No Remorse

Lemmy Kilmister. (c) Harald Keller„We are Motörhead. And we play Rock ’n‘ Roll.“
Lemmy Kilmister (1945 – 2015)

 

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Überdosis Sauerkraut

Das öffentliche Staunen über den ausbleibenden Publikumserfolg der RTL-Fernsehserie „Deutschland 83“ nährte Medienredaktionen und verwandte Fächer bis weit über das Finale des Achtteilers, das am 17. Dezember die Handlung mit der vorläufigen Rettung der Welt vorerst abschloss. Die Spekulationen über die mangelnde Nachfrage reichten hierhin und dorthin, nur das eigene Metier, die programmbegleitende Publizistik, stand außer Diskussion.
Die publizistischen Wellen waren bereits hochgeschwappt, nachdem zwei Folgen der Serie bei den Berliner Filmfestspielen im Frühjahr 2015 gezeigt worden waren. Zwei Folgen von acht, und trotzdem waren sich viele Betrachter, die dem Ereignis beiwohnen durften, sicher, hier ein großes Werk gesehen zu haben.
Die Berichterstatter blieben dieser Tendenz in den folgenden Monaten treu und stellten sich sogar beflissen in den Dienst der Sache. Immerzu gab es etwas zu melden; die Presseabteilung des Produktionsunternehmens Ufa Fiction sorgte kräftig für Nachschub. Großes Getöse erzeugten ausgewählte, weil wohlwollende US-amerikanische Kritiken, der Verkauf der Serie in die USA und der Umstand, dass sie dort sogar vor der Deutschland-Premiere gezeigt werden würde.

Das Märchen vom US-Erfolg

Die Presseartikel folgten oftmals sehr eng den Verlautbarungen der Herstellerfirma und den nicht wenigen Stellungnahmen und Interviewaussagen des fleißig werbetrommelnden Produzenten Nico Hofmann. Immer wieder war davon die Rede, „Deutschland 83“ sei in den USA mit Erfolg aufgeführt worden, mit „großem Erfolg“ gar. Bild.de tönte gewohnt reißerisch: „In den USA ist die Serie ‚Deutschland 83‘ jetzt schon ein Riesen-Erfolg!“
Der Redakteur eines Tageblatts beantwortete einen korrigierenden Hinweis sinngemäß mit den Worten: Nico Hofmann hat das aber so gesagt! Nico Hofmann – in den Augen deutscher Journalisten unanfechtbar? Ein Pate? Gar schon Papst?
Selbst der über „Deutschland 83“ deutlich skeptischer urteilende FAZ-Redakteur Jochen Hieber munkelte in seiner Rezension vom 26.11.2016 von einem „ferne[n] Erfolg“ und nobilierte nebenbei den ausstrahlenden Sender SundanceTV mit dem Hinweis, dieser sei „Mitte der neunziger Jahre von Robert Redford gegründet“ worden. Tatsächlich war die Sendergründung Ergebnis eines Joint Ventures. Redford war eine der treibenden Kräfte und firmierte in der Anfangszeit als „Creative Director“. Der heutige SundanceTV ist ein kleiner Spartensender mit geringer Reichweite. Dort brachte es „Deutschland 83“, in der Spätschiene ausgestrahlt im Original mit englischen Untertiteln, zum Auftakt auf 66.000 Zuschauer. Die höchste Reichweite lag bei 143.000 Zuschauern.
Im Gros wurde die Berichterstattung in Deutschland bestimmt von eilfertig weitergereichtem PR-Geplapper und sogar von Falschmeldungen wie der, wonach „Deutschland 83“ die erste je in die USA verkaufte deutsche Serie gewesen sei. Man mag gar nicht glauben, dass den vielen Redakteuren, die zur Streuung dieses von der dpa stammenden Humbugs beitrugen, der Fehler nicht aufgefallen sein soll. War es der Wunsch, von dem vermeintlich sensationellen Gehalt der Meldung zu profitieren? Wollte man der Serie durch diese Lügengeschichte aufhelfen?

