Ein Boykott als Basis attraktiver Möglichkeiten

Ein umfassender Boykott der Fußball-EM in der Ukraine aus Protest gegen die Unterdrückung der Opposition wäre ein verdienstvolles politisches Zeichen. Und böte, sofern die Fernsehanstalten sich konsequent anschließen, faszinierende Möglichkeiten. Denn da würde ja jede Menge bereits verplanter Sendezeit wieder frei. Zum Beispiel für abendfüllende Dokumentationen über Menschenrechtsverletzungen in aller Welt. Die AG Dok hätte da bestimmt ein paar passende Vorschläge parat. Wo steckt eigentlich der Dokumentarfilmlobbyist Thomas Frickel, der doch sonst jede Gelegenheit nutzt, an die Öffentlichkeit zu treten und bald jedes Mal willige Abnehmer findet? Hier böte sich mal wieder eine Chance. Und was für eine …

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Auch mal ein Thema für den Jugendschutz

Ein vier Jahre altes Wahlplakat, das man unter der Voraussetzung einigermaßen bösen Willens und ausgepichter Absicht, aber ohne Tatsachenbasis in die Nähe von Kindesmissbrauch rücken könnte, sorgt, wie Peter Seidel in seinem Blog berichtet, für neuerliche, künstlich geschürte Aufregung. Wer sich über die Zusammenhänge informiert hat, möge sich dann einmal bitte das eingeblendete Bild unten und darauf vor allem die Empfehlung unten links anschauen. Es handelt sich um die bedruckte Pappumhüllung einer Video-Leerkassette, die sich seit Jahren unbeanstandet im Handel befindet und immer noch vertrieben wird. Dies möge niemand als Relativierung in welcher Form auch immer missverstehen, sondern als sprachlos machende Beobachtung. Konsternierend auch deshalb, weil doch Kinderschützer jeglicher Provenienz vor drei Jahren wie wild durch alle Medien tobten, als RTL mit „Erwachsen auf Probe“ die Adaption der edukativen BBC-Reihe „The Baby Borrowers“ ins Programm nahm.

Aus dem damaligen Kasus lässt sich exemplarisch ableiten: Manch eine öffentliche Auseinandersetzung entpuppt sich bei näherer Betrachtung als rein symbolischer Akt, der weniger der vorgetragenen Sache gilt als vielmehr der publikumswirksamen Positionierung und damit Popularisierung der Beteiligten.

Ein lohnender Ausflug aufs Land

Am 19. Mai lädt der Kulturverein L.I.F.T. wieder ein zur alternativen DJ-Party „Electric Musicland“. Dieses verbirgt sich hinter den Toren des früheren Gasthaus- und heutigen Theatersaales der idyllisch gelegenen Compagnia Buffo in Restrup bei Bippen (zwischen Osnabrück und Bremen). Bei schönem Wetter lädt auch der von den Kronen alter Eichen überdachte Hof zum Aufenthalt. Drinnen gibt es dann Musik aus den Rock-Diskotheken der 60er und 70er, nicht nur Standards, sondern auch Gewagtes. Vielleicht mal wieder Shanti, Dakila oder Osibisa, Argent, Gentle Giant oder die Edgar Broughton Band, Cissy Houston, Taj Mahal, Sugar Cane Harris oder Les McCann. Wer weiß, wer weiß …

(c) Harald Keller

Wollen wir’s wahr haben?

Abwertende Bemerkungen über das Fernsehen – in diesem Zusammenhang ja immer ein nicht näher bestimmtes Phänomen; selten hingegen liest man ähnlich dümmlich-vereinfachend über „das Buch“ – gehörten lange Zeit zu den Distinktionsstrategien des Feuilletons und zu denen der Kinogänger im Besonderen. Wobei oftmals schnell auszumachen war, dass die Betreffenden sich nie näher mit dem Objekt ihrer Verachtung auseinandergesetzt hatten. Dies änderte sich in jüngster Zeit, da selbst hartnäckigste Fernsehverweigerer nicht umhin kamen, die Qualitäten dieses Mediums insbesondere im Bereich der seriellen Erzählung anzuerkennen. Um aber nicht etwa das frühere (Fehl-)Urteil revidieren zu müssen, wurde aus der Fernsehkritik die DVD-Kritik, während zugleich ein neuer Medienmythos in die Welt gesetzt und mantraartig wiederholt wurde: die Behauptung nämlich, dass die besagten erzählerischen Qualitäten ja etwas unerhört Neues seien. Faktenorientiert ist diese Art der Berichterstattung keinesfalls.

