder bislang dazu keine Gelegenheit hatte, folge bitte diesem Link.