Aus egozentrischer Perspektive geurteilt

Als dann zum Sendestart in Deutschland nur wenige Zuschauer einschalteten und die Quoten sogar von Folge zu Folge sanken, reagierten die Claqueure mit Entsetzen. In der Medienkolumne „Altpapier“ vom 21.12.2015 notierte Frank Lübberding beiläufig: „Dabei hatte diese Serie alles, was Kritikern ansonsten gefällt.“ Problem benannt, aber offenbar nicht erkannt.
In ihren Jubelarien und Lobeshymnen hatten „die Kritiker“, viele davon Vertreter einer ahistorisch und ohne nachvollziehbare Kriterien, oft auch nach überkommenen, mehr an einer theatralischen als filmischen Ästhetik orientierten Maßstäben urteilenden Berufsuntergruppe, die RTL-Produktion mit hochrangigen Serien wie „Breaking Bad“, dem US-Remake von „House of Cards“, „Mad Men“ verglichen. Und egozentrisch ihr eigenes Sehverhalten auf das große Fernsehpublikum projiziert. Ein eklatanter Fehlschluss: All diese Importserien hatten in Deutschland kaum Zuspruch gefunden. „Mad Men“ wurde sogar im Herkunftsland nur von einer winzigen Minorität goutiert und blieb dort nur aus Prestigegründen im Programm. Einem breiten Publikum – der sich im Überschwang verlierende Chor reichte vom Intelligenzblatt über die Web-Publizistik bis zur Lokalzeitung – wurde folglich etwas angepriesen, was ihm schon vorher nicht zugesagt hatte. Und das auch noch mit einer fragwürdigen Rhetorik, die bei echten, langjährigen Serienfans nur Argwohn wecken konnte.
Verstiegene Übertreibungen wie die, „Deutschland 83“ sei das deutsche „Homeland“, befeuerten dieses Misstrauen. Einige typische Zitate:
„(…) die wohl beste Serie, die RTL jemals in Auftrag gegeben hat“ (Bild.de)
„(…) die erste Folge der besten deutschen Serie circa seit Menschengedenken“ (Zeit.de)
„(…) setzt neue Erzählstandards für das deutsche Fernsehen“ (Spiegel.Online)
Es konnte kaum anders geschehen: Die Premiere ging über die Bühne – und der Kaiser war nackt. Eine unglaubwürdige Exposition, eine seltsam mäandernde Handlung ohne innere Spannung, blasse Charaktere ohne Bezugspunkte für den Betrachter, eine reizlose Inszenierung auf gewöhnlichem TV-Film-Niveau, absurde Intermezzi wie jenes mit der mordlüsternen Chinesin, Schauspieler mit Plakattafelmimik – seht her, ich bin ein ostdeutscher Stasi-Fiesling!
Auf der Web-Seite des Berliner „Tagesspiegel“ schrieb ein Zuschauer am 10. Dezember unter anderem: „Ich habe mich wirklich darauf gefreut – und wurde maßlos enttäuscht. Bei der ersten Doppelfolge bin ich fast eingeschlafen. Es hat mich einfach nicht gepackt.“ Ein anderer monierte mit gleichem Datum: „Man merkt stets und immer, dass man sich innerhalb einer Serie befindet. Schlechte, teilweise grottenschlechte, hölzerne und getriebene Dialoge.“