Die „Frankfurter Rundschau“ scheint sogar noch an den ganz alten Lügen festhalten zu wollen. Dort beginnt die erste Frage eines Interviews mit der Schauspielerin Katherine Heigl mit den Worten: „In Hollywood schaffen nicht viele den Sprung vom TV-Star auf die große Leinwand.“ Was ist das – bare Unkenntnis oder freche Ignoranz?

Um dem Web mal wieder einen Vorsprung vor dem Printprodukt zu verschaffen, hier nur einige der vielen, die den Sprung vom TV-Star auf die Leinwand (Wobei ohnehin immer außer Acht gelassen wird, dass man mit einer halbwegs erfolgreichen Serie weit mehr Zuschauer erreicht als mit einem halbwegs erfolgreichen Kinofilm.) geschafft haben:

Jason Bateman (Serie: „Arrested Development“ u. a.)

Sandra Bullock (Serie: „Working Girl“ u. a.)

John Cassavetes (Serie: „Johnny Staccato“ u. a.)

George Clooney (Serie: „Emergency Room – Die Notaufnahme“ u. a.)

Johnny Depp (Serie: „21 Jump Street“)

Clint Eastwood (Serie: „Rawhide“)

Ben Gazzara (Serien: „Arrest and Trial“; „Wettlauf mit dem Tod“ u. a.)

Taylor Kitsch (Serie: „Friday Night Lights“)

Ashton Kutcher (Serie: „Die wilden 70er“ und die Reality-Show „Punk’d“)

Jack Lemmon (Serie: „The Road of Life“ u. a.)

Walter Matthau (Serie: „The Philco Television Playhouse“ u. a.)

Helen Mirren (Serie: „Cousin Bette“ u. a.)

Demi Moore (Serie: „General Hospital“)

Ellen Page (Serien: „Trailer Park Boys“; ReGenesis“ u. a.)

Brad Pitt (Serien: „Another World“; „Glory Days“ u. a.)

Burt Reynolds (Serie: „Dan Oakland“)

Ryan Reynolds (Serie: „Ein Trio zum Anbeißen“ u. a.)

Meryl Streep (Serie: „Holocaust“)

Denzel Washington (Serie: „Chefarzt Dr. Westphall“)

Michelle Williams (Serie: „Dawson’s Creek“ u. a.)

Das ließe sich noch lange fortsetzen, aber die wenigen Namen zeigen schon: Damit kann das Fernsehen sich sehen lassen. Die Kinoproduzenten gucken ja auch gerne zu und engagieren weg, was dort Potenzial bewiesen hat.

Sonderbare Bedarfsbemessung

Über eines herrscht wohl halbwegs Einigkeit: Das weltweite Web ist bei allen Vorteilen doch nicht zuletzt ein ungeheurer Zeitfresser. Bisweilen auch auf indirekte Art. Nach der Lektüre des heutigen Medienblogs auf Evangelisch.de kann sich so manch eine/r nicht mehr auf die Arbeit konzentrieren, weil man zu ergründen sucht, wie man wohl einen Bedarf herausfordert. Ausgelöst hat das kollektive Hirnzermartern die folgende Passage a.a.O.:

„Wenige Tage noch bis zur großen 100. big time Sause des Herrn Axel Cäsar Springer, und an wie vielen Fronten das Verlagshaus Springer, dessen Gründer den Feldherrn vielleicht ja auch nicht zufällig schon im Namen trug, derzeit mal wieder zeitgleich Gesprächsbedarf herausfordert, das ist schon ein Ding.“

Die Herausforderungen der Gegenwart sind halt immer wieder von abgefeimter Tücke und bringen manch einen mit scheint’s zeitschleifenartig auftretender Zeitgleiche gehörig ins Straucheln.