Man glaubt es nicht

Diese Kritiken haben durchaus ihre Bewandtnis und es verwundert, dass eine große Zahl von Rezensenten großzügig über die erkennbaren Schwächen von „Deutschland 83“ hinweg sah oder aber als typisch amerikanische Lockerheit – die Ideengeberin Anna Winger ist US-Amerikanerin – ins Positive wendete.
Schon die Exposition musste aufmerksame Betrachter irritieren. „Deutschland 83“ erzählt eingangs von dem jungen DDR-Grenzsoldaten Martin Rauch (Jonas Nay), dessen Tante Lenora (Maria Schrader) ihn im Jahr 1983 zu einer Spionageaktion im Westen nötigt. Der etwa gleichaltrige Braunschweiger Oberleutnant Moritz Stamm soll in den Stab des NATO-Generals Wolfgang Edel (Ulrich Noethen) eintreten, wird aber auf dem Weg zum Standort Daun in der Eifel ermordet. An seiner Stelle beginnt Rauch, der dem Toten ein wenig ähnlich sieht, den Dienst bei Edel.
Rauch alias Stamm erhält quasi über Nacht eine Kompaktausbildung als Spion. Die reicht als Vorbereitung nicht aus, denn vorschnell in die Praxis entlassen, kann er keine westliche Telefonanlage bedienen, ist von Speisekarten und den Usancen in bundesdeutschen Hotels überfordert. Andererseits findet sich der etwas linkische Twen in der komplexen Institution Bundeswehr offenbar intuitiv zurecht. Die systemeigene Sprache, Dienstränge, Verhaltensweisen, Rituale – alles kein Problem.
Der gesamte Plan als solcher kann nicht überzeugen. Denn aus dem sozialen oder familiären Umfeld des ermordeten echten Moritz Stamm müsste nur mal eine Person Kontakt suchen und der Schwindler wäre aufgeflogen. In einer Folge kommt es tatsächlich zu einem derartigen Vorfall, der aber eher en passant und unglaubwürdig aufgelöst wird.
Unwahrscheinlich, dass die DDR-Auslandsaufklärung eine solche Panne mutwillig riskiert hätte. Zumal, und hier wird es nun endgültig absurd, der falsche Stamm im Umfeld von Generalmajor Edel mit Oberstleutnant Karl Kramer (Godehard Giese) bereits einen weiteren DDR-Spion antrifft. Der verfügt über einen hieb- und stichfesten Lebenslauf und genießt das Vertrauen Edels – eine erstklassige Quelle für seine Auftraggeber in der DDR, die durch den Amateur Rauch unnötig in Gefahr gebracht wird.

Von Nervenkitzel keine Spur

So lassen sich Folge für Folge gravierende Brüche in der Handlungslogik belegen. Über die könnte man buchstäblich hinwegsehen, wenn denn die Serie mit ausgemachten Nervenkitzel zu fesseln vermöchte. Die Spannungstechnik jedoch beschränkt sich zumeist darauf, den Agenten Stamm in eine Situation zu bringen, in der er von plötzlicher Entdeckung bedroht ist. Nicht nur nutzen sich diese Szenen sehr bald ab, sie wirken schlechterdings nicht: würde Stamm enttarnt, käme die Serie ja nicht auf acht Folgen.
Der von manchen Rezensenten angestellte Vergleich mit der US-Thrillerserie „Homeland“ ist entsprechend grotesk. Mal abgesehen vom Umstand, dass die jüngste Staffel von „Homeland“ inhaltlich so aktuell und brisant ist, wie es nur eben geht – nach den Pariser Terroranschlägen sahen sich die Produzenten sogar genötigt, per vorangestellter Einblendung auf den rein fiktionalen Charakter der Serie hinzuweisen –, wird dort sehr geschickt mit unterschiedlichen Spannungsfaktoren gearbeitet. Manche der zumeist gut ausgeloteten Figuren treiben mit Wissen des Zuschauers doppeltes Spiel, andere bleiben rätselhaft, Absichten werden angedeutet, dann wieder unterlaufen, vermeintlich absehbare Entwicklungen erfahren unerwartete Wendungen. „Deutschland 83“ mit seinen vorwiegend eindeutigen Charakteren kam dem nicht ansatzweise nahe.
Um nochmals eine Zuschauerstimme von der Web-Seite des „Tagesspiegels“ zu zitieren: „Deutschland 83 ist einfach langweilig. Ich sitze davor und merke, dass es mir eigentlich egal ist, wie es weitergeht.“

Eine überdimensionierte Portion Hausmannskost

Bei einer ernsthaften, von Sentiment ungetrübten Betrachtung kann es überhaupt nicht verwundern, dass die Serie Folge um Folge an Zuschauern verlor. Und das war augenscheinlich auch anderswo der Fall. Auf dem Web-Portal Internet Movie Database können angemeldete Nutzer ihre Punktwertungen abgeben. Die Auftaktfolge von „Deutschland 83“ wurde 140-mal beurteilt. Danach nehmen die Stimmen pro Folge – mit einer Ausnahme – kontinuierlich ab; bei der Schlussepisode „Able Archer“ votierten nur noch 58 Stimmberechtigte.
John Anderson vom „Wall Street Journal“ (11. Juni 2015) hatte es kommen sehen: „It’s certainly entertaining and well-done but, based on the first two chapters, the viewers are going to have to swallow quite a large helping of implausible sauerkraut to attain their suspension of disbelief.“
Sagen wir‘s mal so: Spätestens nach der dritten Folge war selbst gutwilligen Betrachtern der Appetit auf dieses saure Kraut vergangen.