Jede Ähnlichkeit mit bereits existierenden Serien wäre rein zufällig

Am Freitag, 20. April, startete im ZDF die neue Serie „Die letzte Spur“. Aber weiß heißt schon neu … Auf inhaltliche Übereinstimmungen mit der in ihrem Herkunftsland von 2002 bis 2009 ausgestrahlten US-Serie „Without a Trace“, bei deren inhaltlicher Analyse man übrigens die Ereignisse vom 11.9.2001 nicht außer Acht lassen sollte, ist von leidlich informierten Bildschirmbeobachtern schon hingewiesen worden. Aber auch optisch … Doch sehen Sie selbst. Beide Serien laufen freitags, die eine um 21:15 Uhr, die andere um 0:10 Uhr. Der unterschiedlichen Sendezeiten wegen sind also Verwechslungen ausgeschlossen.

Jasmin Tabatabai als Mina Amiri in "Die letzte Spur". (Copyright: ZDF)

Jasmin Tabatabai als Mina Amiri in "Die letzte Spur". (Copyright: ZDF)

Marianne Jean-Baptiste als Vivian Johnson in "Without a Trace". (Copyright: Kabel 1)

Marianne Jean-Baptiste als Vivian Johnson in "Without a Trace". (Copyright: Kabel 1)

Susanne Bormann als Sandra Reiß in "Die letzte Spur". (Copyright: ZDF)

Susanne Bormann als Sandra Reiß in "Die letzte Spur". (Copyright: ZDF)

Poppy Montgomery als Samantha Spade in "Without a Trace". (Copyright: Kabel 1)

Poppy Montgomery als Samantha Spade in "Without a Trace". (Copyright: Kabel 1)

Eine kurze Geschichte der epischen Fernseherzählung

Deutsche Rezensenten sind schwer auf „Wire“, aber nicht auf Draht

In der“ taz“ beginnt eine Besprechung der neuen ZDF-Serie „Die letzte Spur“ mit der folgenden Passage:

„Fernsehen ist das neue Kino, amerikanische TV-Serien haben das horizontale, längerfristige Erzählen neu definiert, die großen Romane der Gegenwart heißen „The Sopranos“ und „The Wire“. Das wird derzeit ständig geschrieben. Es stimmt ja auch.

Aber es sind nicht allein die Amerikaner – die Deutschen waren im horizontalen Krimi-Gewerbe zwischenzeitlich auf Augenhöhe, annähernd, nicht ganz. Mit Dominik Grafs und Rolf Basedows „Im Angesicht des Verbrechens“ (ARD) und Orkun Erteners „KDD – Kriminaldauerdienst“ (ZDF). Was in New Jersey und Baltimore geht, geht auch in Berlin.“

Da wurde mit praller Stilblüte, aber recht bündig zusammengeführt, was dem einfachen fernsehenden Volk in den letzten Monaten an schierem Unfug aufgetischt wurde, vom großsprecherischen, aber rotzjungendummen Bescheidwissertonfall – „Fernsehen ist das neue Kino“ – bis hin zu der verblasenen Thesenstellung. Da ist plötzlich alles neu und es scheint eine Revolution im Gange; die „F.A.Z.„, die es eigentlich besser wissen sollte, glaubte entdeckt zu haben, mit den besagten neueren US-Serien seien die Gesellschaftsromane des 19. Jahrhunderts ins Fernsehen eingegangen. Auch bei den klugen Köpfen aus Frankfurt wurden die Backen mächtig geplustert: „Der Roman der Gegenwart ist eine DVD-Box“. Heiliger Charles Wilp, was für ein Satz. (Zur Ehrenrettung: Hier immerhin gab der Schriftsteller Martin Kluger, nomen es omen, ein paar kluge Worte zu Protokoll. Bitte insbesondere zu beachten: „Doch damals hat das Feuilleton geschwiegen, das war pfui.“ Dieses „Damals“ ist noch nicht gar so lange her. Kein Wunder also, dass die Herrschaften sich nicht auskennen; atemraubend, fast schon niederschmetternd aber der mit schierer Unverschämtheit gepaarte Furor und die Emphase, mit denen sie diese Defizite wettzumachen versuchen.)

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